Eine fein abgestimmte Mischung aus Magenta, Gelb und Schwarz: Ein ganz eigenes, überall wiedererkennbares Rot steht für das enorme Erbe, das der Modedesigner Valentino hinterlässt. Manche vergleichen es mit einer Mohnblüte, andere nennen es scarlet red. Die Nuance hat ihren eigenen Pantone-Farbcode und kam seit ihrer Einführung im Jahr 1959 in fast jeder Kollektion vor, die Valentino Clemente Ludovico Garavani entwarf.
Am gestrigen Montag starb der wohl letzte der großen italienischen Couturiers des 20. Jahrhunderts mit 93 Jahren im Kreis seiner Familie in Rom. Heute erinnern sich seine Weggefährten, Fans und Musen an den "Kaiser", dessen präziser Rotton von Beginn an als Herzstück seiner Mode verstanden werden konnte.
Entdeckt hat Valentino seine Liebe für die Farbe der Leidenschaft in der Oper in Barcelona, die er oft mit seinem Vater besuchte. "Alle Kostüme auf der Bühne waren rot. Alle Frauen in den Logen waren überwiegend in Rot gekleidet und lehnten sich nach vorn wie Geranien auf Balkonen, und auch die Sitze und Vorhänge waren rot. Da wurde mir klar, dass es nach Schwarz und Weiß keine feinere Farbe gibt", erklärte er einst der "Vogue". "Ich sagte mir, dass ich, falls ich jemals Designer werden sollte, sehr viel Rot nutzen würde."
Rosen sind rot, Prinzessinnen tragen Valentino
Und so sollte es sein. Das allererste Valentino-Kleid in dieser Farbe wurde in seiner Frühjahr/Sommer-Kollektion 1959 vorgestellt: "La Fiesta", eine schulterfreie, leicht ausgestellte Tüllrobe. Der Rock, gearbeitet aus abstrahierten Rosenblüten, reichte bis kurz über die Knie. Die prinzessinnenhafte Silhouette wurde zu einem weiteren seiner Markenzeichen.
Valentino Garavani gehört zur Traube italienischer Designer, die es zu Weltruhm gebracht haben. Doch etwas hebt ihn aus diesem Reigen heraus. Es begann damit, dass er mit nur 17 Jahren nach Paris ging, wo er ein Stipendium der dortigen Fédération de la Haute Couture et de la Mode erhalten hatte. So erlernte er sein Handwerk an just der Institution, die exklusiv den begehrten Haute-Couture-Status vergeben darf. Seine weitere Ausbildung erhielt er bei französischen Designern wie Christian Dior und Guy Laroche.
Valentinos Kreationen wurden später oft als die Haute Couture Italiens beschrieben; das mediterrane Äquivalent ist die Alta Moda. Doch die Maison Valentino zeigte als erstes italienisches Haus (und bis heute) seine Schauen in Paris.
"Ich weiß, was Frauen wollen: Sie wollen schön sein"
Nach seiner Rückkehr nach Rom im Jahr 1959 eröffnete Valentino sein Studio jedoch zunächst in der Luxus-Einkaufsstraße Via Condotti und präsentierte seine erste Ready-To-Wear-Kollektion. Kurz darauf traf er seinen späteren Lebens- und Geschäftspartner Giancarlo Giammetti. Eine ähnliche Geschichte wie die von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé begann. 1960 gründeten die beiden ihre eigene Maison; der schnell wachsende Erfolg war von Valentinos Entwürfen und Giammettis Sinn fürs Geschäft gespeist.
In Deutschland war man stolz auf "Kaiser Karl" (Lagerfeld), doch in der internationalen Modebranche war Valentino Garavani unter diesem Herrschertitel bekannt. "Ich liebe die Schönheit", sagte Valentino einst. "Es ist nicht meine Schuld. Und ich weiß, was Frauen wollen: Sie wollen schön sein."
So konventionell dieser Satz heute klingen mag, sein Erfolg gab ihm recht. Valentino war fasziniert vom italienischen Film, träumte davon, die Schauspielerinnen einzukleiden. Und auch das trat ein. Bald wurde er selbst für seine berühmte Kundschaft bekannt. Er entwarf die Kostüme, die Monica Vitti 1961 in Michelangelo Antonionis Film "La Notte" trug. Im selben Jahr entschied sich Elizabeth Taylor, die sich für Dreharbeiten in Rom aufhielt, für ein weißes Haute-Couture-Säulenkleid von Valentino zur Premiere von "Spartacus".
