Round Table

Die Zukunft des Museums

Im Gespräch: Heike Pöppelmann, Direktorin des Braunschweigischen Landesmuseums, Thomas Richter, Direktor des Herzog Anton Ulrich-Museums in Braunschweig, und Andreas Beitin, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg

Frau Pöppelmann, Sie sind seit zehn Jahren Leiterin des Landesmuseums. Jetzt werden Ihre Häuser saniert, Sie befinden sich in einem Transformationsprozess. Was bedeutet das für Sie?
Heike Pöppelmann Die große Sanierung des Vieweghauses am Burgplatz ist eine Chance, die man nur einmal im Leben erfährt. Es ist ein klassizistisches Gebäude von 1804, in der Spätaufklärung entstanden, von einem Verleger errichtet, der wegen der Zensur aus Berlin geflüchtet ist und hier einen weltoffenen Fürsten vorgefunden hat. Jetzt wird das Gebäude fit gemacht für das 21. Jahrhundert und soll zu einem Ort der Debatte ausgebaut werden, der es schon um 1804 war. 

Herr Beitin, welches Ziel haben Sie sich für das Kunstmuseum Wolfsburg gesteckt?
Andreas Beitin: Ich möchte das Kunstmuseum Wolfsburg als einen sogenannten dritten Ort etablieren. Also als einen Ort, an dem man gerne zusammenkommt abseits von Wohnung und Arbeitsplatz, wo man ästhetische Erfahrung machen kann, aber auch in einen Dialog treten mit anderen Menschen. In Wolfsburg leben Menschen aus rund 150 Nationen zusammen. Hier sollen Menschen mit verschiedenem Hintergrund etwas Bereicherndes erleben können.

Wie erreicht man das?
Andreas Beitin: Wir haben ein sehr gut aufgestelltes Vermittlungsprogramm. Zum Beispiel kooperieren wir seit vielen Jahren mit rund 50 Schulen in der Region und holen die Schüler und Schülerinnen vor Ort mit unserem Artmobil ab und bringen sie ins Museum. Das Haus soll in der Region verwurzelt sein und gleichzeitig Anziehungspunkt für Menschen aus dem überregionalen und internationalen Bereich. 

Herr Richter, was war Ihre Vision für das Haus?
Thomas Richter: Die Herausforderung ist, ein sehr traditionsreiches Haus, eines der ältesten Kunstmuseen dieser Art, in der Gegenwart zu positionieren und möglichst viele Menschen für unsere Inhalte zu gewinnen. Wir kommen sehr aus einer gewissen Tradition, das heißt aus der Forschung, aus der klassischen Kunstgeschichte. Die Potenziale, die ein solches Haus darüber hinaus hat, für die Gegenwart fruchtbar zu machen, das ist die Aufgabenstellung. 

Was ist die Strategie dafür?
Thomas Richter: Man muss die Sammlungen wertschätzen, aber dazu muss man ein zweites Standbein eta­blieren, das ist die Öffnung nach außen. Man muss andere Akteure einladen, etwas in diesem Haus zu tun, wie etwa unsere Kooperation mit dem Staatstheater oder die Zusammenarbeit, die wir aktuell mit dem Kunstmuseum Wolfsburg und seiner sehr unterschiedlichen Perspektive angehen. Es reicht nicht zu sagen: "Kommt, bildet euch!", sondern wir gehen aktiv auf Menschen zu, um neue Inhalte ins Haus bringen. 

Was ist das Ziel des Transformationsprozesses des Landesmuseums, Frau Pöppelmann?
Heike Pöppelmann: Unser Sanierungsprozess, es sind zwei Bauabschnitte, wird mehrere Jahre dauern. Am Anfang habe ich gedacht: Wie furchtbar, jetzt haben wir so lange kein Haupthaus. Aber es ist mir sehr schnell klar geworden, dass wir diese Situation als Chance nutzen müssen. Die nächsten sechs, sieben Jahre müssen wir uns frei machen, wir gehen on Tour, wir werden zu einem wilden Museum, wir werden immer irgendwo auftauchen, und wir wollen auf diesem Weg regionale Landesgeschichte neu betrachten. 

