Künstler Navot Miller

"Die Momente, die ich male, sind für mich kein bisschen provokativ"

Navot Miller
Foto: Lukas Städler

Navot Miller

Navot Millers Gemälde über Intimität, Sexualität und Sehnsucht strahlen wie ein Regenbogen. Zum Christopher Street Day in Berlin würde er gern den Bundestag pink streichen. Und die CDU-Politikerin Julia Klöckner etwas fragen

Bunter als eine Tüte Skittles-Süßigkeiten und schlüpfriger als die feuchten Träume eines Teenagers - auf den ersten Blick sind Navot Millers Gemälde vor allem eines: ins Auge stechend. Sie entführen die Betrachterinnen und Betrachter an traumhafte Strände oder in die Schlafzimmer junger Männer; in Millers "Paradise". So lautet auch der Titel seiner aktuellen Ausstellung in der Galerie Dittrich & Schlechtriem in Berlin. 

Die Realität sieht momentan jedoch vielerorts alles andere als paradiesisch aus. Vor allem queere Personen und religiöse Minderheiten bekommen den politischen Rechtsruck zu spüren. Das versteht Miller als homosexueller Künstler aus einer orthodoxen israelischen Siedlung im Westjordanland nur allzu gut. Aus politischen Debatten hält er sich normalerweise heraus - außer zum Berliner Christopher Street Day am Samstag, 26. Juli, wenn es um die Gleichberechtigung queerer Menschen geht.


Navot Miller, Sie sind in Shadmot Mehola, einer konservativen jüdisch-orthodoxen Siedlung in der West Bank, aufgewachsen. Ihre Homosexualität konnten Sie dort nicht offen ausdrücken. Heute leben Sie in Berlin und New York in einer relativ queer-freundlichen Umgebung und porträtieren Ihren Freundeskreis in Regenbogenfarben. Was hat Sie ermutigt, Ihre sexuelle Identität in der Kunst auszuleben?

Als Kind liebte ich die Spice Girls, wohl wissend, dass Jungs in einem heteronormativen Szenario meist andere Dinge tun. Sie sollen auf dem Feld arbeiten oder Fußball spielen, anstatt die Spice Girls zu hören. Andere Kinder machten sich über meinen Musikgeschmack lustig und meinten zu mir: "Du bist so komisch, so schwul, die Spice Girls machen Musik für Mädchen". Und das ist nur ein Beispiel. Sie schikanierten mich auch dafür, dass ich die Farbe Pink mag. So verstand ich schnell, was in dieser Umgebung cool oder uncool war. Schwule Menschen, die an einem weniger toleranten Ort aufwachsen, lernen, ihre Identität zu camouflieren; wie ein Chamäleon, ob sie wollen oder nicht. Es ist eine zusätzliche Fähigkeit, die ich mir auch ungefragt aneignen musste. Ich teile diese Erfahrung der Selbstzensur. Als eine selbstständige Person fühlt es sich heute umso befreiender an, meine Vorlieben nicht länger vertuschen zu müssen und Dinge zu tun, die mir Freude bereiten, einfach, weil ich es kann.    

Die Gemälde in Ihrer aktuellen Ausstellung "Paradise" zeigen idyllische Landschaften und dramatische Sonnenuntergänge, aber auch homosexuelle Beziehungen, die in traditionellen Repräsentationen vom Paradies wie dem Garten Eden nie auftreten. Was hat Ihre Vision vom Paradies inspiriert? 

"Paradise" ist im Grunde ein Liebesbrief an Berlin und die Menschen, die ich hier kennenlernen durfte. Ein Liebesbrief an einen Ort, der mich sehr beeinflusst hat und weiterhin beeinflussen wird, obwohl keines der ausgestellten Gemälde in Berlin entstand. Sie wurden alle in meinem Atelier in New York fertiggestellt. Ich nehme nicht endgültig Abschied von Berlin. Nach fast zwölf Jahren, die ich hier verbracht habe, reduziere ich nur meine Dosis. Im Rückblick realisierte ich, was für ein wundervoller Trip es war, geradezu paradiesisch ... Dann erinnerte ich mich an Hanya Yanagiharas Buch "To Paradise", das den Titel der Show inspirierte. Dieser klang einfach zu passend. Und Hanya feierte die Idee genauso, als ich ihr davon erzählte.   

Wenn Besucherinnen und Besucher die Galerie betreten, sehen sie nicht nur die Gemälde an der Wand, sondern auch Stoffe auf dem Boden liegen - Überbleibsel von der Vernissage, bei der Sie die verhängten Leinwände vor Publikum enthüllten. Warum haben Sie die Show auf diese theatralische Art eröffnet? 

