Nasan Tur kommt aus Offenbach bei Frankfurt – einst berüchtigt, heute beliebt – und ist "klassisches türkisches Gastarbeiterkind, wie man früher sagte". Wir sitzen vor einem Café in Berlin-Prenzlauer Berg, hören auf dem Gehweg viel Englisch und reden über Veränderung. Seine Kinder sprechen kein Türkisch mehr zum Beispiel (die Mutter stammt aus Sizilien). Und seine Manifesta-16-Arbeit in St. Gertrud in Essen wird kaum mehr auf so viel Widerstand treffen wie die letzte, die der Muslim Tur in einer Kirche realisierte. "Das war 1998 in Offenbach in der Stadtkirche, am Ende meines Studiums. Und ohne diese Erfahrung, was Kunst unter Umständen kann, wäre ich nie Künstler geworden", erzählt er.
Er war überrascht von dem extremen Echo damals in Offenbach. Die Kirche war bereits profaniert, als Tur fünfmal am Tag zum Ezan ansetzte, zum Gesang des Muezzin, der zum Gebet ruft. "Mein Ezan hatte aber einen ganz anderen Text, es waren persönliche Überlegungen über die Funktion von Religion in der Gesellschaft – auf Türkisch, Arabisch und auch auf Deutsch." Doch dann ging es los, von der Boulevardpresse über das Privatfernsehen bis hin zu Satanisten und einzelnen Schlägereien war alles dabei. "Da wurde mir klar: Kunst handelt nicht nur von Objekten wie im Studium, was mich damals oft verunsichert hat, als Kind aus einem kunstfernen Umfeld. Nein, Kunst kann Diskussionen anschieben. Da war klar: Ich mache weiter!"
Die Arbeit in der Kirche für die Manifesta bringt Tur nun ein Stück weit in seine Studienzeit zurück. In der erst seit vergangenem Jahr profanierten Kirche sind auch Ateliers und Büros der Hochschule der bildenden Künste Essen untergebracht, Tur lehrt heute auch selbst an der Kunsthochschule in Braunschweig. "Und ich denke: Ob das für manche Studierende nicht auch Überwindung kostet, in einer Kirche zu arbeiten? Tragen da nicht alle etwas mit sich herum?"
Eine laizistische Form der Kommunion
Als Tur zum ersten Mal die Kirche betrat und die abmontierten Bänke sah, wusste er, dass er diese Fragen anders angehen wollte. "Wenn die Kirche keine mehr ist, was kann man in dem Raum dann anderes machen? Auf die Bänke hat man sich gesetzt und dann vor allem zugehört, leise gebetet, vielleicht gesungen. Lässt sich das verändern?" Ja, zum Beispiel um 90 Grad: Nasan Tur stellt die Bänke senkrecht in den Raum, als wären sie selbst Lebewesen.
"Elevation" heißt die Arbeit auf Englisch, Anhebung. Im religiösen Kontext kann damit auch das Emporheben des Kelches gemeint sein in der katholischen Messe. Dem nicht-praktizierenden Muslim Tur geht es um eine laizistische Form der Kommunion, der Teilhabe. Denn nun wird geschnitzt: Auf den Holzbänken ist ein kollektives Archiv der Gefühle und Wünsche zu lesen, von Studierenden, von Leuten aus dem Ruhrgebiet. Oder aus der ganzen Welt: "Auf der Website der Manifesta kann jede und jeder seine Wünsche einreichen, was ich in die Bänke ritzen soll."
Singen wird Nasan Tur diesmal nicht. Aber erinnern sechs Meter hohe Bänke nicht auch ein wenig an Minarette, die in Hessen damals verboten waren?