Zum Tod von Sebastião Salgado

Der Welterblicker

Sebastião Salgado gehörte zu den bekanntesten Fotografen der Welt und hat den Planeten Erde und die Menschheit in aller Schönheit und Grausamkeit gezeigt. Nun ist er gestorben. Ein persönlicher Nachruf

Sebastião Salgado ist tot. Er starb am gestrigen Freitag – für Außenstehende – völlig unerwartet in Paris. Ich hatte ihn doch vor wenigen Wochen noch live in Brüssel erlebt, bei der Vorstellung seiner Ausstellung "Amazônia" im ehemaligen Zolldepot Tour & Taxis. Mit viel Verve sprach er von seinem Herzensprojekt, der Wiederaufforstung des Regenwaldes in seiner Heimat Brasilien. Er wirkte für seine 81 Jahre noch erstaunlich klar und athletisch. Von seiner Leukämie, laut Wikipedia durch eine Malariaerkrankung ausgelöst, die er sich 2010 während der Aufnahmen für sein "Genesis"-Projekt zugezogen hatte, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nichts. 

Ich kam zum ersten Mal mit Salgado in Berührung, als ich seine Serie über Minenarbeiter in der Serra Pelada in Brasilien (1986) sah, die wie die Ameisen nach Gold suchten. Salgado hatte diese Serie später auch in seinem Bildband "Gold" veröffentlicht. Zehntausende Männer kletterten zum Teil barfuß und in zerrissener Kleidung, ohne jeglichen Arbeitsschutz die Minen rauf und runter. Sie wurden "Schlammschweine" genannt. 

So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich war ebenso gebannt wie abgestoßen. In den Jahren danach verfolgte ich Salgados Werdegang. Als Fotograf, der oft soziale und später auch ökologische Themen ins Zentrum rückte, war er einer derjenigen, die den Impuls gaben, mich thematisch mehr mit der Fotografie zu beschäftigen. 

Eine späte Erfüllung

In den 1990er-Jahren besuchte Salgado 40 Länder, um Flüchtlingsströme fotografisch festzuhalten. Er begleitete Vertriebene im ehemaligen Jugoslawien und berichtete über den Bürgerkrieg in Ruanda. Die Brutalität und Gewalt dieses Krieges gaben dem Fotografen nach eigener Aussage den Rest. Völlig ausgebrannt kehrte er 1994 zurück und war fest entschlossen, für "das Böse" nie wieder eine Kamera in die Hand zu nehmen. "Ich machte keine Reportagen mehr, sondern fotografierte nur noch ein Projekt für das Kinderhilfswerk Unicef", sagte er in einem Interview. 

Danach begann er, sich mehr für den Planeten, Pflanzen und Tiere zu interessieren, was unter anderem in seinem Langzeitprojekt "Genesis" zum Ausdruck kam. Spätestens mit der Übernahme der elterlichen Farm im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais wurde Salgado zum Umweltaktivisten. Die Farm befand sich in einem Tal, umgeben von kahlen Hängen. Es ist der Idee von Salgados Frau Lélia zu verdanken, dass hier im Jahr 1998 das Terra-Institut gegründet wurde, mit dem Ziel, den Regenwald wieder aufzuforsten. Seitdem wurden dort mehr als drei Millionen Bäume gepflanzt. Heute wirkt die Farm wie eine Oase inmitten des Waldes. Für Salgado war dies eine späte Erfüllung.

In seinem Metier war der Brasilianer ein "Spätzünder". Ursprünglich hatte er Wirtschaftswissenschaften studiert. Erst 1973 begann der Autodidakt seine Laufbahn als Fotograf in Paris, wohin er vor dem brasilianischen Militärregime geflohen war und bis zu seinem Tod mit seiner Familie lebte. In der Folge arbeitete er für die Bildagenturen Sygma, Gamma und Magnum Photos.

"Amazonien muss fortbestehen"

Im April 1991 fotografierte er für das "New York Times Magazine" die im Zweiten Golfkrieg von Saddam Husseins Truppen in Kuwait in Brand gesetzten Ölquellen und die darauffolgenden Löscharbeiten. Dafür erhielt er später den Oskar Barnack Award der World Press Photo Foundation. 2014 kam der Dokumentarfilm "Das Salz der Erde", den Wim Wenders gemeinsam mit Salgados Sohn Juliano Ribeiro Salgado gedreht hatte, in die Kinos.