Konkret: Wie kommt man zu den Leuten hin, die vielleicht normalerweise nicht ins Museum gehen? 
Heike Pöppelmann: Wir haben seit 2016 ein Kindermuseum für Kinder und Familien, eine Art Indoor-Spielplatz unter anderem mit großem Schiff, aber auch Bereiche mit Objekten in Vitrinen. Durch dieses Kindermuseum sinkt die Schwellenangst. Als wir nach der Corona-bedingten Schließung wieder öffneten, haben wir einzelne Familien für 90 Minuten kostenlos in diese Spielflächen gelassen. Viele haben gesagt: Das haben wir gar nicht gewusst, dass so eine Form von Museum möglich ist. Die Corona-Krise hat auch bewirkt, dass ein gewisser Druck weg war, was zum Beispiel Besucherzahlen angeht. Solche Umbruchprozesse bieten auch Freiheit.

Wie war die Corona-Phase – die ja immer noch andauert – für die anderen? 
Thomas Richter: Es war eine Phase, in der sich das Team auch neu kennengelernt hat. Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind natürlich ebenfalls gravierend, aber da sind wir Museen geborgener als viele andere Bereiche. Was ich interessant fand, war, dass das Digitale, so wichtig und zentral es ist, ein Stück weit entzaubert wurde. Viele Menschen haben bemerkt: Es fehlt der Raum, es fehlt die Begegnung mit dem Kunstwerk, aber auch mit den Menschen, die sich ein Kunstwerk gemeinsam erschließen. Das ist der Schlüssel zu dem Erfolg, den wir mit Museen auch auf lange Sicht haben werden. 

Andreas Beitin: Für uns alle war es zunächst sehr frustrierend, das Museum drei Tage vor der Eröffnung von zwei neuen Ausstellungen zu schließen. Meine erste große Themenausstellung mit politischer Lichtkunst mussten wir auf das nächste Jahr verschieben. Aber wir haben auch vieles gelernt: wie man als Team mit so einer Krise umgeht. Wir haben die Zeit unter anderem dafür genutzt, unsere digitalen Strategien auszubauen. Ich war selbst überrascht, wie gut die Clips, die wir produziert haben, dann nachgefragt werden. Und wir sind digital mehr in den Dialog gegangen über Live-Formate oder Zoom-Treffen für den jungen Freundeskreis. Wir sprechen damit vor allem die jüngeren Generationen mehr an. 

Heike Pöppelmann: Digitalisierung ist eine Querschnittsaufgabe. Sie ist gesellschaftliche Realität, und eine Verteufelung der Medien würde das verkennen. Man muss nur damit umgehen lernen. Habermas hat jetzt in einer Publikation zum Suhrkamp-Jubiläum einen sehr schönen Aufsatz dazu geschrieben, was Kommunikation im Netz bedeutet: auf der einen Seite eine ungeheure Vielfalt und Diversität, aber auf der anderen Seite wird es schwieriger, dass eine größere Gemeinschaft auf eine rationale Weise Entscheidungen treffen kann. Die entsprechenden Krisen erleben wir tagtäglich über die Nachrichten. 

Herr Richter, glauben Sie, dass auch für Ihr traditionsreiches Haus Digitalisierung noch mal viel verändern wird in den nächsten Jahren? 
Thomas Richter: Wir digitalisieren die Sammlung seit vielen Jahren, mehrere Zehntausend Objekte liegen noch vor uns, die wir so aufbereiten, dass nicht nur Fachleute etwas damit anfangen können, sondern auch virtuelle Besucher; für jedermann überall zugänglich. Dazu brauchen wir entsprechende Mittel von unserem Träger, dem Land Niedersachsen, die notwendige Zeit und ein junges Team. Wir sind in unserem Haus in der glücklichen Lage, dass schon meine Vorgänger in den 1990er-Jahren mit der Digitalisierung begonnen haben. Heute müssen wir die Wende in das 21. Jahrhundert hinbekommen. Wenn wir den nächsten Schritt gehen von der Bestandserfassung zur Vermittlung, dann müssen wir uns wirklich neu erfinden.

