Südkorea ist eines der bestvernetzten und digitalisiertesten Länder der Welt. 99 Prozent der Bevölkerung sind online, 98 Prozent besitzen ein Smartphone. In Deutschland nutzen etwa 83 Prozent der Menschen ein solches Gerät. Darüber hinaus ist der mächtige Mischkonzern Samsung der weltweit größte Produzent dieser im Alltag vermeintlich unverzichtbaren Telefone. Der weltweite Marktanteil liegt bei 19 Prozent, 2024 wurden über 300 Millionen Telefone aus Korea verkauft.
Nun hat dieser Tage die südkoreanische Nationalversammlung ein Gesetz verabschiedet, das Smartphones an Schulen verbieten will. Ab März 2026 soll die neue Regelung in Kraft treten. Damit wolle man vor allem der Mediensucht von Schülerinnen und Schülern entgegenwirken. Andere Länder wie Australien und die Niederlande haben bereits ähnliche Gesetze eingeführt. China verbietet ebenfalls den Gebrauch von Handys an Schulen. Auch hierzulande wurde schon heftig über das Thema diskutiert, und in ersten Bundesländern werden Fakten geschaffen. So hat der hessische Landtag gerade ein generelles Verbot mit wenigen Ausnahmen bis zur Oberstufe beschlossen.
Smartphones respektive soziale Medien sind erwiesenermaßen schlecht für die Aufmerksamkeit und die Konzentration. Ständige notifications lenken vom Unterricht und von Klausuren ab. Das kennen aber auch Erwachsene: Beispielsweise, wenn eigentlich abends ein Film geguckt wird, eine neue WhatsApp- oder Instagram-Nachricht reinrieselt und man plötzlich eine halbe Stunde des Thrillers verpasst, weil man wieder im suchterzeugenden Algorithmus gefangen seine Daumen trainiert.
Ein Drittel zeigt Anzeichen von Abhängigkeit
"Phubbing" nennt sich dieses Phänomen. Ein Portmanteau aus phone und snubbing, das beschreibt, wie man dem Handy mehr Aufmerksamkeit schenkt als dem Gegenüber – oder dem Film oder Buch. Ein Problem, das bei Dates und Partnerschaften genauso für Irritationen sorgen kann wie bei der Arbeit, wenn Kollegen oder Chefs ständig bei einem Meeting auf ihr Handy gucken und nur noch so tun, als würden sie einem zuhören.
Für Jugendliche und Kinder kommen Probleme wie Cybermobbing hinzu. Mit einem Verbot an Schulen könnte das Phänomen zumindest während der Unterrichtszeit eingedämmt werden. Allerdings dürfte es wie mit dem Rauchen und anderen Drogen sein. Man kann sie während der Betreuungszeiten verbieten, was Kinder danach machen, liegt aber nicht in der Hand von Schulen und Lehrkräften. Das sagen auch koreanische Jugendliche. Die halten wenig von dem neuen Gesetz, weil sie nach ihren langen Schultagen so oder so bis spätnachts auf YouTube oder Instagram unterwegs sind.
Verbot oder nicht – die Probleme sind wie zu erwarten komplexer und sollten ernst genommen werden. Im Juni wurde eine Studie der Weill Cornell Medicine aus New York veröffentlicht. Hier untersuchten die Forschenden 4000 Kinder und Jugendliche über einen Zeitraum von vier Jahren und beobachteten dabei deren Suchtverhalten im Bezug auf soziale Medien, Handys und Videospiele. Ein Drittel der Teilnehmenden zeigte Anzeichen von Abhängigkeit. Unter ihnen stieg nicht nur die Wahrscheinlichkeit für mentale Probleme, auch zeigten jene Probanden verstärkt suizidale Verhaltensmuster.
Mangelnde Selbstkontrolle und Disziplin
Die leitende Wissenschaftlerin Yunyu Xiao erklärte gegenüber dem "Guardian": "Für Eltern und Pädagogen konzentriert sich die Diskussion um Smartphones und soziale Medien auf die Einschränkung oder das Verbot ihrer Nutzung. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass komplexere Faktoren eine Rolle spielen. Daher könnte die Erprobung von Maßnahmen, die bei anderen Arten von Sucht wirken, ein Ansatz für den Umgang mit dieser Art der medialen Nutzung sein."
Nicht die Screentime an sich sei das Problem, sondern das kompulsive, also zwanghafte Verhalten, das viele Kinder und Teenager zeigen. Ein zentraler Punkt sei hier mangelnde Selbstkontrolle und Disziplin.
Und genau diese Muster schauen sich viele Kinder bei ihren Eltern ab. Andere Studien untersuchten das Smartphone-Verhalten der Erziehungsberechtigten und die Auswirkungen auf deren Kinder. "Parental Phubbing" nennt sich dementsprechend das Phänomen. Eine 2024 veröffentlichte Studie zeigt, dass Eltern, die ihre Zeit lieber mit Smartphones statt aktiv mit ihrer Familie verbringen (aus welchen "wichtigen" Gründen auch immer), die sozial-emotionale Entwicklung ihrer Kinder ernsthaft beeinträchtigen können.
Eine Aufgabe für uns alle
Nicht nur, dass jene Verhaltensweisen Eltern-Kind-Bindungen negativ beeinflussen. Smartphone-abhängige Eltern zeigen weniger Empathie gegenüber ihren Kindern; der emotionale Kontakt ist schwächer. Im Umkehrschluss zeigen Kinder und Jugendliche, die von "Parental Phubbing" betroffen sind, ebenfalls Verhaltensauffälligkeiten. Sie fühlen sich ausgegrenzt und abgewiesen, was zu Depressionen und aggressivem Verhalten führen kann. Eine mögliche Folge: Sie hängen selber süchtig am Smartphone.
In der U-Bahn, im ICE, an der Bushaltestelle – wir alle daddeln ständig am Handy. Und wären wir Erwachsenen heute Kinder, würden wir eventuell genauso denken: "Das muss so sein. So funktioniert die Welt." Tut sie aber nicht. Neulich hörte ich von einem Eltern-Trick (aus dem Internet natürlich), dass man aus einem Buch den Mittelteil herausschneiden könnte, um dort das Handy zu platzieren. Damit die Kinder denken, man lese, um den Nachwuchs zum Nachahmen zu motivieren.
Früher hat man so Flachmänner mit Schnaps versteckt. Aber das sagt auch alles – und ist eigentlich ganz schön traurig. Oberflächliche Verbote führen zu Täuschung und Manipulation. Es kann gern auch hierzulande weiter über Smartphone-Regulierung an Schulen nachgedacht werden. Die eigentliche Aufgabe ist und bleibt aber eine für uns alle.