Es kann viele Gründe dafür geben, einen Film als "herausragend" zu bezeichnen. Dass "Gelbe Briefe" den Goldenen Bären der Berlinale gewonnen hat, liegt nicht allein an den dramaturgischen und ästhetischen Qualitäten des Werks. Wie kein anderer Wettbewerbsfilm spiegelt İlker Çataks Geschichte um eine türkische Kleinfamilie, die aufgrund von staatlicher Repression ins Wanken gerät, auch das große Thema des vergangenen Festivals: Kultur- und Meinungsfreiheit. Nicht als roter Faden im Wettbewerb (der das Politische überwiegend im Privaten suchte) sondern als kakophonischer Begleitsound in den Debatten. Und dann natürlich in Verbindung mit dem "Eklat", den der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhati bei der Preisverleihung lostrat.
Da Jurypräsident Wim Wenders in der ersten Pressekonferenz zum Mitakteur des Diskurses wurde: Blieb ihm eine andere Wahl, als sich für den politisch brisantesten Film starkzumachen? So umstritten wie interessant ist die Art und Weise, wie Wenders unfreiwillig zum Brandbeschleuniger wurde. "Wir müssen uns aus der Politik heraushalten" war seine Replik auf die manipulative Frage des Podcasters Tilo Jung nach der "selektiven Solidarität" der Berlinale mit Hinblick auf den Nahostkonflikt. Die Schriftstellerin Arundhati Roy, die "angeekelt" ihre Teilnahme absagte, die Unterzeichnenden eines offenen Briefs, die das Schweigen zum Gaza-Krieg kritisierten und eine angebliche Beteiligung des Festivals "an der Zensur von Künstlern, die Israels andauernden Völkermord an den Palästinensern im Gazastreifen ablehnen" brandmarkten – der schrille Ton war gesetzt; die Bedrückung blieb.
Dass Tricia Tuttle als Festivalchefin hinschmeißen wollte ("Bild" brachte die Falschmeldung, Kulturstaatsminister Weimer wolle sie entlassen), hängt mutmaßlich eben nicht nur mit den Zumutungen der Politik zusammen (Weimers neueste Peinlichkeit ist ein zukünftiger "Verhaltenskodex" auf dem Festival), sondern auch mit der unschön-unvermeidlichen Kehrseite der Freiheit, alles Nicht-Justiziable sagen und schreiben zu dürfen – zusammengefasst in dem Begriff "Framing". Verbieten kann man diese Art, Druck speziell auf die Repräsentantin des Festivals auszuüben, nicht. Dass Tuttle es niemandem recht machen kann, weder denen, die ihr "Israel-Hass" vorwerfen, noch denen, die sie als "Genozid-Leugnerin" hinstellen wollen und schon gar nicht Zensurwünschen aus der Politik, liegt auf der Hand. Und mit dem Wittgenstein-Spruch "Wovon man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen" könnte Tuttle ja auch nicht dauernd antworten. Sie hat aber ein Recht darauf, sich in heiklen Fragen bedeckt zu halten.
Kunst als Fluchtort
Hier unterscheidet sich die Berlinale-Lage von der Situation türkischer Intellektueller und Kunstschaffender, wie sie in "Gelbe Briefe" geschildert wird: Tuttle und Wenders schweigen oder flüchten sich ins sprachlich Ungefähre, weil sie die Debatte offen und das Festival am Laufen halten wollen. Für İlker Çataks Figuren ist es weit problematischer, den Mund zu halten und ihren Job weiterzumachen: Die Freundin, für die du nicht einstehst, wird das nächste Opfer sein. Klare Kante gegen das Regime ist aber genauso schwierig. Es ist ein Dilemma, in dem das Protagonistenpaar von Anfang an steckt. Ihr Fluchtort: Das Theater.
Derya und Aziz sind keine Rebellen, das spürt man in der Premiere, von der man anfangs Bruchstücke sieht. Das blutrote Bühnenlicht tilgt alle Zwischentöne. Derya, die Staatsschauspielerin, spielt sich an der Rampe einen Wolf, in ihrem Text ist von "stummen Schreien" und "innerer Unendlichkeit" die Rede. Über dem Bühnenboden hängen – Obacht: Systemkritik – große Vogelkäfige, in die Akteure eingesperrt sind.