Obwohl "Paradise" vor allem meine Zeit in Berlin behandelt, wollte ich einen Teil meines aktuellen Lebens in New York einbringen. In New York verbringe ich viel Zeit mit Menschen aus der Entertainment-Industrie, mit Produzenten und Komponisten. Ich selbst bin kein großer Theatergänger, aber in Nähe dieser Personen finde ich Inspiration. So kamen wir auf die Idee, die Arbeiten zu verhüllen, ähnlich wie im Theater. Es war das erste Mal, dass ich so etwas ausprobiert habe, aber ich möchte dieses Element der Show sehr gern weiterentwickeln. 

Ihre Gemälde basieren oft auf realen Momenten, die Sie selbst erlebt haben. Meistens malen Sie Menschen oder Orte, die Ihnen etwas bedeuten. Wie würden Sie die Beziehung zwischen Ihnen und Ihren Werken beschreiben? 

Mit der Zeit kommen Filter, die mir einen neuen Zugang zu vergangenen Momenten ermöglichen. Sie lassen mich rückblickend erkennen: "Wow, das war wundervoll!" Deshalb lösen die Gemälde starke Gefühle in mir aus. Schließlich wurden sie alle von mir gemalt, nicht von einem Roboter. Es sind keine Auftragsarbeiten. Meine Gefühle kleben an ihnen, gute wie schlechte. In meinem Paradies gibt es Raum für Beides, glückliche und traurige Erinnerungen. Ich unterhalte mich auch mit der Einsamkeit, mit Liebeskummer und Sehnsucht. Ich lasse solche Gefühle zu, weshalb ich bei der Arbeit manchmal zusammenbreche, wenn ich eine bestimmte Person, die ich gerade male, schrecklich vermisse. Sowas passiert mir öfter. Insgesamt ist die Beziehung zu meinen Bildern also sehr intim.  

Auf "The Chill" entspannen drei nackte Männer nebeneinander auf einem Bett. Eine sehr intime Szene, obwohl sich die Personen nur unterhalten. Was können Sie über dieses Gemälde sagen? 

Der Titel der Arbeit ist etwas irreführend, was ich amüsant finde. Ich spiele gern mit zweideutigen Titeln. Der Ausdruck the chill wird oft mit Sex-Partys assoziiert; mit der Zusammenkunft von Männern nach dem Ausgehen. Die Atmosphäre kann in solchen Momenten variieren, es muss dabei aber nicht immer um Sex gehen. So triggert das Gemälde die Fantasie. Menschen werden denken, dass "The Chill" eine Orgie mit Drogenkonsum abbildet - was nicht wahr ist. Es zeigt eine Gruppe Freunde, die zusammen relaxt, chillt, sich unterhält und Blödsinn macht - mehr nicht. Als Beobachter war ich von Ästhetik des Ganzen, von der Komposition des Raums mit den drei Körpern, so berührt, dass ich die Situation unbedingt porträtieren wollte.

Ihre Arbeit wird oft als "New Queer Intimism" bezeichnet. Wie finden Sie solche Labels?

Ich finde Labels komisch. Sie sagen nie die ganze Wahrheit. Sie sind wie Schuhkartons. Es gibt eine Box für diese Religion und eine für diese Sexualität und so weiter... Klar machen es uns solche Kategorien einfacher, unsere Gehirne zu organisieren. Aber ich denke, die Realität ist komplexer und vielschichtiger. Das trifft auch auf meine künstlerische Praxis zu. Sie lässt sich nicht auf nur eine Sache reduzieren. Ich weiß, die Außenwelt versucht, mich zu labeln, aber damit bin ich nicht unbedingt einverstanden. Ich finde nicht, dass ich nur "Queer Intimacy" porträtiere. 

Kümmert es Sie überhaupt, was Menschen von Ihrer Arbeit halten?

Es ist ein Geschenk, wenn dir eine komplett fremde Person mitteilt, wie sehr sie deine Kunst mag. Die Menschen, die meine Kunst nicht ausstehen können, sagen mir das wahrscheinlich nicht ins Gesicht. Ich schätze, dass es solche Leute gibt, die meine Arbeit nicht für die beste halten. Aber viele der Kommentare sind sehr rührend. Ich höre gern auf Menschen, die mich als Person aufrichtig unterstützen, wie Margit Eschenbach. Seit meiner ersten Einzelausstellung in der Elektrohalle Rhomberg in Salzburg ist sie dicht an meiner Seite. Sie sammelt auch Arbeiten von mir, aber unsere Beziehung geht viel tiefer als "Sammlerin - Künstler". Wenn Margit meine Arbeit kritisiert, bin ich deshalb ganz Ohr.   