2016 wurde Salgado als Nachfolger von Lucien Clergue in die Académie des Beaux-Arts gewählt. 2019 erhielt er für sein Lebenswerk als erster Fotograf den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zeit seines Lebens fotografierte er in Schwarz-Weiß, lange ausschließlich analog mit Leica-Kameras. 

Erst 2008 wurde er zum begeisterten Canon-Digitalanhänger, dessen fotografische Projekte oft in Ausstellungen und Büchern mündeten. Nach den Bildbänden "Genesis" und "Afrika" erschien 2021 das Buch "Amazônia", das auch der aktuellen Brüsseler Ausstellung den Titel gibt. "Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass dieses Buch in 50 Jahren nicht als Bestandsaufnahme einer verlorenen Welt gelten wird. Amazonien muss fortbestehen", kommentierte er das Erscheinen seinerzeit.

Wochenlange Annäherung

Um das Bewusstsein hierfür zu schärfen, wurde die von Lélia Wanick Salgado kuratierte Schau als Wanderausstellung konzipiert. Mehr als 2,5 Millionen Menschen unter anderem in Madrid, Paris, Mailand und Rio de Janeiro haben sie bisher gesehen. Im Herbst wird sie auch in Deutschland Premiere feiern (Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln).

Für dieses Projekt reiste Salgado sieben Jahre lang durch die "Grüne Hölle" Brasiliens. Er fotografierte bis zu 3000 Meter hohe Berge und nebelverhangene Landschaften. Von kleinen Booten oder aus dem Flugzeug schuf er ästhetische Bilder, die das komplexe Labyrinth der verschlungenen Nebenflüsse offenbaren, die den Amazonas mit Wasser speisen. 

Neben den Landschaften waren es vor allem die indigenen Gemeinschaften, die seine Aufmerksamkeit erregten. Um ihr Vertrauen zu gewinnen, tauschte der Fotograf wochenlang seinen heimischen Komfort gegen eine Feuerstelle, Moskitos und eine Hängematte. So entstanden sensible Porträts von ethnischen Gruppen, Familien oder Einzelpersonen, die jeweils eine große Würde ausstrahlen.

Die Stimme der "Hüter des Waldes"

Diese zieren nun – neben den großformatigen Landschaftsmotiven – den einstigen Shed (Schuppen) in Brüssel. Eine Komposition des französischen Musikers Jean-Michel Jarre hebt darüber hinaus das vielfältige Klanguniversum des Regenwaldes hervor. Sie begleitet Salgados Weg durch den Urwald und lässt das Rascheln der Bäume, die Schreie der Tiere, den Gesang der Vögel und das donnernde Geräusch von Wasser, das von den Bergen herabstürzt, erlebbar werden. Zusätzlich geben einige Dokumentarfilme den Protagonisten als den "Hütern des Waldes" eine Stimme.

Mit einer Fläche von über sieben Millionen Quadratkilometern erstreckt sich der Amazonas, der größte verbliebene Regenwald der Welt, über neun Staaten Südamerikas. Den mit Abstand größten Anteil hat Brasilien, dessen Landfläche größer als Westeuropa ist. 

Die Wiederaufforstung steht im krassen Gegensatz zur Rodung des Waldes durch die brasilianische Regierung. In den letzten Jahren hat die Abholzung zwar abgenommen, aber die Zerstörung ist immer noch hoch. Zwischen 1988 und 2024 wurden im brasilianischen Amazonasgebiet knapp 498.000 Quadratkilometer Regenwald gerodet, davon allein im vergangenen Jahr rund 6300 Quadratkilometer, was einer Fläche entspricht, die etwa so groß ist wie die Staatsgebiete von Deutschland und Portugal zusammen.

"Wenn ich sterbe, lasse ich den Wald zurück"

Salgado und seine Frau haben die Dringlichkeit zu handeln erkannt. "Der Zweck ist es", kommentierte Salgado seine Ausstellung, "eine Debatte über die Zukunft des Amazonas-Regenwaldes anzuregen. Wir müssen dies gemeinsam tun, aus einer internationalen Perspektive und mit der Unterstützung von indigenen Organisationen."

Christoph Röckerath hat es im ZDF auf den Punkt gebracht: "Was von ihm (Salgado) bleibe … wird er einmal gefragt. Und er sagt: 'Das Leben. Wenn ich sterbe, lasse ich den Wald zurück'." Besser kann man es nicht sagen.