Einen späten Triumph feierte Nancy Spero im Jahr 2000, als die U-Bahnstation unter dem New Yorker Lincoln Center neu eröffnet wurde. Für die weißen Kachelwände hatte die Künstlerin weibliche Heldinnen entworfen und von Kunsthandwerkern in Mosaik ausführen lassen. Die Idee des Frieses hatte Spero nicht losgelassen, seit sie die Hängung des Teppichs von Bayeux im Art Institute of Chicago als junge Kunststudentin beobachtet hatte.
Die Entscheidung, nur noch Frauen zu malen – vorher waren es oft kriegslüsterne männliche Monster gewesen – hatte Spero Anfang der 1970er getroffen. Während sie sich ein Jahrzehnt lang den gequälten und leidenden Frauen in aller Welt widmete, verleget sie sich in den 1980ern auf die Darstellung selbstbestimmter Geschlechtsgenossinen. Spero entwickelte ein vielfältiges Figurenrepertoire von über 400 Motiven, von antiken Göttinnen bis zu einflussreichen Figuren aus Mode und Werbung. Ein Teil davon erschien dann an den Kachelwänden der Station 66 St–Lincoln Center, neun Jahre vor ihrem Tod im Oktober 2009 in New York.
Nancy Spero "Artemis, Acrobats, Divas and Dancers" (2001) in der New Yorker U-Bahnstation 66 St-Lincoln Center
Am 24. August 1926 wurde Nancy Spero in Cleveland, Ohio, geboren, als Tochter einer jüdischen, nicht besonders kunstinteressierten Familie, wie sie erzählte. Als sie ein Jahr alt war, zog die Familie nach Chicago um – wo sie am dortigen Art Institute ab 1949 auch studieren wird. An der Akademie lernt sie Leon Golub kennen, der während des Zweiten Weltkriegs in Europa gedient hatte. Golub war der Gründer der Gruppe "The Monster Roster", deren roher, figurativer Stil vom Existentialismus, von Mythen und den Traumata des Krieges beeinflusst war – und auch Spero schloss sich dieser Gruppierung an. Nach dem Studium heiratete das Paar, die Ehe hielt fünf Jahrzehnte lang, bis zu Golubs Tod im Jahr 2004.
Spektakel der Inszenierung
1956 gingen Spero und Golub nach Europa, zuerst nach Italien, dann nach Paris. Spero malt in dieser Zeit düstere, eher monochrome Bilder von archaischer Körperlichkeit. Immer wieder malt sie Paare, die aneinander hängen, aber auch von innerer Einsamkeit und Isolation geprägt sind. Zu einer wichtigen Identifikationsfigur wird für Spero der französische Theatermacher und Künstler Antonin Artaud und dessen Theater der Grausamkeit, in dem die Kohärenz des Textes in den Hintergrund rückte und das "Spektakel der Inszenierung" betont wurde. "Ich konnte mich sicherlich auch mit seinem seelischen und körperlichen Schmerzu identifizieren", sagte Spero in einem Interview im Jahr 2009 über Artaud, "teilweise, weil ich selbst stark unter der frühen Entwicklung dessen litt, was später zu einer schweren Arthritis wurde. Und sie ist seither nicht besser geworden".
Mitte der 1960er – nach der Rückkehr nach New York – gibt Spero die Ölmalerei auf und beginnt auf Papier zu malen. In einer Zeit, in der das Medium Papier nicht besonders geschätzt wird, ein ziemliches Wagnis. Sie habe ihre Arbeiten "billig aussehen" lassen wollen, erklärte Spero im Interview. "Und weil ich in vielerlei Hinsicht nachlässig arbeitete, wirkten sie am Ende noch unfertiger, als ich beabsichtigt hatte. Ich war mir des Prozesses wirklich nicht bewusst, sondern ließ die Bilder sich selbständig vermehren. Eines sprang in Form einer Metamorphose in das andere über – etwa "Sperm Bomb", die wie der Hoden eines Mannes aussieht, oder ein Hubschrauber, unter dem mehrere Brüste hängen, an denen Menschen saugen, und so weiter".
Spero malt den Krieg als Gewaltporno, "weil ich dachte, dass es nichts Obszöneres als den Krieg gibt – all diese Brutalisierung, den Tod und das ganze Zeug. Deshalb wollte ich ihn so widerwärtig darstellen, wie ich nur konnte. Ich dachte, der beste Weg dafür sei, diese widerwärtige Form von Sexualität zu zeigen, die schockieren könnte". In den USA wird der Vietnamkrieg zum zentralen Thema in Speros (wie parallel auch in Golubs) Bildern.