Museen verändern sich heute auch, weil die Demografie der Städte sich ändert. Herr Beitin, wie erreichen Sie in Wolfsburg die 150 Nationen? Braucht es dazu auch eine Revision der Sammlung? 
Andreas Beitin: Wie bei den meisten deutschen Museen ist auch unsere Sammlung recht weiß, männlich und westlich ausgerichtet. Aber wir wollen in den nächsten Jahren mehr Diversität hineinbringen, wollen globaler und weiblicher werden. Wir haben zum Beispiel gerade mithilfe des Freundeskreises einen Werkkomplex mit Migrationsthematik von der spanischen Künstlerin Anna Malagrida angekauft. 

Herr Richter, haben Sie schon mal die Künstlerinnen in Ihrer Sammlung gezählt?
Thomas Richter: Nein, aber es gibt sie natürlich. Es gibt in der Gemäldegalerie eine Abteilung, in der Malerinnen das Thema sind. Das führt mich zurück zum Museum klassischer Art, von dem ich eingangs gesprochen habe. Der Ausgangspunkt unserer Sammlung war die höfische Kunstkammer: die Idee, alles, was die Welt ausmacht, zu sammeln und sich alle Weltgegenden zu erschließen, indem man Artefakte und Kunstwerke an einem Ort vereint. Insofern ist unsere Sammlung universal angelegt. Wir zeigen europäische Kunst, Abteilungen mit Ostasiatika, Objekte aus Mittelamerika, man kann hier eine Weltreise unternehmen. Und wenn man das Ganze in die Gegenwart überträgt, dann folgen wir einem Auftrag, der Museen als solche auszeichnet. Denn es gibt wohl keinen Ort, der so plural angelegt ist und so viele Bezüge herstellen kann wie ein Museum. 

Andreas Beitin: Die Kunstkammer ist ja eigentlich eine ganz moderne Sache gewesen, weil man nicht unterschieden hat zwischen bildender Kunst, Kunsthandwerk und Naturalien. Der interdisziplinäre Anspruch, den ja heute viele Museen haben, wurde in so einer Kunstkammer schon vorweggenommen. Wir erleben seit 10, 15 Jahren wieder eine deutliche Annäherung von Kunst, Technik und Wissenschaft. 

Corona war ein Moment des Innehaltens auch in Bezug darauf, was wir mit der eigentlichen Herausforderung unserer Zeit machen, dem Klimawandel. Auch die Museen müssen darauf reagieren. Was bedeutet das für Ihre Häuser?
Heike Pöppelmann: Wir haben zum Beispiel schon 2013 auf LED umgestellt, wir bemühen uns, bei der Ausstellungsarchitektur vieles wiederzuverwenden. Im Rahmen unserer Ausstellung "Social Design" zeigen wir ein Projekt aus Salzgitter, wo die Ausstellungsarchitektur abgeholt und wiederverwendet wird. Bei der Sanierung des Vieweghauses wird das Thema des grünen Museums auch eine große Rolle spielen. Wir sind ein regionales historisches Museum, bei uns stellen sich andere Fragen als im Bereich der Kunst.

Sie müssen nicht ständig nach New York ...
Heike Pöppelmann: Natürlich haben wir auch Lust, in einer Mittelalterausstellung ein Exponat aus dem Metropo­litan Museum in New York zu zeigen. Aber diese Blockbuster-Mentalität, die seit den 1990er-Jahren die Museen sehr umgetrieben hat, wird sich angesichts des Klimawandels definitiv verändern. Was die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie für unsere Häuser bedeuten, können wir auch noch nicht absehen. Ich bin fest davon überzeugt, dass man spannende Themen auch lokaler aufbereiten kann, mit weniger Ressourceneinsatz. 

