Im Mori Art Museum hoch über Tokio verhandelt die Ausstellung "Roppongi Crossings" zentrale Fragen nach Zeit, Erinnerung und Identität – von Malerei und Keramik bis zu KI, Politik und Spiel
Eine große Spinne von Louise Bourgeois hockt auf der zentralen Plaza des Roppongi-Hills-Komplexes, dahinter das Logo von Google, die hier ihre Tokioter Büros haben. Roppongi Hills ist eine Stadt in der Stadt, gebaut von dem Immobilienentwickler Minoru Mori, mit Luxusboutiquen und vielen hochpreisigen Büros. Eine Aussichtsetage für Touristen gibt es auch, im 50. Stock des Mori Towers. Doch das Geld für den Eintritt kann man sich sparen. Denn auch im Mori Art Museum in der gleichen Etage ist ein spektakulärer Ausblick über Tokios Skyline im Ticket inbegriffen.
Vor allem aber bietet das Museum, das Mori als kulturelles Herz seines Immobilienkomplexes betreibt, gerade einen spannenden Überblick über die aktuelle japanische Kunstszene. Alle drei Jahre versammelt die Ausstellungsserie "Roppongi Crossings" zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler aus Japan oder der japanischen Diaspora. "What passes is time. We are eternal" ist der diesjährige Titel. Zeit ist das Thema der Schau, ein roter Faden, der sich im Laufe des Rundgangs durch die großzügigen Räume schnell verwischt angesichts der Eigenständigkeit der 21 Einzelpositionen – was aber der Qualität der Ausstellung keinen Abbruch tut.
Gleich im ersten Raum sticht die 1988 geborene Künstlerin Shoji Asami heraus, die in ihrer Malerei geisterhafte Körper und Gesichter aufscheinen lässt. Menschen, Tiere, ein bedrohliches Skelett treten aus den Schleiern der malerischen Geste hervor, auf Leinwand und, besonders leuchtend und intensiv, als Malerei auf durchscheinenden Acrylpanels. Geradezu körperlich wirken auch die mannsgroßen, abstrakten Keramikobjekte des 1981 geborenen Künstlers Takuro Kuwata, die mit ihrer expressiven Wulstigkeit und den starken Farben so gar nicht der feinen Keramiktradition des Landes zu entsprechen scheinen – und sich doch auf sie beziehen, indem sie kleine Fehler und Sprünge, die während des Brennprozesses entstehen, bewusst mit einbeziehen und als Teil der Schönheit des Objekts verstehen.
Spinnen, Vulven, Bäume und U-Bahnen
Etwas heilen und flicken will auch die 1963 geborene Oki Junko: Sie versieht alte Kleidungsstücke, die ihrer Mutter und Großmutter gehörten, mit spinnennetzartigen Stickereien, die nicht selten Vulvaformen annehmen; eine melancholisch schmerzhafte Auseinandersetzung mit Herkunft, Erinnerung und Identität.
Die Beschäftigung mit Kunsthandwerk wirkt hier genauso zeitgenössisch, wie die hochtechnologische Installation "The Moon Underwater" des Künstlerduos A. A. Murakami. Eine leuchtende, baumartige Skulptur in einem dunklen Raum bringt nach und nach helle, runde Blasen hervor, die sich langsam von den Zweigen lösen, herunterfallen und sich in einer Ecke des Raumes zu Clustern sammeln, bevor sie zerplatzen. Die KI-gestützte Technologie hinter dem poetischen Spektakel ist komplex, die Stoßrichtung klassisch: Es geht um meditative Betrachtung und um die Schönheit einer im höchsten Grade artifiziellen Natur, die universelle Harmonie verkörpert.
Mit Witz statt technologischem Aufwand agiert dagegen das Künstlerduo Zugakousaku und Kurieito: Sie seien Bastler auf Schulniveau, behaupten sie, und bauen in einer Ecke des Ausstellungsraumes in Malerei auf Pappe den Eingang zur U-Bahn unter dem Museum in Lebensgröße nach, mitsamt einem Fahrrad, das leider eckige Räder hat.
Den Raum mit dem Ausblick hat Wada Reijiro bekommen, geboren 1977 in Hiroshima. Er lebt in Berlin und hat seiner Installation den deutschen Namen "Mittag" gegeben: eine mit Bronze eingefasste, flache Glasraute, die mit Brandy gefüllt ist. Schaut man hindurch, färbt sich die Skyline Tokios gelb – der Brandy steht perfekt symmetrisch in der Raute und genau auf der Höhe des Horizonts. Der Künstler sieht das philosophisch, es geht um Werden und Vergehen, um den Prozess der Umwandlung, den die Materialien bei der Schnapsherstellung erfahren. Vor allem aber sieht die Sache extrem elegant aus.
Zum Ende wird die Ausstellung konkreter und politischer: Ein aus Stoffdrachen nachgebauter japanischer Kampfflieger symbolisiert für den 1988 geborenen Kitazawa Jun die Zeit der brutalen japanischen Besatzung in Indonesien. Um diese selten thematisierte Episode der Geschichte aufzuarbeiten, hat er mit Zeitzeugen gesprochen und das Drachenflugzeug fliegen lassen. Und Carrie Yamaoka spielt mit Bildtafeln mit Ortsnamen wie "Angel Island" oder "Guantánamo Bay" auf die Geschichte ihrer Familie an, die während des Zweiten Weltkriegs in den USA in Lager gesteckt wurde.
Am Ende der Schau landet man wieder in der Gegenwart und bei den Zumutungen des modernen Lebens in Tokio, in dem Heirat, Berufswahl, Karriere und Status hohe Ansprüche stellen. In dem Videospiel von Kihara Tomo kann man eine typische Biografie einmal durchspielen, stirbt – und kann dann ausprobieren, was passiert wäre, wenn man jemand anderen geheiratet, einen anderen Beruf ergriffen hätte. Was wäre, wenn? Endlich bekommt man mal Antworten. Wenn auch nur im Spiel. Das echte Leben wartet wieder draußen in der vollen U-Bahn.