Schlingensief in Leipzig

Die Glut, die nicht erlischt

Christoph Schlingensief verstand Kunst als politische Intervention. Eine Leipziger Ausstellung zeigt sein Werk vom frühen Film bis zur Choreografie des Sterbens – und erinnert daran, wie sehr diese Haltung heute fehlt

Einer wie er fehlt in dieser Zeit. Christoph Schlingensief setzte sich kompromisslos mit deutscher Geschichte, Nationalismus, Ausgrenzung und gesellschaftlicher Trägheit auseinander. Er verstand Kunst als Intervention, die die Grenzen zwischen Kunst und Realität, zwischen Fiktion und Politik verwischte.

1998 gründete er Chance 2000 – eine Partei der Arbeitslosen und gesellschaftlich Ausgegrenzten. Medialer Höhepunkt war die Aktion "Baden im Wolfgangsee", für die er sechs Millionen Arbeitslose einlud, dort zu baden, wo Helmut Kohls Ferienhaus stand. Ein Jahr später kniete Schlingensief am symbolträchtigen Datum des 9. November vor der New Yorker Freiheitsstatue nieder und warf eine Urne mit der Asche Deutschlands sowie einen Koffer mit 99 deutschen Alltagsgegenständen in den Hudson River – die Dokumentation ist derzeit in der Neuen Nationalgalerie zu sehen. 

2008 wurde bei Schlingensief Lungenkrebs diagnostiziert. Er verstarb am 21. August 2010 mit 49 Jahren. "NACH Christoph Schlingensief" heißt die Ausstellung, die der Leipziger Kunstverein 47m Contemporary dem Ausnahmekünstler seit Oktober widmet. Der Rundgang durch die Mini-Retrospektive im Obergeschoss des denkmalgeschützten Wünschmann-Hauses beginnt mit Schlingensiefs Ende: Unweit der Leipziger Uniklinik ist hier ein artifizielles Behandlungszentrum entstanden. Auf einem Holzpodest sind kleine Zimmer angedeutet: Befund- und Operationsraum, Arzt-, Warte- und Besuchszimmer, Schlafzone und Abschiedsplatz. Infusionsständer mit Plastebeuteln vermitteln den Eindruck, dass hier gerade noch jemand gewesen ist. An den Wänden hängen Bilder, die Schlingensief in verschiedensten Posen zeigen. 

Choreografie des Krankseins und Sterbens

Mit "Der König wohnt in mir" schuf er 2008 eine Choreografie des Krankseins und Sterbens, von Diagnose und Eingriff über Verwahrung und Kontrolle bis zum Tod – damals hatte er gerade die Diagnose erhalten. Sechs Kamine flankieren die Krankenstation und markieren die Tage der Woche, der siebte bleibt als Leerstelle unbesetzt. Statt Feuer glimmen darin Film- und Videoaufnahmen. Der A4-große Hinweis "Die Ausstellung enthält Darstellungen von Tod, Krankheit und explizite Abbildungen von Tierinnereien" ist nicht übertrieben. Zu sehen sind Begegnungen in Kathmandu und Bhaktapur, Szenen in einem Kinderkrankenhaus, Rituale am Fluss, aber auch Selbstinszenierungen des Künstlers.

Akustisch schreibt sich sein Frühwerk in den Raum ein: Durch die improvisierte Decke aus Plasteplanen tönt der Film "TUNGUSKA – DIE KISTEN SIND DA" aus dem Jahr 1984: Ein junges Paar fällt in die Hände dreier Forschenden, die mit bizarren Experimenten an die Essenz eines Zeitgeistes vordringen wollen. Der Titel verweist auf eine Reihe von rätselhaften Explosionen, die im Jahr 1908 in der Nähe des sibirischen Tunguska-Flusses stattfanden. Genauso rätselhaft ist der Film, eine Mischung aus Heimat, Horror, Abenteuer und Science-Fiction.

