Staatsgalerie-Chefin

Museums-Boom in Deutschland bremsen

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Hat Deutschland zu viele Kunstmuseen? Allein mit der Fragestellung hat Christiane Lange Kollegen düpiert. Diese werfen der Chefin der Staatsgalerie Stuttgart sogar Larmoyanz vor

Deutschland muss nach Ansicht der Chefin der Stuttgarter Staatsgalerie seinen Museums-Boom bremsen. "Vielleicht gibt es einfach zu viele Museen", betitelte die FAZ jüngst ein Interview mit Christiane Lange. "Wer soll sich das denn alles noch anschauen?", fragte die Direktorin im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur - und bringt damit etliche Kollegen kleinerer Häuser gegen sich auf.

Sie wolle keine kleine Museen schließen, beruhigte Lange. Aber sie wolle ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die öffentliche Hand Gefahr läuft, sich im Kleinteiligen zu verlieren. Wer das Niveau der Kunstmuseen hoch halten wolle, muss die Kulturgelder aus Langes Sicht in "Flaggschiffe" stecken und nicht in immer neue Museen oder Ausstellungshäuser.

Gegenwind gab es postwendend vom Deutschen Museumsbund. Lange komme da "sehr larmoyant rüber", sagte der Präsident Eckart Köhne der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart. Er kenne keinen Kollegen, der die Einwände aus Stuttgart stütze.

Köhne hält die ganze Diskussion für schwierig - schließlich sollten die Museen sich generell nicht gegenseitig die Daseinsberechtigung absprechen. "Kulturschaffende sollten der Politik nicht auch noch eine Vorlage liefern", kritisiert der Direktor des Badischen Landesmuseums. Lange hat für Donnerstag und Freitag zu einem Symposium eingeladen. Der Titel: "Die Grenzen des Wachstums. Das Kunstmuseum gestern, heute und morgen."

"Wenn wir es so weiterlaufen lassen, dann werden wir in den nächsten 20 Jahren in Deutschland weitere 2000 Museen und Ausstellungshäuser on Top bekommen", warnte Lange. Aus dem Wohlstand heraus sei dieser Boom ausgelöst worden. Es sei aber nicht allen bewusst, dass man diesen Weg nicht immer weiter gehen könne - jedenfalls nicht, wenn man das Niveau der großen Häuser hoch halten wolle. "Das geht kaum, wenn wir konsequent jedes schöne Künstleratelier zu einer Gedenkstätte machen oder alle Wohnhäuser von Dichtern zu Museen umbauen."

Lange fordert mehr Geld für die Flaggschiffe. "Es ist wichtiger, dass zum Beispiel die Dresdner Museen adäquat renoviert werden und deren Schätze restauriert werden, als jedes hübsche Schlösschen im Umland proper herauszuputzen." Während die großen Häuser wie die Staatsgalerie Stuttgart zuletzt "keine nennenswerten Budgetsteigerungen" erhalten hätten, würden überall Museen eröffnet, weil etwa Privatsammler vermeintliche Geschenke machten.

"Augen auf beim Schenken lassen!", warnte Lange. Auch so manches Privatmuseum habe sich schon als sehr teuer erwiesen, wenn sich die öffentliche Hand einbinden lasse. "Damit nimmt man der öffentlichen Hand die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie das Geld ausgegeben werden soll", sagte Lange. Ein Museum verschlinge unendlich viel Geld. "Und ich weiß nicht, ob die Erben alle Willens sind, ihr Privatvermögen für das Hobby ihrer Eltern einzusetzen."

Letztlich müsse die Gesellschaft entscheiden, wie wichtig es ihr ist, dass es pro 50.000 Einwohner ein Museum gibt, erklärte Lange. Oder ob es wichtiger sei, dass es weniger aber hochwertigere Institutionen gebe. Museumsbund-Präsident Köhne wundert sich, dass solche Einwände ausgerechnet aus dem Südwesten kommen. "Die großen Häuser in Baden-Württemberg sind sehr ordentlich versorgt. In anderen Bundesländern ist das viel schwieriger", sagte Köhne. Letztlich regele sich vieles durch Wettbewerb. "Jedes Museum hat es doch selbst in der Hand, attraktiv zu sein."

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