Wir leben in bewegten Zeiten. Die stetige Wiederholung dieser Tatsache gehört zur Gegenwart wie das wachsende Bedürfnis nach einer besseren Welt und ist selbst zum allgegenwärtigen Hintergrundgeräusch geworden. Doch wie lässt sich in diesem Lärm noch über ein anderes Jetzt nachdenken? Diese Frage bildet den Ausgangspunkt der zweiten Jubiläumsausstellung des Jüdischen Museums Berlin.
"Mir will es so vorkommen, als ob das, was dem Menschen abhandengekommen ist, die Fähigkeit ist, das Ganze sich vorzustellen als etwas, das völlig anders sein könnte", so Theodor W. Adorno im Gespräch mit Ernst Bloch über "Die Möglichkeiten der Utopie heute". Alle Kunstschaffenden hörten dieses Gespräch vor Beginn ihrer Arbeit. Aus Adornos Vermutung wurde ein Auftrag: die utopische Vorstellungskraft zu trainieren.
Wie weit sich dieser Auftrag treiben lässt, prüft gleich die erste Arbeit: In Ari Benjamin Meyers’ "Chor der Zeitastronauten" singen 15 Menschen. Aber: Sie sind mindestens 90 Jahre alt. Über die Laufzeit proben sie im Ausstellungsraum, vertraglich geregelt "bis in alle Ewigkeit". Neben Rollatoren und Astronautenanzügen tragen sie persönliche Gegenstände bei sich, die mit ins All sollen – ein Trainingslager für eine Zukunft, deren Ziel niemand kennt. Auch William Forsythe schickt das Publikum mit einer Choreografie ins Ungewisse, zum "völlig anderen". Im Nebenraum entwirft Yael Bartana mit "The Birds" filmisch die Vorahnung einer neuen Gesellschaft über den Wolken. Schwere Vorhänge trennen die Räume, das Vordringen ins Andere wird körperlich.
Im dunkelsten Raum pulsiert "Above and Beyond" von Alona Rodeh: In der stickigen Atmosphäre einer Disco wird die Klagemauer aus Karton nachgebaut, begleitet von Lichtern, Klatschen, Pfeifen – ein Anknüpfen an messianische Überlieferungen und ein Nachdenken über eine Gegenwart, die aus Kollektivität entsteht.
Das "Gegenteil von Jetzt" findet man am Ende nicht. Zum Glück. Denn die Ausstellung interessiert sich weniger für die fertige Utopie als für die Kraft, die man braucht, sich überhaupt eine vorzustellen. Vielleicht liegt darin ein nötiger Hoffnungsschimmer.
Monopol verlost 5 × 2 Tickets für die Ausstellung "Das Gegenteil von Jetzt. Künstlerische Wege in eine andere Gegenwart", die noch bis 10. Januar 2027 im Jüdischen Museum Berlin zu sehen ist. Teil des Gewinns ist auch jeweils ein Katalog zur Schau. Für die Teilnahme schicken Sie bitte eine E-Mail mit dem Betreff "Utopie" sowie Ihrem Vor- und Nachnamen und Ihrer Postadresse bis Donnerstag, 1. Oktober, 14 Uhr, an info@monopol-magazin.de. Die Gewinnerinnen und Gewinner werden per E-Mail benachrichtigt, die Tickets und die Kataloge werden per Post verschickt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.