20 Jahre Museum Gugging

Kunst aus der Klinik

Lange galt Gugging als Synonym für "Irrenhaus". Heute ist der Ort in Österreich bekannt für seine Art Brut. Die Jubiläumsschau im Museum Gugging zeigt Werke von 20 Künstlern und erzählt, wie aus der Psychiatrie ein Kunstort wurde

Johann Hausers "Löwe" hat einen schwarzen Kopf, ein in alle Richtungen explodierendes Fell und tiefrote Augen. Hauser zeichnete ihn 1969, als Patient der niederösterreichischen Heil- und Pflegeanstalt Gugging. In den 1950er-Jahren begann er, angeregt vom Psychiater und Leiter Leo Navratil, mit Aktdarstellungen, malte aber auch Panzer, Rettungsautos und Tiere mit wildem Fell und Gefieder. Seit den 1960er-Jahren staunten auch formexperimentelle Künstler wie Arnulf Rainer, Peter Pongratz und Jean Dubuffet über Hausers wuchtige Form- und Farbexplosionen.

Johann Hauser, August Walla und Oswald Tschirtner machten den beschaulichen Wallfahrtsort Maria Gugging zu einem international bekannten Zentrum der Art Brut, der nicht-akademischen Kunst. Zugleich warf ihre Bekanntheit eine Frage auf: Handelte es sich hier um malende Patienten oder um Künstler? 2006 wurde diese Frage institutionell beantwortet: In diesem Jahr eröffnete auf dem Gelände der ehemaligen psychiatrischen Einrichtung das Museum Gugging. Als Herzstück des Kulturareals Art Brut Center Gugging widmet sich die Institution den Generationen Gugginger Kunstschaffender. Die diesjährige Jubiläumsausstellung trägt den Titel "20 jahre kUNSt" – ein titelgewordenes Statement für Inklusion und Anlass für eine selbstkritische Rückschau.

Wer die thematisch gegliederte Ausstellung unbefangen durchstreift, bleibt unweigerlich an dem Porträt eines zähnefletschenden Hitler hängen. "Löwe oder Tiger" lautet der Titel der 1970 entstandenen Radierung des tierverliebten Johann Hauser. Wie dieses Bild irritieren einige der surreal anmutenden Werke der 20 ausgestellten Gugginger Kunstschaffenden. August Walla etwa entwarf seine Identität anhand spiegelverkehrter Hakenkreuze. In Wallas Privatmythologie symbolisieren sie Weiblichkeit und verweisen auf seine Vergangenheit als "Nazimädchen". Während der russischen Okkupation Österreichs sei Walla dann zu einem "Kommunistendoppelknaben" umoperiert worden. Hammer und Sichel stehen in seinen großformatigen Bildern für Männlichkeit. "Kommunist August und Nazionalistin Augustine?", fragt ein farbenfrohes Doppelporträt Wallas.

Franz Kamlander "Kuh / Cow", 1992
© Art Brut KG

Franz Kamlander "Kuh / Cow", 1992

Zum einen macht die Ausstellung deutlich, dass die Psychiatrie Gugging auch ein Ort nationalsozialistischer Verbrechen war: Patienten und Patientinnen wurden deportiert, einige getötet. Zum anderen belässt sie die ausgestellten Werke in ihrem eigenen Referenzkosmos. Mutig war es 1970 jedenfalls, Hausers an Hitler erinnernde Zeichnung als Titelbild der ersten großen öffentlichen Ausstellung mit Arbeiten Gugginger Kunstschaffender zu wählen. Unter dem Titel "Pareidolien" fand sie 1970 in der Wiener Galerie nächst St. Stephan statt. Erstmals traten die Künstler dabei mit ihren bürgerlichen Namen an die Öffentlichkeit und nicht mehr bloß als anonyme Patienten.

Der Emanzipation vom Pathologischen ging eine lange Auseinandersetzung voraus. So rieb sich der Künstler Jean Dubuffet lange am Psychiatrieleiter Leo Navratil, dem "Entdecker" der Gugginger Kunstschaffenden. Der für die Jubiläumsausstellung erstmals wissenschaftlich aufgearbeitete Briefwechsel zwischen den beiden aus den Jahren 1966 bis 1984 zeigt, wie Künstler und Psychiater um die Deutungshoheit über die Werke rangen. Dubuffet wollte die von ihm verehrten "rohen" – auf Französisch "brut" – Gugginger Werke "nur unter dem Gesichtspunkt des künstlerischen Schaffens" betrachten und beäugte Navratils psychiatrische Methode mit Misstrauen.

Am Ende gewann die Kunst: Nach ersten Erfolgen, darunter Ankäufe durch die Albertina in Wien, gründete Navratil 1981 das Zentrum für Kunst und Psychotherapie. Johann Feilacher, sein Nachfolger und späterer Gründer des Art Brut Center in Gugging, gelang die endgültige Umgestaltung des Klinikareals zum Kulturzentrum. Das Zentrum für Kunst und Psychotherapie wurde zum Haus der Künstler. August Walla und der für seine gedehnten Kopffüßler berühmt gewordene Oswald Tschirtner gestalteten neben anderen Künstlern die sehenswerte, farbenfrohe Fassade. Auch David Bowie war fasziniert. 1994 besuchte er die Gugginger Kunstschaffenden und ließ sich vor dem Haus der Künstler fotografieren.

Männerkunst und Leerstellen

"Wir erzählen keine Krankengeschichten. Wir zeigen die Werke wie Picassos", resümiert Feilachers Nachfolgerin Nina Ansperger zur Eröffnung der Ausstellung. Picassos im Sinne großgestisch malender Männer gibt es im Museum Gugging einige zu sehen; Frauen fehlen trotz aller Inklusionsbemühungen weitgehend. Ein Umstand, den Ansperger und ihr Team nicht beheben können, den sie zum Jubiläum aber thematisieren wollen. Navratil arbeitete von Beginn an vorwiegend mit Männern, zugleich entstanden aber auch Zeichnungen von Frauen wie Karoline Rosskopf oder Emma Brosch.

Unter den 20 präsentierten Gugginger Kunstschaffenden ist dennoch nur eine Frau vertreten: Die 1971 geborene Wienerin Laila Bachtiar mit ihren kleinformatigen Blei- und Buntstiftzeichnungen. Ihr "Zebra" (2017) wirft seinen Streifenlook über die halbe Bildfläche und formt daraus eine schützende Mauer. Inwieweit das Museum Gugging mit seinen inklusiven Atelierräumen in Zukunft auch der Kunst von Frauen mehr Sichtbarkeit einräumt, wird sich über die Ausstellung hinaus zeigen. Ein kleiner Anfang ist immerhin gemacht und so birgt die Ausstellung gerade auch für alte Gugging-Fans einige schöne Überraschungen.