Thomas Richter: Unser historisches Gebäude ist zur Wiedereröffnung 2016 mit großem Aufwand so überarbeitet worden, dass Aspekte dieser Art berücksichtigt wurden. Eines ist aber auch klar: Ein schmaler Beutel ist bei manchen Projekten sicher der beste Berater, wenn es darum geht, ressourcenschonend zu planen und zu arbeiten. 

Andreas Beitin: Wir haben auf Ökostrom umgestellt, werden noch auf LED umstellen. Wir verzichten auf so viele Flugreisen wie möglich: Wenn interkontinentale Transporte sein müssen, dann versuchen wir, sie per Seefracht durchzuführen. Wir werden auch prüfen, wie weit es möglich ist, auf den freien Dachflächen Fotovoltaikanlagen zu installieren, um zumindest im Sommer ein bisschen die Verbrauchsspitzen zu kappen. Unser schönes Museum mit der Riesenhalle stammt aus einer Zeit, als man noch nicht so viel darüber nachgedacht hat, wie viel Energie man verbraucht. Unsere Aufgabe ist es nun, das Gebäude so nachzurüsten, dass wir nachhaltig den Verbrauch reduzieren können. 

Letzte Frage an die Runde: Unter den Bedingungen der Digitalisierung, der zersplitterten Öffentlichkeiten, der polarisierten Gesellschaft, welche Rolle können Museen spielen?
Heike Pöppelmann: Wir retten natürlich nicht die Welt. Aber Museen sind, wie überhaupt der Bereich der Kultur, Orte, wo die Werte und Ethik unserer Gesellschaft verhandelt werden. Es sind Orte der Debatte. Es geht nicht mehr rein um Bildung, um lexikalisches Wissen, sondern wir bemühen uns, die Ausstellungen so zu gestalten, dass man auch mit eigenen Fragen wieder hinausgeht. Museen spiegeln die Debatten der jeweiligen Zeit. Wir haben über das Kunstkabinett gesprochen, wie es im höfischen Bereich vor 300, 400 Jahren entstanden ist. Und heute sprechen wir über ein Museum der vielen, darüber, wie Schulklassen ins Museum kommen, wie wir Schwellen senken und ein Programm entwickeln, das ein diverses Publikum anspricht. Museen sind eine sehr wandelbare Institution. Das lässt mich hoffnungsfroh in die Zukunft schauen. 

Thomas Richter: Museen sind Orte der Sprache und des Dialogs, das ist das Wichtigste in unserer heutigen Situation, in der sich Myriaden von Inseln bilden, wo jeder um sich selbst kreist. Museen bieten einen Ort, wo man sich treffen kann, sich nicht nur bespaßen und bespielen lässt, sondern sich auch über relevante Inhalte austauschen kann. Die Kunst ist universal, sie ist für alle Fragen offen. Man kann zu jeder Idee, zu jedem Gefühl in der Kunst etwas finden und für sich selbst daraus Neues schöpfen. 

Andreas Beitin: Im letzten Jahr gab es rund 112 Millionen Museumsbesuche in Deutschland, das stimmt doch zuversichtlich! Museen sind Orte des Authentischen und bieten einen Ausstieg aus der permanenten Bilderflut. Dort muss man nicht funktionieren, hat keine Aufgabe, sondern kann sich einfach auf ein Werk mit all seinen Irritationen und Fragen einlassen. Ich bin sicher, dass die Museen in Zukunft noch mehr Wertschätzung erfahren werden. Wie sehr die Gesellschaft Kunst und Kultur braucht, haben wir ja in den letzten Wochen erst erlebt. Museen sollten Orte einer gelebten Gemeinsamkeit aller sein, das können wir der Gesellschaft und Politik zeigen.