"Man muss sich leisten können, dass Müll unsichtbar ist", erklärt Christina Danick, Kuratorin im Museum Ostwall im Dortmunder U. Gemeinsam mit Ko-Kurator Michael Griff leistet sie sich das Gegenteil: Die beiden stellen das Thema ins Zentrum einer neuen Ausstellung. "Müll – die globalen Wege des Abfalls" klingt vielleicht nicht attraktiv, doch seit der Eröffnung Ende März ist das Publikumsinteresse groß. "Es ist ein emotionales Thema, ein Alltagsthema", so Danick, "an das man gut anknüpfen kann, um wirtschaftliche Strukturen aufzuzeigen und komplexe globale Zusammenhänge zu hinterfragen."
Ausgangspunkt für die Konzeption war die Sammlung des Museums. Hier fanden sich bereits zeitgenössische Werke wie Mark Dions "Spider Monkey", aber auch historische Positionen wie César Baldaccinis Arbeit aus gepressten Autoblechteilen. Am Ende versammelt die Ausstellung rund 50 internationale Kunstwerke des 20. und 21. Jahrhunderts, darunter zwei neu geschaffene Auftragsarbeiten.
Müll als Material, Motiv und ästhetische Strategie, das lasse sich seit den späten 1950er-Jahren beobachten, sagt Amanda Boetzkes, Professorin für Kunstgeschichte und Theorie an der University of Guelph im kanadischen Ontario. 2019 erschien ihr Buch "Plastic Capitalism: Contemporary Art and the Drive to Waste", und sie ist beim Symposium zur Ausstellung am 11. Juni für die Keynote verantwortlich.
Müll ist politisch
Ab den 1960er-Jahren werde die Auseinandersetzung mit dem Thema dann bewusst kritisch, sagt auch Danick. Exemplarisch dafür steht in der Ausstellung eine Serigrafie von HA Schult. Er startete 1969 eine der ersten umweltbezogenen Kunstaktionen in München und kippte mehrere Tonnen Müll aus Protest auf die Schackstraße. Schult, Baldaccini, Armans "Poubelles" – Glaskästen, in denen der Künstler bereits 1959 Müll bewusst als Kunst präsentierte – markieren den Beginn des Ausstellungsrundgangs.
Zentrales Element im ersten Saal ist jedoch "Los de Arriba y Los de Abajo" (auf Deutsch: "Die von oben und die von unten") von Kader Attia. Besuchende laufen durch einen von einem Drahtgeflecht überdachten Gang. Abfallstücke auf dem Geflecht werfen ihre Schatten auf die Personen darunter. Die Arbeit ist bereits von 2015 und bezieht sich auf eine konkrete Situation in Hebron im Westjordanland. Die palästinensische Bevölkerung schützt sich mit Netzen vor dem Müll aus den höher gelegenen israelischen Siedlungen. "Wir wollten mit diesem starken, regelrecht körperlichen Eindruck starten", so Danick. Die Arbeit sei aber nicht als aktuelles politisches Statement zu verstehen, sondern "sie steht für ein Machtgefälle, das es oft gibt."
Wer verursacht den Müll? Wer leidet darunter und wer verdient daran? Das Thema bewegt auch Anna Zett. Ihre Installation "Utopie Deponie" beschäftigt sich mit der Umweltbewegung der DDR, der Mülldeponie Freiheit III in Bitterfeld-Wolfen und der Entsorgung von Giftmüll – auch aus der Bundesrepublik – im Rahmen des staatlichen Devisenhandels.
Megacitys aus Elektroschrott
Heute ist nichts besser geworden: Weltweit fallen jedes Jahr rund zwei Milliarden Tonnen sogenannter Siedlungsabfälle an – bis 2050 wird diese Zahl voraussichtlich um 56 Prozent steigen, Industriemüll nicht eingerechnet. Ein Großteil der Verursacher sind Industrieländer, entsorgt wird viel davon im Globalen Süden.
Im zweiten Saal dominieren Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, die sich explizit mit den Wegen des Mülls und der Frage nach Rohstoffen auseinandersetzen. Hier finden sich auch die beiden neuen Auftragsarbeiten von Ana Alenso und Akwasi Bediako Afrane. Alenso thematisiert mit ihrer skurrilen Mining-Maschine "Obsolete Swing" den Abbau von Kobalt, Gold und anderen wertvollen Materialien, die die Grundlage unserer digitalen Welt bilden, während die reale Umwelt zerstört wird.
"TC-2000" von Akwasi Bediako Afrane ist eine dystopisch erscheinende Stadtlandschaft, die aus Dortmunder Elektroschrott besteht. Wer im Sessel Platz nimmt und die VR-Brille aufsetzt, kann virtuell tiefer in die Installation eintauchen. Die Arbeit wirkt spielerisch und fasziniert auf ähnliche Weise wie Krištof Kinteras "Postnaturalia" gegenüber. Es sind Megacitys aus Elektroschrott. Aus Kabelsträngen, Platinen, Motherboards und Steckern entstehen neue Welten, aber sie erzählen von Ausbeutung und alten Abhängigkeiten.
Einbindung zivilgesellschaftlicher Initiativen
Wie soll man umgehen mit diesen Bildern und diesem Wissen? "Wir wollten auf jeden Fall auch verschiedene Perspektiven aufzeigen", betont Michael Griff. Die gemeinnützige Organisation Critical Friends hat die Ausstellungsentstehung begleitet und sind mit ihren Videostatements Teil der Präsentation. Peter Emorinken-Donatus ist Journalist und Umweltaktivist, Roman Köster Historiker und Autor des Buchs "Müll. Eine schmutzige Geschichte der Menschheit" und Eva Rost arbeitet als Pädagogin in der Umwelt- und Antidiskriminierungsarbeit. Gemeinsam fügen sie der künstlerischen Präsentation eine weitere Ebene hinzu.
Gleiches gilt für die Einbindung des Dortmunder Klimabündnisses. Unterschiedliches Wissen nutzen, Deutungshoheit abgeben und die Stadtgesellschaft beteiligen, davon hätten alle profitiert, findet Griff. Den Aktivisten stand es frei, wie sie die Fläche gestalten, welche Themen und Angebote sie präsentieren. Danick: "Wichtig war uns nur, die Besucher:innen mit Handlungsoptionen zu verabschieden."
Auch das Museum selbst hat sein Handeln hinterfragt: Wanddruck statt Folienplots, Ökofarben und mobile Wandsysteme, weniger Printprodukte und originelles Upcycling. "Der Schaumstoff von Ferdinand Spindels 'Schaumraum' aus der Ausstellung 'Kopfüber in die Kunst' ist nun die Basis für die Werkschilder", erzählt Danick.
Ohnehin hat sich für sie und Michael Griff am Ende die Frage gestellt: "Was ist überhaupt Müll?" Die Antwort sei nicht eindeutig und falle – je nach kultureller und wirtschaftlicher Prägung – unterschiedlich aus. "Waste is matter out of place", zitiert Danick die Anthropologin Mary Douglas. Sie definierte 1966 Abfall "als Materie am falschen Ort". Ein Ansatz, der dazu beitragen sollte die Umwelt im positiven Sinne neu zu ordnen. Wer sich mit dem Thema Müll beschäftigen will, ist in der Dortmunder Ausstellung jedenfalls am richtigen Ort.