Zum Tod der Fotografin Elfie Semotan

Eine andere Schönheit, die bleibt

Bevor Elfie Semotan als Fotografin international bekannt wurde, stand sie selbst vor der Kamera. Ihre Bilder zeigten Schönheit jenseits starrer Ideale. Nun ist sie im Alter von 84 Jahren gestorben

Zu meinen wertvollsten Erinnerungen an Elfie Semotan zählen zwei gemeinsame Rundgänge im Jahr 2024: zum einen durch ihre eigene Ausstellung "Inspiration Comes from Everyday Life" im Austrian Cultural Forum New York, in der ihre Fotografien im Dialog mit den Entwürfen der Modedesignerin Nina Hollein präsentiert wurden, zum anderen durch die Retrospektive von Robert Frank im Museum of Modern Art, nur wenige Straßen weiter, anlässlich seines 100. Geburtstags. Das zeitliche Zusammentreffen der Ausstellungen war Zufall und doch bemerkenswert passend. Semotan erzählte, wie Franks Fotoband "The Americans", seine eindringlichen Porträts von Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft, sie nachhaltig geprägt hatten.

Wir sprachen in diesen Tagen auch über New York, wo Semotan seit 1992 viel Zeit verbracht und zahlreiche Freundschaften gepflegt hatte. Es war jedoch ihr erster Besuch seit der Pandemie, und sie fand die Stadt zwar verändert, doch noch immer energiegeladen. Sie war einst ihr Zufluchtsort gewesen, nach dem frühen Tod Martin Kippenbergers, ihres zweiten Ehemanns. Hier hatte sich ihre künstlerische Praxis international gefestigt. 

Tatsächlich bewegte sich Semotan jahrelang zwischen New York, Wien und ihrem alten Bauernhaus in Jennersdorf im südlichen Burgenland. Diese Orte bildeten die Konstanten ihres Lebens und ermöglichten jenen rhythmischen Wechsel zwischen Nähe und Distanz, Ruhe und Aufbruch, den sie immer wieder suchte. Diese geografischen Kontraste spiegeln sich auch in der Spannbreite ihrer Bilder wider, die stets zwischen Stille und Bewegung, Intimität und Offenheit zu pendeln scheinen.

Teil der Wiener Kunstszene

Seit Jahrzehnten zählte Elfie Semotan zu den international bekanntesten Fotografinnen, nachdem ihre Karriere zunächst vor der Kamera begonnen hatte. 1941 in Wels geboren, besuchte sie die Modeschule Hetzendorf in Wien. 1961 zog sie nach Paris, wo sie schnell als Model auf den Laufstegen und in den Salons großer Modehäuser arbeitete. Sie behielt dabei ihre Verbindung nach Wien und wurde früh Teil einer sich öffnenden österreichischen Kunstszene, in der sie mit Künstlern wie Konrad Bayer, der Wiener Gruppe, Friedensreich Hundertwasser und den Wiener Aktionisten in Berührung kam. Es waren prägende Begegnungen, die ihr Kunstverständnis schärften. Ende der 1960er-Jahre lernte sie den kanadischen Fotografen und Filmemacher John Cook kennen. Sie wechselte, wie auch ihre Freundin Sarah Moon, hinter die Kamera, und schon bald erschienen Semotans Arbeiten in internationalen Magazinen wie "Vogue", "Elle", "Esquire", "Marie Claire", "Harper’s Bazaar" und "The New Yorker".

Es war für Elfie Semotan zentral, Künstlerin und Mutter zugleich zu sein. In ihrem wohl persönlichsten Buch, "Eine andere Art von Schönheit", befinden sich mehrere Fotografien ihrer Familie, von Ivo und August, ihren Söhnen aus ihrer ersten Ehe mit dem Künstler Kurt Kocherscheidt. Offen erzählte sie davon, wie sich diese beiden Rollen über viele Jahre hinweg untrennbar überlagerten. Ihr Arbeitsalltag in dieser Zeit war geprägt von Unterbrechungen, Mobilität und einer ständigen Neuorganisation des Alltags, die oft nur mit der Unterstützung guter Freunde wie Helmut Lang zu bewältigen war. Aus dieser Unplanbarkeit jedoch zog sie eine produktive Kraft, und Semotan begriff ihre Fotografie als eine Art Spiegel ihrer Gemütsstimmungen. Sie half ihr dabei, ihr Innerstes sichtbar zu machen. Vielleicht liegt hier der Ursprung ihrer Fähigkeit, das Flüchtige, Widersprüchliche und Unausgesprochene festzuhalten, ohne es jemals vollständig zu erklären.
 