Stolz betrachtet der mit Derya verheiratete Autor des Stücks seine Muse aus der Seitengasse. Dann wirft Aziz einen ängstlichen Blick auf den Gouverneur im vollbesetzten Saal. Der lächelt. Freut sich schon auf den Fototermin mit der Starschauspielerin. Es ist was faul im Staate Erdogans. Doch die Kunst kann wenig dagegen ausrichten, surreales Parabeltheater zumal. Die Szene ist übrigens im Berliner Ensemble gedreht – Bertolt Brechts Theater. Gemeint ist aber das Staatstheater von Ankara? Nun, es ist komplizierter.
"Berlin als Ankara"
Die Vorspanntitel stellen die Personen und ihre Darsteller vor. Und bei einer Panoramaeinstellung mit Alexanderplatz und Fernsehturm heißt es: "Berlin als Ankara".
Çatak, 1984 als Sohn türkischer Einwanderer an der Spree geboren, wollte keinen Film drehen, der in einem autoritär regierten Land spielt; das hätte der deutsche Filmemacher als Anmaßung empfunden. In einer Art Versuchsanordnung holt er die türkische Bevölkerung in sein Land. Womit er zugleich die Verschwörungstheorie der extremen Rechten vom "Bevölkerungsaustausch" virtuell in Kraft setzt – und diese Angstprojektion mit dem Horror der Aufgeklärten vor einem Umkippen der Demokratie in die Diktatur kombiniert. Ersteres, der "Umvolkungs"-Aspekt, wird in der deutschen Synchronfassung des türkischsprachigen Originals indes arg entschärft. Da mutiert "Gelbe Briefe" dann wieder zum Film von woandersher.
Seit Christian Petzolds Anna-Seghers-Adaption "Transit", in der Menschen, die aus Hitlerdeutschland geflohen sind, im heutigen Marseille auf Schiffspassagen nach Amerika warten, sind derlei Transfers im Film nicht mehr ganz ungewöhnlich. Erstaunlich ist, wie gut es Çatak gelingt, den Verfremdungseffekt natürlich wirken zu lassen. Was auch damit zusammenhängt, dass es an beiden Spielorten eine türkische Diaspora gibt: Die Kleinfamilie muss aus ökonomischen Gründen von Ankara/Berlin nach Istanbul/Hamburg übersiedeln.
"Gelbe Briefe" ist aber nicht nur ein von autokratischen Verhältnissen in der Türkei inspirierter und vom drohenden Demokratieverfall in Deutschland warnender Film. Ein US-Rezensent schrieb nach der Berlinale-Premiere, dass dies "der wichtigste Film sein könnte, der bislang über Donald Trumps Amerika gedreht wurde". Wenn das kein "Weltkino" ist!
Kafkas "Prozess" lässt grüßen
Es fängt damit an, dass Derya, deren Performance vom Handyklingeln des Gouverneurs gestört wurde, genervt das Theater verlässt und somit den Fototermin platzen lässt: ein Affront. Vielleicht fängt es aber auch damit an, dass Aziz, der als Dozent an einer Universität unterrichtet, seine Studierenden dazu ermuntert, an einer Friedensdemo teilzunehmen. Oder es gibt gar keine Gründe für Repression und Anklage: Kafkas "Prozess" lässt grüßen.
An der Uni werden sämtliche Lehrenden des Fachbereichs unter fadenscheinigen Gründen entlassen, und so auch Aziz. Einen gelben Brief – das Kündigungsschreiben – erhält aber auch Derya. Aziz’ Drama wird abgesetzt und ein unverfängliches Repertoirestück auf den Spielplan geschoben. Die besondere Demütigung für Derya besteht in der Entdeckung, dass ohne sie geprobt – mit der Lieblingskollegin in Deryas angestammter Rolle. Die Freundin schweigt verdruckst dazu. Aziz hat es besser, aufgrund des Kahlschlags im Fachbereich sitzen alle Dozentinnen und Professoren im selben Boot. Man zeigt sich solidarisch. Später, als Aziz der Prozess gemacht wird – wegen Anstiftung der Studierenden zu staatlichem Ungehorsam – bricht die Gruppe auseinander. Da lebt die Familie bereits in Istanbul und ist zur Verhandlung nach Ankara zurückgekehrt. Aber ein Zurück gibt es nicht wirklich.