In einem postergroß gedruckten Interview aus dem Jahr 1984 kommt der damals 23-jährige Künstler an der Wand selbst zu Wort. Er gibt zu, dass "Tunguska" ein anstrengender Film sei, "weil er den Zuschauer ständig aufs Glatteis führt und ziemlich extrem ist. Extrem einmal, was die Erzählstruktur angeht, die sich ständig hin und her bewegt, und dann schwierig, weil der Ton sehr dicht ist und viele Räume erzeugt." Für Menschen, die unterhalten werden wollen, sei er daher eine Strapaze. Grelle Lichteffekte, abrupte Szenenwechsel und laute Klangstörungen machen es tatsächlich beim besten Willen unmöglich, einer linearen Erzählung zu folgen. Zwei weitere Filme aus den 1980er-Jahren sind hier in einem kleinen Kino-Setting in voller Länge zu sehen.

Schlingensief beschallte die Welt

Schlingensief begann bereits im Alter von zwölf Jahren mit Schmalfilmen zu experimentieren. Ab 1981 studierte er in München Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte und begann seine Karriere als Filmregisseur. Zeitlebens überschritt er die Grenzen von Film, Theater, bildender Kunst und Oper und verband kalkulierte Setzungen mit dem Zufall des Augenblicks, der die Reaktionen von Publikum und Öffentlichkeit direkt in den künstlerischen Prozess mit einbezog.

In der eindrücklichen Kuppelhalle des Leipziger Kunstvereins, fast 50 Meter über der Stadt, verdeutlicht die Ausstellung schließlich, wie Schlingensief konsequent mittels unabgeschlossener Formen das Kunstwerk zur Aktivierung der Besuchenden einsetzte. "Sprich ins Mikrofon und werde Teil des Stimmengewirrs. Überschreibe den Raum, beschalle die Stadt", fordert das Faltblatt von den Besuchenden. Aus der Kuppelhalle geht es auf die Aussichtsplattform. In den beeindruckenden Blick über Leipzig mischen sich aus Megafonen die Klänge von Klaviertasten, ein Stöhnen. Darunter Stimmen und Alltagsgeräusche aus den Nachbarstaaten Deutschlands, die während der Bundestagswahl im Februar 2025 aufgenommen wurden. Ergänzt werden sie durch ein Hörspiel der Offenen Kunstwerkstatt des Leipziger Vereins Lebenshilfe, die regelmäßig Begegnungen zwischen Menschen mit Behinderung und Künstlerinnen initiiert und Raum schafft, künstlerisch tätig zu sein.

Schlingensief beschallte die Welt "mit seinem geliebten Megafon so ausdauernd", dass es zu seinem charakteristischen Werkzeug wurde. Es symbolisierte seinen Anspruch, die Unsichtbaren sichtbar zu machen – ob Arbeitslose, Menschen mit Beeinträchtigungen oder Asylsuchende. Und es stand für seine Methode der unmittelbaren, ungefilterten Intervention in den öffentlichen Raum. Bei seiner legendären Aktion "Bitte liebt Österreich" 2000 in Wien moderierte er das gesamte Geschehen über ein Megafon. 

"Es ist nur noch eine Masche"

Für den deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig 2011 hatte Schlingensief bereits Pläne entworfen, die er selbst nicht mehr realisieren konnte. Unter der künstlerischen Leitung seiner Witwe Aino Laberenz wurde eine alternative Ausstellung seiner letzten Werke realisiert. Der Pavillon wurde mit dem Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag ausgezeichnet. Auch jetzt in Leipzig wurde das Kuratorenteam Erik Swars und Yana Kadykova künstlerisch von Laberenz beraten. 

Nach Yael Bartana im vergangenen Jahr ist es dem noch jungen Kunstverein einmal mehr gelungen, eine wichtige, internationale Position in Leipzig zu präsentieren – die politische Dimension von Schlingensiefs Werk kommt dabei leider etwas zu kurz. 

Im Jahr 2006 hatte Schlingensief für fünf Monate im Leipziger Museum der bildenden Künste ausgestellt. In einem dunklen, gruftartigen Raum wurden Filme projiziert, die Hitler und Stalin als wichsende Pornodarsteller und Rhesusäffchen in braunen Nazi-Uniformen zeigten. "Ich bin der festen Überzeugung, dass meine Arbeit im Moment wesentlich politischer ist als der Quatsch, der uns als Politik vorgeführt wird", erklärte Schlingensief damals im Interview mit der "Leipziger Volkszeitung". "Die Politik ist auf einem Lügengespinst aufgebaut, das man Demokratie nennt. Es ist nur noch eine Masche."