Fünf rote Feuerzungen nehmen von oben Kontakt mit der Denkerstirn der Äbtissin auf. Hildegard von Bingen hat Wachstafeln und Griffel in der Hand und schreibt ihre Visionen nieder, ihr Sekretär steckt hilfreich den Kopf zur Tür herein. Das Miniaturbild "Die Seherin" entstand um 1175 als Illustration der Visionsschrift "Scivias" der bekanntesten Benediktinerin des Mittelalters.
Hildegard legte darin ihre Weltsicht dar. Natur verstand sie als göttliche Offenbarung, in der die Geheimnisse Gottes verschlüsselt waren. Und Gottes Wirken sah sie in der "Grünkraft", die die gesamte Schöpfung durchdrang. Der Mensch, so glaubte Hildegard, muss sich in den Dienst dieser Macht stellen, um im gesunden Einklang mit der Schöpfung zu leben.
Die Visionärin und ihre mystische Ganzheitlichkeit bilden den Auftakt einer Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin, die die deutsche Geschichte anhand des Verhältnisses zur Natur erzählt. Die Kunsthistorikerin und Kuratorin der Schau Julia Voss ist unter anderem als Expertin für die spirituell-abstrakte Malerin Hilma af Klint bekannt geworden. Und so überrascht es nicht, dass sie die große Hildegard von Bingen zur ersten Station ihres Parcours macht. Doch auch die anderen exemplarischen Geschichten, die sie ausgesucht hat, um das Verhältnis zur Natur im Wandel der Zeit zu zeigen, sind treffsicher gewählt.
Natur als Konzept
Anhand Deutschlands erfolgreichster Kaufmannsfamilie, der Fugger, kann man sehen, dass schon in der Frühen Neuzeit die Extraktion von Bodenschätzen durch den Bergbau und der globale Handel zur Kapitalbildung beitrugen – Umweltschäden und koloniale Ausbeutung inklusive. Im 15. Jahrhundert revolutionierte dann Maria Sibylla Merian mit ihren genauen Beobachtungen der Metamorphosen des Seidenspinners das Verständnis der Lebenszyklen der Insekten. Sie erwies sich in ihren präzisen Zeichnungen der Raupen und Schmetterlinge außerdem als große Künstlerin.
Eine Naturgeschichte Deutschlands kommt nicht ohne die Kartoffel aus, die aus Peru nach Europa kam und unter anderem vom preußischen König Friedrich II. popularisiert wurde, um den Hunger in der Bevölkerung zu lindern. Besonders interessant ist der Ausstellungsteil über den deutschen Kolonialismus. Während heimische Künstler die Landschaften in Deutsch-Ostafrika vorzugsweise als menschenleere Idylle darstellten, revoltierten Menschen im Maji-Maji-Krieg gegen die restriktiven Jagd- und Waldnutzungsvorschriften der Kolonialmacht. Die kriegerischen Handlungen der Deutschen hatten den Tod von bis zu 300.000 Menschen auf Seiten der afrikanischen Bevölkerung zur Folge.
Im DHM wird deutlich, dass "Natur" eben nicht naturgegeben, sondern ein Konzept ist, das sich wandelt und immer wieder neu konstruiert wird. Der Zoologe und Bismarck-Bewunderer Ernst Haeckel nutzte Darwins Evolutionstheorie beispielsweise für die Rechtfertigung von Imperialismus und Krieg und behauptete, ganz anders als Darwin, die Existenz menschlicher "Rassen".
Romantischen Gegenbild der rasanten Modernisierung
Im Zeitalter der Industrialisierung wurde Natur zum romantischen Gegenbild der rasanten Modernisierung und vor allem von konservativer Seite idealisiert – eine Verbindung, die sich in den 1970er-Jahren mit der Naturschutzbewegung umkehrte. Wobei, nette Fußnote der Geschichte: Es war die FDP unter Hans-Dietrich Genscher, die früh die Bewahrung der Umwelt auf ihre Fahnen schrieb.
Heute wird der Klimaaktivismus – oder mit Hildegard von Bingen gesprochen: die Erhaltung der Schöpfung – politisch meist dem linken Spektrum zugeordnet. Dass das auch ganz anders sein könnte, ist eine der vielen Erkenntnisse, die man aus dieser dichten und gut erzählten kulturhistorischen Ausstellung ziehen kann.