Elfie Semotan "Ohne Titel, New York", 2013
Foto: Courtesy Galerie Gisela Capitain, Köln

Elfie Semotan "Ohne Titel, New York", 2013

In Semotans Arbeiten war nichts in einer starren Ästhetik gefangen, schon gar nicht Frauen. Von Beginn an hinterfragte sie die Konventionen der Modefotografie. Ihre Werbekampagnen, etwa für Palmers und Römerquelle, entwarfen ein neues, selbstbewusstes Bild von Weiblichkeit und wurden gerade dadurch ikonisch. Für eine Kampagne des Online-Versandhändlers Zalando fotografierte sie später selbstbewusste Frauen ihrer eigenen Generation, darunter Senta Berger, Christiane Hörbiger und Hannelore Elsner. Immer wieder verschob Semotan die Grenzen dessen, was Werbung zeigen durfte. Statt idealisierter Bilder von Weiblichkeit richtete sich ihr Blick auf Individualität. Ihre Modelle erschienen nicht als Objekte fremder Projektionen, sondern als eigenständige Persönlichkeiten mit Charakter und Selbstbestimmung.

Blick für das Nebensächliche

Es erstaunt daher nicht, dass sich Semotan rasch als einfühlsame Porträtistin einen Namen machte. Sie fotografierte bedeutende Schauspielerinnen und Schauspieler wie Ben Stiller oder Willem Dafoe sowie zahlreiche Künstlerinnen und Künstler. Viele dieser Aufnahmen, die unter anderem Vanessa Beecroft, Maria Lassnig, Alex Katz, Raymond Pettibon, Kocherscheidt und Kippenberger zeigen, wurden in ihrem Fotobuch "From Louise Bourgeois to Jeff Wall: Portraits & Studio Stills" zusammengetragen. Sie zeichnen sich durch Semotans große Sensibilität für die Eigenheiten ihres Gegenübers aus, eine Sensibilität, die sich auch in ihren Landschaften und Stillleben wiederfindet. Letztere legen wie kaum eine andere Werkgruppe Semotans prägendste Inspirationsquellen offen: das Alltägliche, das Unscheinbare, das Flüchtige. Es ist das Nebensächliche, das in ihren Fotografien häufig zum eigentlichen Subjekt heranreift. Aber nicht immer.

In einem ihrer letzten Projekte bezog Semotan Stellung zu einem der drängendsten gesellschaftlichen Themen, der Gewalt gegen Frauen, und zeigte, dass Fotografie auch Haltung sein kann. Die Kampagne "Siolence", entwickelt mit Soroptimist International Österreich in Zusammenarbeit mit BBDO Wien, stellte sieben Frauen vor, die Opfer von Gewalt geworden waren. Semotans Fotografien hielten weder die Schläge, die Folgen des sexuellen Missbrauchs noch die Drohungen fest, von denen die Frauen in der begleitenden Podcast-Serie berichteten. Stattdessen begegnete sie ihnen mit ihrem charakteristisch empathischen, klaren und konzentrierten Blick. Die Aufnahmen, im hellen Licht und vor weißem Hintergrund, verliehen den Frauen Würde in einer Atmosphäre der Stille. Wie so häufig wurde gerade diese Stille in Semotans Bildern zum eigentlichen Thema der Arbeit, diesmal jedoch als eindringlicher Appell gegen das Schweigen der Zeugen und das Wegsehen der Gesellschaft.

Wir werden Semotans wachsamen, humanistischen Blick vermissen. Ihre vielen Bilder aber, die Menschen sichtbar machten, ohne sie bloßzustellen, und unbeachteten Dingen eine Präsenz verliehen, die weit über das Bild hinausreichte, werden nachwirken.