"Monets Küste" in Frankfurt

Die Erfindung der Postkartenmalerei

Die Schau "Monets Küste" im Frankfurter Städel erzählt nicht nur vom Impressionismus, sondern von der Erfindung des Tourismus. Zwischen Felsen, Wellen und Badegästen wird Kunst zur begehrten Ware

Am Beginn der Ausstellung "Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat" versperrt eine monumentale Videoprojektion den Durchgang. Weiße Felsen ragen makellos aus einem Meer, dessen Farbe das Blau des Himmels spiegelt. Ein Postkartenmotiv. Der Witz ist, dass die ganze Ausstellung dahinter Postkartenmalerei zeigt. Denn die hehren – oder auch nur unterstellten – Motive des Impressionismus und voran Claude Monets, die Kunst ganz neu zu schaffen, zerrannen im Angesicht der Naturschönheiten der Normandie zu dem schnöden merkantilen Antrieb, möglichst gut verkäufliche Gemälde zu produzieren.

Gewiss, es wurde vor der Kulisse von Porte d’Aval, Porte d’Amont und Manneporte, wie die drei auffälligsten Felsformationen im Meer links vom Fischerdorf Étretat heißen, Kunst geschaffen: naturalistische, realistische und impressionistische. Die verschiedenen Etappen der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts lassen sich am Motiv der normannischen Felsküste wunderbar durchbuchstabieren, eben weil das gleichbleibende Motiv in jeweils anderer Sichtweise wiedergegeben wird oder Anlass zu Stimmungsmalerei gibt. Aber natürlich haben die Maler kein Lehrbuchmaterial hinterlassen wollen, sondern verkäufliche Ware. Und zwar alle – und für ein gleichbleibendes, wenn auch von Generation zu Generation sich erneerndes bürgerliches Publikum. So gesehen zeigt das Städel keine bloß historische Ausstellung, sondern eine über uns Heutige, die wir die Welt als Tourismus-Destination wahrnehmen.

Der Name Monet dient dem Städel Museum und seinem Kuratorenteam um Alexander Elling und Eva Mongi-Vollmer dabei als Lockmittel, und das funktioniert erwartungsgemäß: Vom Start in der vergangenen Woche weg sind die Ausstellungssäle dicht gefüllt, treiben Kopfhörerführungen Teilnehmende von Raum zu Raum. Der Erfolg ist garantiert, und wenn man über die weiten Transporte so zahlreicher Kunstwerke – 170 sind es alles in allem – von ihren heimischen Museen an den Main staunt, so ahnt man doch, dass die Finanzierung des ambitionierten Unternehmens gesichert ist.

Einblicke in die Entwicklung des Tourismus

Denn ambitioniert ist es allemal. Ein Dutzend der Étretat-Ansichten Monets, aus den verschiedensten Museen entliehen, ist in einer Rotunde als Abschluss und Höhepunkt der Schau versammelt. Zuvor hat man bereits einen Raum mit auberginefarbenen Wänden durchschritten, auf denen acht der Wellenbilder Gustave Courbets dunkel glühen, die ebenfalls an diesem Küstenabschnitt gemalt worden sind – eine Generation vor Monet. Und dann sind, teils früher, teils durchaus zeitgleich entstanden, Bilder vom Badevergnügen am und im Meer zu sehen, in denen die weiß strahlenden Felsen nur den Hintergrund bilden; das Interesse gilt den Badegästen und ihren lokalen Helfern mit Badekarren und Sprungbrett.

Das genau ist der Schlüssel zu dieser Ausstellung: Sie zeigt Kunst, aber sie zeigt ebenso die Entwicklung des Tourismus, der dank der Eisenbahn und erst recht mit der Eröffnung der direkten Bahnlinie von Paris im Jahr 1890 bei nur noch vierstündiger Anfahrt zum Massenvergnügen wurde. Und immer weiter so bis heute, da die Begehung der Felsen auf dem Wanderweg hoch oben mittlerweile verboten ist. Die Kreide bröckelt; der Belastung von Abertausenden Touristen ist sie nicht länger gewachsen.

Étretat verdankt seine Beliebtheit den bizarren Felsformationen, den bootstauglichen Durchlässen durch den Fels hindurch und – zwischen ihnen – der hoch aufragenden Felsnadel namens Aiguille. Doch ebenso seiner idealen Lage in einer Senke inmitten der Steilküste, mit Zugang zum Meer für Fischer und ihre Boote und seit dem frühen 19. Jahrhundert eben auch für badefreudige Touristen. Ein Hotel, einst das allererste am Platze, warb mit einem vom Maler Poittevin auf Holzplanken gemalten Bild. Kunst kann bisweilen nützlich sein.

Pariser Publikum verlangte nach Ansichten vom Urlaubsort

Monet quartierte sich dort ein und zählte ab 1866 zwanzig Jahre lang zu den treuesten Gästen des Ortes. Beinahe täglich zog er mit Malutensilien an den Küstensaum, um die beständig wechselnden Lichtstimmungen einzufangen, etwa die farbigen Spiele der Nachmittagssonne im Durchlass der Porte d’Aval. Courbet hingegen, der mit braven, salontauglichen Ansichten des Meerespanoramas begonnen hatte, kaprizierte sich nach dem Erlebnis eines Unwetters im Jahr 1869 allein auf die frontal heranrollenden Wellen, die er unter Weglassung des sandigen Uferstreifens zu überwältigender Urkraft stilisierte.

Für die Dorfbewohner, die Fischer und ihre netzflickenden Frauen, hat sich auch der sozialistisch gesonnene Realist Courbet nicht interessiert, noch weniger der politisch indifferente Monet, der sich allenfalls über die ihm zum Strand nachlaufenden Kinder beschwerte. Es waren naturalistische Maler wie Eugène Le Poittevin, der den aufziehenden Konflikt zwischen traditioneller und neu hereinbrechender Ökonomie thematisierte, wenn er in einem seiner Wimmelbilder schon 1842 einen Fischer zeigt, der seinen Fang zwei eleganten Damen der Pariser Gesellschaft anzudienen versucht.

Die Halbwüchsigen verdingten sich als Badehelfer in rotem Hemd, Hotels entstanden, gedruckte Reiseführer erschienen, und schließlich kam die Eisenbahn. Das Pariser Publikum verlangte hinterher nach Ansichten vom Urlaubsort, und die von Galeristen wie Durand-Ruel angeheizte Nachfrage bediente Claude Monet so gut wie seine Vorgänger.

Und wie nicht zuletzt die Fotografie zeigt. Es ist erhellend, dass die Frankfurter Schau auch ein Kapitel zur Fotografie enthält, mit den wunderbaren brauntonigen Aufnahmen der damaligen Plattenkameras, die vor die Motive zu wuchten einen ganz anderen Aufwand erforderte als heutige Smartphone-Knipserei. Das Meer ist auf diesen Aufnahmen vor allem von Alphonse Davanne ab 1852 aufgrund der langen Belichtungszeit glatt und ruhig. Umso monumentaler wirken die aus dem leicht verschwommenen Wasserspiegel aufragenden, exakt abgegrenzten Felsen. Bildpostkarten, diese Fotografien des sprichwörtlichen kleinen Mannes, wurden en masse gedruckt, und eine eigene Wand ist ihnen in der Ausstellung gewidmet.

Étretat war eben für alle da, lange bevor die heutigen anderthalb Millionen Jahresbesucher den Ort und seine Schönheit nahezu erdrücken. Und die Kunst? Wie schon Shakespeare wusste, geht sie nach Brot. Monet jedenfalls hatte das Einkommen aus seinen Serienbildern bitter nötig.