Gestorben ist er ja öfter, wie das der Schauspielberuf mit sich brachte. In zwei Produktionen von Andy Warhol, inszeniert von Paul Morrissey, kam Udo Kier besonders spektakulär ums Leben. Als mad scientist in "Frankenstein" (1973) wurde er von hinten mit einer Lanze durchbohrt. Dank 3-D-Effekt zuckte dem Publikum das aufgespießte Herz des Barons direkt vor den Augen. Und sein gräflicher Vampir in "Dracula" (1974) verlor bei einer Beilattacke beide Arme und Beine.
Das Grässliche und das Trashige waren für Udo Kier, der ab den 1960ern in mehr als 270 Filmen und TV-Produktionen, in Videospielen wie Musikvideos mitwirkte, das Normale. Die Warhol-Rollen machten ihn weltberühmt, danach hat Kier mit Italiens Giallo-König Dario Argento gearbeitet, mit Rainer Werner Fassbinder und später mit Gus Van Sant. Und er war bis auf vier Filme in sämtlichen Produktionen von Lars von Trier zu sehen, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband. Außerdem spielte er in einigen Filmen von Christoph Schlingensief, der in einem absonderlichen Kier-Porträt für den WDR den "Tod eines Weltstars" inszenierte.
Udo Kier war schon früh in Lebensgefahr. Nur Stunden nach seiner Geburt 1944 in Köln-Mülheim wurden Mutter und Kind bei einem Bombenangriff im Krankenhaus verschüttet. Seine Mutter konnte sich und das Baby befreien. Als Jugendlicher arbeitete er bei Ford am Fließband und als Model, mit 19 ging er nach London, schlug sich als Kellner durch und besuchte abends eine Schauspielschule. Rom, wo er Luchino Visconti und Helmut Berger kennenlernte, und New York, wo er seine Schauspielausbildung fortsetzte, waren weitere Stationen seiner frühen Jahre.
"Ein Mörder und Künstler in Personalunion"
Seine erste Filmrolle bekam Kier in England. In der Komödie "Road to St. Tropez" gab er den jugendlichen Liebhaber. In Andy Warhols Factory wurde einige Jahre später sein Schurkentalent entdeckt. Als Bösewicht schwang er sich zu Kinski-Format auf – obwohl er privat so ziemlich das Gegenteil des gefürchteten älteren Kollegen war. Anders als Klaus Kinski wurde Kier als beherrschter und hochprofessioneller Teamplayer geschätzt.
Was Rollenangebote betraf, war er allerdings (ähnlich wie Kinski) nicht unbedingt wählerisch. Wobei Kier mitunter selbst die Initiative ergriff, um eine Produktion aus dem Mittelmaß zu reißen. 2014 konnte ich mit Kier ein Telefonat führen und sprach ihn auf seine Rolle als "Picasso-Killer" in dem Reißer "Fall Down Dead" (2007) an. Seine Figur, so Kier, sei "ein Mörder und Künstler in Personalunion", der sieben Frauen umbringt und ihre Haut in seinem Studio als Leinwand benutzt.
Der Film durfte übrigens nicht "Picasso Killer" heißen, weil die Picasso Foundation das nicht wollte. Kier erzählte weiter: "Als die Ausstatter mein Atelier einrichteten, packten sie alles Abstrakte, was sie auf dem Flohmarkt fanden, in den Raum. Ich sagte: 'Nein! Bringt mir eine Rolle Packpapier und einen Eimer blutrote Farbe.’ Dann habe ich mit meinen Händen Bilder gemalt und den Rest Blut aus dem Eimer über ein Regal gekippt, in das man kleine Figuren gestellt hatte. Das Blut tropfte herab und ich sagte: 'So, das ist jetzt mein Studio!'"
Der Kunst- und Künstlerfreund
Das Interview fand damals statt, weil Kier für den Dokumentarfilm "Arteholic", in dem er als Kunst- und Künstlerfreund mitwirkte, auf dem Filmfest München mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Zur Kunst und seinen Akteuren hatte Kier ein enges Verhältnis.
Als er in Cinecittá die Warhol-Filme abgedreht hatte, so erzählte er am Telefon, sei er 1973 nach Köln zurückgezogen. "Ich lief Warhol-like mit einer Plastiktüte durch die Galerien und lernte Künstler wie Blinky Palermo, Sigmar Polke, Gerhard Richter oder Rosemarie Trockel kennen. In einem Umspannwerk – ein wunderschönes Backsteingebäude am Stadtrand – wohnte ich mit den Künstlern Michael Buthe und Marcel Odenbach, der als einziger immer noch da lebt und den ich in 'Arteholic' treffe, um über dessen Bilder zu reden. Vor meinem Fenster stand ein Birnbaum. Wenn’s mir nicht so gut ging, etwa nach Rainer Werner Fassbinders Tod, saß ich Fenster und habe den Birnbaum betrachtet."
