Historische Druckkunst aus Japan

Die leisen Vorfahren der Mangas

Die Ausstellung "Japan de luxe" im Museum Rietberg in Zürich zeigt eine fast vergessene Drucktechnik des 19. Jahrhunderts. Die filigranen Surimono deuten schon auf heutige Popkultur-Motive hin

Steigt man aus dem Shop des Museums Rietberg in den "Keller" zur Sammlung und den Sonderausstellungen hinab, wird man von rosa und blauen Wänden begrüßt. "Japan de luxe" heißt die Schau, die das Publikum mit ihren farbenfrohen Exponaten auf eine Zeitreise ins Japan des 19. Jahrhunderts mitnimmt.

Wer wie viele Westeuropäerinnen mit den Anime-Kreationen des Studio Ghibli aufgewachsen und dem Manga-Trend verfallen ist, begegnet hier den leiseren Wurzeln des weltweiten Kulturphänomens. Die Ausstellung mit über 100 Exponaten, die hauptsächlich aus der Schenkung von Gisela Müller und Erich Gross stammen, bietet einen Einblick in eine sehr alte und aufwändige Drucktechnik, die in Zeiten des technischen Fortschritts eine Rückkehr zu Geduld, Handarbeit und Präzision verkörpert. Früher waren diese Qualitäten kein Luxus, sondern Selbstverständlichkeit.

Im Zentrum der Schau steht eine besondere Form der Druckgrafik: die Surimono. Dabei handelt es sich um eine historische und aufwändige Form des Farbholzschnitts, die eher weniger bekannt ist. Entstanden um 1800 in den urbanen Zentren Japans, verbinden die kleinformatigen Drucke Text und Bild und dienten meist als Grußkarten, Einladungen zu besonderen Ereignissen oder Festen und zur Übermittlung privater oder beruflicher Neuigkeiten. Sie erzählen Geschichten und verbinden so Poesie und Ästhetik miteinander. Sie waren meist nicht kommerziell.

Fast schon nostalgisch

Der Begriff "Surimono" bedeutet wörtlich übersetzt "gedrucktes Ding", und auch wenn das grundlegend stimmt, wird der Titel dem Aufwand der Technik nicht wirklich gerecht. Auf hochwertiges, unbehandeltes Hōsho-Papier, das man auch von der Kalligraphie kennt, werden Motive mit Farbschattierungen, Polierungen und Metalleffekten gedruckt. Dafür werden Holzplatten geschnitzt, für jede Farbschicht eine, per Hand bemalt und einzeln auf das weiche Papier gepresst. So entstehen die besonders lebhaften und farbenfrohen Drucke.

Satake Eiko, Ichikawa Danjūrō IX. "Im Maleratelier", Meiji-Zeit, 1889
© Museum Rietberg

Satake Eiko, Ichikawa Danjūrō IX. "Im Maleratelier", Meiji-Zeit, 1889

Auch wenn man von der Surimono-Drucktechnik noch nichts gehört hat, wirkt die Ausstellung unerwartet bekannt und schon fast nostalgisch. Hauptmotive der Blätter bilden Themen wie die Natur- und Tierwelt, aber auch Szenen aus dem bürgerlichen Milieu. Uns begegnen Tiger, Elefanten und Dämonen-Figuren, die auch heute noch in der japanischen Kunst vertreten sind. Die vibrierenden Farben und Bewegungen der Drucke verraten, woher die heutigen Mangas und Animes ihre Inspiration und Ursprünge haben könnten.

Theaterstars, Glücksbringer und Kalenderweisheiten

Dabei werden auch regionale Unterschiede sichtbar. Während in Kyoto und Osaka kurze Gedichte mit humorvollen, oft alltäglichen Motiven kombiniert werden, wirken die Surimono aus Edo – dem heutigen Tokio – formaler. Auch Theaterstars, Glücksbringer und Kalenderweisheiten treffen hier aufeinander. Einige Blätter widmen sich der Bühnenwelt und zeigen Schauspieler nicht nur in ihren Rollen, sondern als Publikumslieblinge mit Wiedererkennungswert – eine frühe Form von Celebrity-Kultur.

Andere Motive kreisen um den Jahreswechsel: Glückssymbole, Neuanfänge und gesellschaftliche Rituale machen die Werke zu visuellen Zeitmarken ihrer Epoche. Zusammen erzählen sie davon, wie eng Unterhaltung, Öffentlichkeit und Alltag miteinander verwoben waren – und begleiten den Rundgang mit einem rhythmischen Wechsel zwischen Feier, Erinnerung und Neubeginn.

Besonders die interaktive Druckstation, an der man seine eigene Surimono-Postkarte gestalten kann, macht die Komplexität des Handwerks deutlich. Während man von einer Station zur nächsten läuft, druckt man eine Farbschicht nach der anderen, wodurch langsam eine Kopie von Totoya Hokkeis "Es ist gut, einen neuen Brunnen auszuheben" entsteht – ein Unikat, das man mit nach Hause nehmen kann. So wird nachvollziehbar, warum diese Blätter nicht massenhaft, sondern gezielt zirkulierten.