Edvard Munch in Chemnitz

Keine Angst vor der Provinz

Die Kunstsammlungen Chemnitz widmen Edvard Munch eine umfassende Ausstellung. Die Bilder bewegen sich entlang des Themas der Angst - und erzählen mitten im Kulturhauptstadtjahr ein vergessenes Stück Stadtgeschichte 

"Heute war ich endlich bei Munch. Halb Chemnitz war dort und ein Schrei des Entsetzens. Es war höchst amüsant, die entsetzten Biedermänner zu beobachten", schrieb die Chemnitzer Künstlerin Martha Schrag am 25. März 1906 an einen Freund. 20 Werke des norwegischen Künstlers Edvard Munch waren erstmals in Chemnitz zu sehen und riefen vor allem Skepsis hervor. 

Ein Jahrhundert später ist die Ausstellung "Edvard Munch. Angst" mit 96 Werken des Wegbereiters der Moderne ein Highlight im Chemnitzer Kulturhauptstadtjahr. "C the Unseen" - bislang Unentdecktes soll endlich sichtbar werden. Das Motto ist Aufforderung und Programm, auch für die Kuratorinnen Diana Kopka, Kerstin Drechsel und Sina Tonn. In den Kunstsammlungen am Theaterplatz zeigen sie nicht nur einen beeindrucken Überblick über das Schaffen und die heutige Relevanz Munchs, sondern vermitteln dabei auch einen Teil der vielen Menschen unbekannten Stadtgeschichte.

Steht Chemnitz heute in der öffentlichen Wahrnehmung für den Verlust von Industrie, Abwanderung, Überalterung und Rechtsextremismus, war der Ort um 1900 eine reiche und international wirkende Industriestadt, das "sächsische Manchester". Munch bewegte sich damals in den Metropolen Kristiania (heute Oslo), Paris und Berlin, verbrachte von 1892 bis 1908 viel Zeit in Deutschland. Die Rolle von "Provinzstädten" für seinen Erfolg werde dabei oft unterschätzt, schreibt Sina Tonn im umfassenden Katalog. Sein wahrer Durchbruch in der deutschen Museums- und Sammlungslandschaft gelang nicht in der Hauptstadt, sondern über ein Netzwerk von privaten Förderern in mittleren und kleineren Städten, darunter Chemnitz.

Chemnitz als kreative Quelle

Genau diese persönlichen Verbindungen brachten Munch 1905 höchstpersönlich in die sächsische Stadt: Der Textilunternehmer Herbert Eugen Esche sammelte Vincent van Gogh und Paul Signac und beauftragte Henry van de Velde, ihm eine Villa in Chemnitz zu errichten - heute ein Schlüsselwerk der modernen Architektur und Teil der Kunstsammlungen. Munch hatte derweil in Lübeck die Familie des Augenarztes und bedeutende Kunstsammlers Max Linde porträtiert. 

Nachdem Johanna Esche die Bilder in Lübeck gesehen hatte, lud sie Munch ein, einige Zeit in Chemnitz zu verweilen und auch ihre Familie zu malen. Munch kam im September 1905 und blieb drei Wochen. Neben den Porträts entstand auch das Werk "Blick aufs Chemnitztal", das nun als Leihgabe präsent ist. Es zeigt das damals noch unbebaute Umfeld der Villa Esche, im Hintergrund die Industriestadt. Das Haus war bewusst auf einem Hügel gebaut worden, um den qualmenden Schornsteinen zu entgehen, deren Abluft sich im Tal sammelte. 

Gut hätte man Munchs Output aus den Chemnitzer Wochen an den Beginn der Ausstellung stellen und im Kulturhauptstadtjahr mit dem lokalen Bezug starten können. Plakate, Briefe und Gästebucheinträge belegen Munchs besondere Beziehung zu Chemnitz jedoch erst gegen Ende des Rundgangs. Denn es blieb nicht bei dem einen Besuch 1905: Bereits achtmal war Munch in den Kunstsammlungen oder deren Vorläuferinstitutionen ausgestellt, sechsmal allein zwischen 1906 und 1929 - damals mit 60 Gemälden und 83 Grafiken. 

Statt als Ausstellungseinstieg an der Wand liegt Munchs Brief an den damaligen Museumsdirektor vom Dezember 1929 als schlichtes Word-Dokument in einer Vitrine: "Alles war ja so schön arrangiert - Die Einladungskarte, das Plakat und der Katalog - es war der geschmackvollste Katalog [den] ich jemals gehabt habe".

Tod und Nervenklinik 

Im Fokus der Chemnitzer Präsentation steht nun die Angst als überlebensnotwendiges Gefühl, versinnbildlicht durch Munchs Seelenlandschaften. Über 60 Jahre war er künstlerisch tätig und wiederholte und befragte seine Themen Not, Krankheit, Tod und Verfall dabei immer wieder neu. Vom Moment seiner Geburt an hätten die "Engel der Angst, Sorge und des Todes" ihn begleitet. Seine Mutter starb an Tuberkulose, als er fünf Jahre alt war, seine Schwester Sophie wenige Jahre später. 

Besonders in den 1890er-Jahren, in einer Schaffensphase, in der einige seiner berühmtesten Werke entstanden, kämpfte er mit dem Alkohol, litt später unter Verfolgungswahn. Von der titelgebenden Lithografie "Angst" (1896) schauen uns leere Gesichter entgegen, und der blutrote Streifen-Himmel erzeugt wie auf Munchs bekanntem Gemälde "Der Schrei" von 1893 eine bedrohliche Atmosphäre.