Diskursiv vernetzte Figur der feministischen Kunst
Als Aktivistin und frühe Feministin schließt sie sich verschiedenen linken Gruppierungen an, der Art Workers Coalition, den Women Artists in Revolution sowie dem Ad Hoc Committee of Women Artists. Aus dem Komitee entwickelt sich die erste von Frauen geführte Genossenschaftsgalerie, die A.I.R. Gallery (Artists in Residence) in SoHo, an deren Gründung Spero maßgeblich beteiligt ist. Die Galerie wird zum entscheidenden Katalysator für ihre Karriere: Aus der eher isolierten Künstlerin wird eine sichtbare, diskursiv vernetzte Figur der feministischen Kunstbewegung.
Nancy Speros sechs Dekaden umfassendes Werk, aus dem sie ab 1974 Männergestalten ausschließt, trägt utopische Züge. Der New Yorker Kunstkritiker Christopher Lyon, Autor der glänzenden und bislang umfangreichsten Monografie "Nancy Spero: The Work", die 2010 erschienen ist, charakterisiert Spero als Künstlerin mit "zentrifugaler Orientierung". Sie blicke in eine schemenhafte Zukunft, während die "zentripedale" Louise Bourgeois (die andere gewichtige Spätentdeckte der US-Kunst) von den Bildern ihrer Kindheit zehre.
Mit großer Selbstverständlichkeit verleibt sich Spero die Heldinnen verschiedenster Kulturen ein; diese Tendenz der Zeitlosigkeit verstärkt sich ab den 1980ern, als die Künstlerin damit beginnt, das Figurenarsenal direkt auf die Wand zu drucken. Ästhetisch setzt sie sich zwar von der großformatigen, statischen Strenge ihres Manns Leon Golub zunehmend ab. Christopher Lyon weist aber wiederholt auf den engen künstlerischen Austausch des linksliberalen New Yorker Paars hin.
Eine künstlerische Enzyklopädie der Frauenfiguren
Vom Vietnamkrieg angewidert, zeichnet Spero ab 1967 die über 150 Bilder ihrer "War Series", die eine "geheime Verabredung zwischen Sex und Macht" (Lyon) freilegen. Der "Maibaum" aus diesen Stücken, an dem menschliche Köpfe baumeln, wird auf der Venedig-Biennale 2007 zu ihrer ersten großen Skulptur und stellt zugleich ihr letztes Werk dar.
"Allein das Wort ’Baum’ ist gewissermaßen schon ironisch, weil ein Baum für Wachstum steht und mit Schönheit, Natur und Natürlichkeit zu tun hat", erklärt Spero in einem Interview, das sie kurz vor ihrem Tod führt. "Bei mir ist es jedoch genau umgekehrt, verstehen Sie: In seinem natürlichen Zustand ist er der natürliche Mast für einen Maibaum. Ich habe einen Maibaum immer als etwas Feierliches betrachtet. Aber an einem Maibaum mit abgetrennten Köpfen oder mit einer Art Kriegsthematik ist nicht viel Feierliches, verstehen Sie? Das Ganze ist also voller Widersprüche".
Speros Opus magnum bildet der 63 Meter lange Papierfries "Notes in Time" (1976–79), eine Art künstlerische Enzyklopädie der Frauen. Die Arbeit basiert auf Druckklischees, was auch damit zusammenhängt, dass die Künstlerin in späten Jahren an einer Gelenkentzündung der Hände litt, die er ihr unmöglich machte, Stift oder Pinsel zu halten.
Aus diesem Handicap ging ein ganzes Universum von Frauenfiguren aus allen Zeiten, Weltgegenden, Kulturen und Mythen hervor: Figuren, die in verschiedenen Größen in ihrem Atelier lagerten und als Druckvorlagen oder als Schablonen dienten – von der Künstlerin für jede Arbeit neu ausgewählt und in räumliche Position und farbige Komposition gebracht: Von der "Judenhure" Marie Sanders, über die keltische Göttin Sheela-na-gig, die dem Betrachter mit ihrer scharf gezahnten Vulva droht, über die weit ausschreitende Figur der Himmelsgöttin mit vier Brüsten, die sie aus Darstellungen der Göttin Nut und eigenen Vorstellungen collagierte, bis hin zur zeitgenössischen afroamerikanischen Olympiasiegerin, den Musical-Stars und den Hollywood-Diven, oder der altgriechischen Medusa, deren Blick Männer zu Stein erstarren lässt.
Speros feministisches Engagement hat ihre breite Anerkennung als Künstlerin lange Zeit verhindert. Die innovative Kraft ihres Werks wird erst seit etwa einem Vierteljahrhundert wirklich gewürdigt. Immerhin hat die Künstlerin ihren späten Ruhm noch erleben können, bevor sie 2009 im Alter von 83 Jahren starb. Am 24. August wäre sie 100 geworden. Happy Birthday, Nancy Spero!