Die 1970er- und 1980er-Jahre waren die Zeit, als in Westdeutschland alles auf einmal passierte: RAF, Ölkrise, Willy Brandts Kniefall in Warschau, feministische und schwule Emanzipation, die Auseinandersetzung mit NS-Zeit und Holocaust. Als in Kreuzberg am Kotti noch Kriegsruinen standen, die Oranienstraße voller Brachen war, in denen türkische Kinder spielten. Als das Bethanien besetzt wurde und Ton Steine Scherben sangen: "Der Mariannenplatz war blau, so viel Bullen waren da / Und Mensch Meier musste heulen, das war wohl das Tränengas …"
In genau diese Ära führt die Ausstellung "Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960". Die von Gürsoy Doğtas und Patrizia Dander kuratierte Schau bringt realistische Kunstformen in den Gropius Bau, auf die schon in den 1980er-Jahren die weiße Postmoderne etwas verächtlich herabblickte. Etwa auf die politisch engagierte Kunst von Künstlerinnen und Künstlern aus Griechenland, der Türkei oder dem Iran, die in den 1970er- und 1980er-Jahren als Dissidenten und Arbeitsmigranten nach West-Berlin kamen.
Das war nichts für die Fans von Kippenberger oder Jeff Koons. Denn diese Werke thematisierten, völlig ironiefrei, oft in Öl gemalt und in Stein gemeißelt, Migration und Exil, Rassismuserfahrungen, Wohnungsnot, die sozialen und ökonomischen Bedingungen sogenannter "Gastarbeiter". Und die Künstlerinnen und Künstler wollten, dass ihre Bilder, Skulpturen oder Installationen von möglichst vielen Menschen verstanden werden. Was man also in dieser Ausstellung sieht, sind vor allem Alltagsszenen, Momentaufnahmen von Lebenswirklichkeiten: Szenen aus der Oranienstraße, der U-Bahn, aus Fabriken und Werken, wie "Gruppenbild mit Siemensarbeitern" (1973) von der linken Berliner Künstlerin Monika Sieveking. Oder Sohrab Shahid Saless’ einflussreicher Film "In der Fremde" (1975), der das Leben eines migrantischen Arbeiters zeigt.
Doğtas erzählt Migrationsgeschichte auf beeindruckende Weise als Kunstgeschichte und versucht, eine Leerstelle zu füllen – auch formal. Doğtas, der schon mehrere Ausstellungen zu diesem Thema gemacht und als kreativer Vermittler gerade die Manifesta 16 mitkuratiert hat, nennt diese vergessene Strömung "vor-postmigrantisch". Und erzählt, dass sie in seinem Studium einfach nicht vorkam. Vielleicht ist die Ausstellung ein erster Schritt, dieser Ignoranz ein Ende zu setzen.
Monopol verlost 5 × 2 Tickets für die Ausstellung "Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960", die noch bis zum 17. Januar 2027 im Gropius Bau Berlin zu sehen ist. Für die Teilnahme schicken Sie bitte eine E-Mail mit dem Betreff "Kreuzberg" sowie Ihrem Vor- und Nachnamen bis Freitag, 25. September, 14 Uhr, an info@monopol-magazin.de. Die Gewinnerinnen und Gewinner werden per E-Mail benachrichtigt und erhalten einen digitalen Ticketcode. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.