Als Gus Van Sants "My Private Idaho" 1991 herauskam – Kier spielt darin den Freier Hans, der mit zwei Strichern (River Phoenix und Keanu Reeves) eine Nacht verbringt – siedelte er nach Kalifornien um. "Ich schlief bei Anna Dokoupilova, der Schwester des Malers Jiří Dokoupil, auf der Couch. Sie fragte: 'Warum bleibst du eigentlich nicht hier?' Ich hatte zwar schon die Koffer gepackt, aber nach zwei Rotwein fand ich die Idee doch nicht so schlecht. Ich nahm mir ein Zimmer für 400 Dollar, kaufte mir einen Lippenstift-roten VW-Käfer und blieb in Hollywood. Jetzt fahre ich andere Autos, habe mehrere Wohnungen und eine Ranch in der Wüste. Mit lebensgroßen Plastikpferden. Heute Morgen schoss mir die Idee für einen Kurzfilm durch den Kopf. Ich könnte einen Westernhelden spielen, der seinem Plastikpferd klarmacht, dass er John Wayne ist."
Hollywood als Independent-Förderung
Ob er das Projekt je realisiert hat, ist nicht bekannt. Auf Los Angeles als Kunststadt angesprochen, zeigte sich Kier wenig begeistert: "Wenn mein Freund David Hockney dort ausstellt, kenne ich die Show schon längst aus Paris oder London. Los Angeles, das ist eben vor allem die Filmindustrie. Die Filme sind so künstlich, wie 'Hollywood' klingt. Aber ich mache gern kommerzielle Filme. Und wenn ich in 'Blade' oder 'Armageddon' spiele, verschafft mir das einen Bekanntheitsgrad, der dann Independent-Regisseuren bei der Finanzierung hilft."
So wird es auch bei seiner letzten großen Rolle gewesen sein. Ausgerechnet "Swan Song" heißt der Spielfilm von 2021, mit dem der Regisseur Todd Stephens seinem Freund Pat Pitsenbarger (1943-2012) ein Denkmal setzte, der im Provinzkaff Sandusky, Ohio, als offen schwuler Mann lebte.
Die von Kier verkörperte Figur wohnt in einem Altenheim und erinnert sich: an seinen an den Folgen von Aids verstorbenen Lebensgefährten und an sein früheres Dasein als Damenfriseur in Sandusky und als Dragqueen im örtlichen queeren Club. Kier schenkt dem Film unvergessliche Momente, etwa wenn Pat mitten auf der Fahrbahn und erhobenen Hauptes im Elektro-Rollstuhl den Autoverkehr behindert. Hupen zwecklos. Denn auf diesem fahrenden Thron ist der Mann unterwegs, den sie in Sandusky den "Liberace der Coiffeure" nannten.
"Das muss ich nicht spielen. Das bin ich"
Nachdem der Schauspieler mehrere Preise für "Swan Song" gewonnen hatte, gab er im "GQ Magazin" ein Interview, in dem er erstmals über seine Homosexualität sprach und erwähnte, seit über 20 Jahren in einer festen Beziehung zu leben. Kiers Outing kam nicht überraschend, aber als offizielles Statement doch reichlich spät. Außerdem erzählte er "GQ", er wundere sich über die Auszeichnungen, denn er habe in "Swan Song" gar nicht gespielt. Er habe sich vielmehr schon vor Jahren Lars von Triers Credo "Don’t act" zu Herzen genommen: In Todd Stephens’ Film "tanze ich mit einem Kronleuchter auf meinem Kopf auf einer Bühne. Das muss ich nicht spielen. Das bin ich."
Als ich ihn beim Telefoninterview vor zehn Jahren auf seinen Starstatus anspreche, wird Udo Kier etwas ungehalten: "Hören Sie auf! Sterne stehen am Himmel, was soll ich da?" Er war eben sehr down to earth, machte nicht viel Aufhebens um seine Filmkarriere, den ganzen Glamour und Hollywoods falschen Glanz. Am Sonntag ist er im Alter von 81 Jahren in seiner Wahlheimat Pasadena gestorben. Farewell, Udo!