Stars liebten seine Roben
Auch Jackie Kennedy, Sophia Loren und Audrey Hepburn liebten seine Roben. Valentinos ganz in Weiß gehaltene Kollektion aus dem Jahr 1968 verschaffte ihm dann den internationalen Ruf, einer der relevantesten Modedesigner Italiens zu sein.
Garavanis Entwürfe standen für kompromisslose, feminine Eleganz und raffinierte Opulenz. Italienischer Glamour, verfeinert durch französische Strenge. Sie versprachen einen luxuriösen Lebensstil, dem der Designer auch selbst gern frönte. Nie sparte er an Spitze, Schleifen, Volants oder ausladender Stickerei. Er hielt jedoch alle Elemente stets in Balance zum Schnitt und zur Farbwahl. Valentino, das bedeutet eher Sinnlichkeit als Sexiness, Anmut statt Protz.
Seine Schöpfungen kleideten die Reichen und Schönen und ließen die, die sie trugen, noch reicher und schöner wirken. Jetset, Sommerbräune, Kurztrips nach Capri: Valentino versprach das kleidgewordene dolce vita und verführte damit auch die in den 1990er-Jahren aufkommende Celebrity-Kultur. "Alles", sagte er einmal, "ist dazu da, anzuziehen, zu verführen, zu bannen."
Der Rote Teppich als Valentino-Laufsteg
Auf Valentinos romantische Entwürfe konnte sich eine große Bandbreite von Frauen einigen. Prinzessin Diana trug 1992 roten Samt und Spitze, Julia Roberts 2001 einen Traum aus schwarzem Samt, als ihr der Oscar als beste Hauptdarstellerin in "Erin Brockovich" überreicht wurde. Der Rote Teppich galt schnell als Valentino-Laufsteg.
Wie viele seiner verehrten Designerkollegen stand Valentino selbst für seine Marke. Niemand verkörperte die stilsichere Grazie besser als der stets im Anzug und Föhnfrisur auftretende Maestro. Lässige Kleidung war ihm zuwider, nie hätte man ihn in Flipflops oder Shorts gesehen. In diesem Punkt waren er und "Kaiser Karl" mit seiner Jogginghosen-Phobie sich einig.
1998 soll Valentino seine Maison für 300 Millionen Dollar verkauft haben, 2008 verabschiedete er sich in den Ruhestand. Nach einem kurzen Einsatz der Designerin Alessandra Facchinetti wurde ein Duo aus Pierpaolo Piccioli und Maria Grazia Chiuri zur Kreativdirektion des Hauses ernannt. Behutsam und erfolgreich modernisierten die beiden die Marke, bis Piccioli sie von 2016 bis 2024 allein weiterführte.
Ansichten aus der Zeit gefallen
Heute liegt die kreative Leitung bei Alessandro Michele, der zuvor schon Gucci revolutioniert hatte. "Meine letzte Erinnerung an Valentino ist, wie ich ihn dabei beobachtete, wie er sich an Alessandro Micheles erster Kollektion für Valentino erfreute", schreibt Anna Wintour, die Grande Dame der "Vogue".
Während seine Entwürfe nie als unmodern galten, waren einige von Valentinos Ansichten ziemlich aus der Zeit gefallen. Inklusive Größen auf dem Laufsteg? Nein, danke. Auch sein Faible für Schönheit konnte außer Kontrolle geraten und ins Sexistische kippen, wie in einem Interview 2007 deutlich wurde. "Für mich ist die Frau wie ein wunderschöner Blumenstrauß. Sie muss immer sensationell sein, immer gefallen, immer perfekt sein, immer dem Ehemann, dem Liebhaber, allen gefallen. Denn wir sind dazu geboren, uns stets von unserer besten Seite zu zeigen."
Da behält man ihn doch lieber als Verfechter der Farbe der Liebe in Erinnerung. Und seine Worte: "Ich finde, dass eine Frau in Rot immer umwerfend aussieht."