Acht Monate verbrachte der Maler 1908 in einer Kopenhagener Nervenklinik und produzierte dort nach eigener Aussage seine "besten Arbeiten": den Zyklus "Alpha und Omega", zu dem er später noch ein Gedicht verfasste. "Ich finde, dies ist das Vollendetste, was ich bisher geschaffen habe." Die Kunstsammlungen Chemnitz besitzen diese bedeutende Mappe bereits seit den 1920er Jahren - in der Ausstellung ist den 22 Lithografien konsequent ein eigener Raum gewidmet. 

Die NSDAP stoppt das fortschrittliche Chemnitz

Ein weiteres Highlight mit Bezug zur Stadt: Das Gemälde "Zwei Menschen. Die Einsamen" (1899). Frau und Mann stehen am Meer, uns den Rücken zugewandt, wirken mit sich beschäftigt. Der Abstand zwischen beiden unüberwindbar. "Zu zweit allein sein" besang die Band Die Höchste Eisenbahn diesen Zustand. Blau, Grau und Erdtöne verstärken das Gefühl emotionaler Kälte - ein universales Bild der Einsamkeit im modernen Zeitalter. 

Vier Jahre hatte sich der Direktor der Städtischen Kunstsammlungen, Friedrich Schreiber-Weigand, bemüht, ehe er das Bild 1928 ankaufen konnte. Karl Schmidt-Rottluff beauftragte er mit der Gestaltung eines angemessenen Rahmens. Unter Schreiber-Weigand erwarb das städtische Museum auch Arbeiten von James Ensor, Ferdinand Hodler und weitere Werke einer expressiven, symbolisch aufgeladenen Moderne - in einer Zeit, in der viele deutsche Museen noch dem akademischen Kanon verpflichtet waren. 

1933 wurde der Visionär von den Nazis entlassen, vier Jahre später wurden 82 Werke Munchs in deutschen Museen zur "entarteten Kunst" erklärt. Der Chemnitzer Grafikbestand mit 52 Druckgrafiken blieb von der Aktion der Nationalsozialisten verschont. Das Gemälde "Zwei Menschen. Die Einsamen" wurde durch die Stadt Chemnitz an den Hamburger Kunsthändler Hildebrand Gurlitt verkauft. Nun kehrt es nach 90 Jahren erstmals wieder als Leihgabe aus den USA zurück. 

Der farbenfrohe Warhol-Schrei

Neben Angst, Einsamkeit und Chemnitz nimmt die Ausstellung die großen Themenbereiche Selbstreflexion und Zwischenmenschliches in den Blick. Nicht fehlen darf natürlich "Der Schrei", der es inzwischen zum Emoji geschafft hat. Munch legte seine Motive meist in Gemälden an und übertrug dann in grafische Versionen. In Chemnitz hängt "Das Geschrei" als Lithografie von 1895. Während die nur 36 mal 26 Zentimeter misst, erscheint Andy Warhols Variante von 1984 als farbenfrohes Großformat. Munch gehörte zu Warhols absoluten Lieblingskünstlern. 1973 reist er von Stockholm über Oslo, um die Werke des norwegischen Künstlers im Original zu sehen und begann, Arbeiten von ihm zu sammeln.

Immer wieder stellen die Kuratorinnen in den Räumen Dialoge und Vergleiche zu anderen Werken her. Im Fall von Warhol und einigen Zeitgenossen sind diese naheliegend und einleuchtend, etwa wenn Max Klingers "Tote Mutter" von 1889 neben Munchs expressivem "Die tote Mutter und das Kind" von 1901 hängt. 

Andere Konstellationen wirken etwas bemüht - so die große Holzskulptur "Break it/ Fix it" von Monica Bonvicini und Sam Durant, die 2003 Teil einer Ausstellung der Wiener Sezession gewesen ist. Ein Video zeigt, wie die Sperrholzskulptur, deren Einzelbuchstaben das Wort Angst formen, zerstört und so neu zusammengesetzt wird, dass der Begriff fear, also Furcht, entsteht. Am 13. September wird diese Performance auch in Chemnitz stattfinden.

Neue Perspektiven 

Osmar Osten begegnet dem Kulturhauptstadt-Highlight mit Humor - seine Neuproduktion von 2025 zeigt einen Nussknacker auf gelber Leinwand und die Erkenntnis: "Ein Schrei von Edward Munk der hält uns ewig junk!" Im letzten Raum fügen sich aktuelle Arbeiten dann zu einem beliebigen Mix zusammen: Neo Rauchs Werk "Keine Angst" wurde extra aus einer Privatsammlung in Essen geliehen, und Brigit Brenners auf der Unterseite eines Autos notierten Appell wirkt wie eine Ermutigung in der Polykrise: "Meine Angst kriegt ihr nicht!"

Die zeitgenössischen Werke - darunter auch Marina Abramović und Georg Baselitz - sollen neue Perspektiven auf zentrale Motive Munchs eröffnen und eine Brücke in die Gegenwart schlagen. Angesichts der thematischen Dichte und zeitgenössischen Relevanz Munchs hätte es diesen kuratorischen Brückenschlag vielleicht gar nicht gebraucht.