Çatak erzählt von der Vertreibung aus einem halbwegs intakten "Paradies". Weil der Vermieter Aziz, Derya und die 13-jährige Tochter Ezgi aus der Wohnung wirft und die Bank den Aufschub der Kreditrückzahlungen verweigert, sieht sich die Familie zum Umzug nach Istanbul gezwungen. Sie kommen in der kleinen Wohnung von Aziz’ Mutter unter. In Istanbul/Hamburg lebt auch Deryas Bruder Salih, der seinem Schwager einen Job als Taxifahrer vermittelt. Welten treffen aufeinander: Salih geht in die Moschee; beim Familienessen mit den nach den Lehren des Korans lebenden Verwandten fühlen sich die Neuankömmlinge fehl am Platz.
Am Boden der Realität
Sie sind am Boden, nicht unbedingt: zerstört, aber definitiv am Boden der Realität angekommen. Sie finden sich in einer Situation wieder, in der sehr fraglich ist, ob "das Theater die Welt retten kann", Worte, die mehrmals im Film wiederholt werden. Umformuliert und auf das rettungsbedürftige Individuum bezogen, ergibt der Satz schon mehr Sinn. In der Küche seiner Mutter fängt Aziz wieder zu schreiben an. Vielleicht kann die Kunst ja ihn retten, ihn und seine Familie. Auf einer Off-Bühne zeichnet sich eine neue künstlerische Heimat für den Dramatiker und "seine" Schauspielerin ab. Ein neues, von Aziz verfasstes Stück wird geprobt, das den Titel "Gelbe Briefe" trägt.
Das ist kein hochtrabendes Staatstheater mehr, sondern ein simples Setting mit explizitem Text: "Jemanden warten zu lassen, ist ein Werkzeug autoritärer Regime. Jedoch, wer nicht weiß, worauf er eigentlich wartet, den erfasst die Ungewissheit. Man ertrinkt förmlich in der Ungewissheit. Die Ungewissheit geht über das Autoritäre hinaus. Es ist das Wesen des Totalitären, seine Mechanik." Derya spricht diese Zeilen während einer Probe, zu der sie verspätet ins Theater gekommen ist. Sie hat an einem Casting für eine Hauptrolle in einer Fernsehserie teilgenommen. Eine zwiespältige Option: Derya muss Geld für die Familie verdienen. Der Sender trägt den kafkaesken Namen Kanal K und hat gegen die Theaterszene in Ankara gehetzt. Allerdings könnte sich Derya mit der Rolle in der Soap "Paradiesgarten" (!) auch von ihrem Ehemann emanzipieren, der sich im Ehestreit einmal damit brüstet, Derya "erschaffen zu haben".
Das TV-Engagement wäre ihr Pakt mit dem Teufel und ihr weibliches Empowerment in einem, Opportunismus und Feminismus zugleich. "Gelbe Briefe" ist voller solcher Widersprüche und Diskontinuitäten. Çatak erzählt nie einseitig, sondern mehrdimensional. Sein Film ist streckenweise irritierend undramatisch – ganz anders als der Vorgängerfilm "Das Lehrerzimmer", wo Çatak mächtig an der Spannungsschraube dreht. Die Story entfaltet sich mit einer fiesen Leichtigkeit, die der naiven Hoffnung oder dem Irrtum entspricht, es werde mit dem Demokratieschwund schon nicht allzu schlimm kommen. Und falls es schlimm kommt, dann bitte nur für die Anderen. Dieser Hang zum Selbstbetrug wird dubios konterkariert von Marvin Millers zwischen Bach und Atonalität schwankender Musik.
Çatak urteilt nicht über seine Figuren, ist voller Empathie für sie und ihre Versuche, das Beste aus ihrer Zwangslage zu machen. Derya und Aziz, großartig verkörpert von Özgü Namal und Tansu Biçer, sind Menschen wie wir. Und natürlich kommt die Frage auf: Welches Maß an Mut würde ich aufbringen, wenn mein Dasein in Gefahr ist, wenn es gilt, freies Tun und Unabhängigkeit zu verteidigen. Stolpersteine, die an Opfer des Holocaust erinnern, die Zahl 1933 an der Wand vor einem Gerichtsgebäude: Solche den Plot an die deutsche Vergangenheit zurückbindende Zeichen säumen den Film – der zugleich eine Zukunftsvision darstellt, eine hinterhältig sanfte Dystopie. Çatak öffnet kein Fenster in ein fernes, krisengeschütteltes Land. Die "Gelben Briefe" sind an uns adressiert.