Ihre Farbpalette erinnert offensichtlich an die Regenbogenflagge, die generell als ein Symbol für gay pride und queere Kultur gelesen wird. Was bedeutet Ihnen dieses Symbol? 

Für mich repräsentiert die Regenbogenflagge eine Bewegung, eine Gruppe von Menschen, die sich verbündeten und sagten: "Wir sind, wie wir sind, und wir verlangen die gleichen Rechte wie Menschen, die nicht die gleiche sexuelle Orientierung teilen". Es ist beeindruckend, wie groß und mächtig diese Bewegung mit der Zeit wurde, verglichen mit der Anfangssituation, als schwule Menschen schwere Gewalt erlitten, weil sie keinerlei Rechte hatten. Ich erkenne viele Überschneidungen zwischen der Schwulenbewegung und Juden. Historisch mussten Juden als demografische Gruppe auch mit der Ausradierung ihrer Rechte und wiederholter Gewalt umgehen - und das ist noch harmlos ausgedrückt. Als eine Person, die beiden Gruppen angehört, kann ich mich durchaus mit der Regenbogenflagge identifizieren, zu einem gewissen Grad jedenfalls. Ich glaube nicht so sehr an das Wort community, aber ich gehöre sicher zur queeren Bevölkerung.     

Julia Klöckner, die Präsidentin des Deutschen Bundestags von der CDU, entschied, dass der Bundestag zum Christopher Street Day diesmal keine Regenbogenflagge hissen wird. Damit ignoriert Sie eine Petition von mehr als 230.000 Menschen, die mehr Solidarität mit Homosexuellen fordern. Was würden Sie Frau Klöckner gern sagen?

Ich möchte ihr gar nichts sagen, sondern fragen, ob sie einen schwulen Freund hat. Und ich würde sie bitten, mir etwas von dieser Person zu erzählen, sofern es sie gibt, und welche Gefühle die Entscheidung in ihr auslösen. Ich gehe davon aus, dass Frau Klöckner schwule Menschen kennt und mag. Dann würde ich fragen, ob sie mit Homosexuellen gesprochen hat, bevor sie die Entscheidung traf. Aber da ich sie nicht persönlich kenne, will ich ihr nichts vorschreiben.   

In diesem Kontext erscheint Ihre Arbeit ziemlich politisch, denken Sie nicht?

Menschen bringen immer ihren eigenen Kontext mit. Manche finden meine Arbeit provokativ. Versuche ich zu provozieren? Nein. Für mich sind die Momente, die ich male, kein bisschen provokativ. Eine Person mit einem anderen Hintergrund empfindet das vielleicht so, aber ich mache keine politische Kunst. Meine Arbeit ist eine direkte Erweiterung meiner Person, meiner Erfahrungen und Gefühle, die mich in meinem Leben beschäftigen. Das erscheint mir überhaupt nicht politisch. Vielleicht in einem Land, in dem Schwulsein illegal ist, aber bestimmt nicht in der westlichen Welt, zu der ich gehöre. 

Und dennoch hinterlassen Ihre Bilder einen starken Eindruck, nicht zuletzt wegen ihrer Farbe. Gibt es einen bestimmten Grund dafür, dass alle Ihre Gemälde so bunt sind?

Ich habe eine wirklich große Liebe zu bunten Farben. Ich träume davon, auch in anderen Bereichen mit mehr Farbe zu arbeiten, in der Architektur zum Beispiel. Stellen Sie sich vor, eine Berliner U-Bahn-Station zu betreten, und alles strahlt kunterbunt oder in verschiedenen Pinktönen. Oder eine Brücke - irgendeine Brücke über die Spree - ganz in Pink. Andere Künstlerinnen und Künstler haben solche Interventionen bereits realisiert, wie Christo und Jeanne-Claude. Ihre Arbeit dient mir als große Inspiration. 

Wollen Sie immer noch eine Synagoge pink streichen?

Ja, das will ich immer noch machen. "A Pink Shul" - meine Show bei Wannsee Contemporary in Berlin - war eine Art Probe für dieses Projekt. Vielleicht gibt es eine jüdische Gemeinde mit einer Synagoge, die ein Facelift brauchen könnte. Oder vielleicht könnte ich mit der Hilfe eines Architekturbüros eine neue pinke Synagoge entwerfen. Einer Kirche würde ich genauso gern einen neuen Anstrich verpassen. 

Braucht der Bundestag auch so ein Facelift?

Sicher!