Film über Nawalny-Vergiftung

Szenen aus einem selbstbesoffenen Imperium

Der Dokumentarfilm "Nawalny" thematisiert die gescheiterte Vergiftung des wichtigsten russischen Oppositionellen. Er ist dabei spannend wie ein Agententhriller - und kommt zur rechten Zeit

Während der Bau der Pipelines Nord Stream 1 und 2 im Gange war und sich die deutsche Polit-Elite dabei überschlug, den Nationalchauvinisten Wladimir Putin zu umwerben, verschwand ein Name nach dem anderen von der Liste prominenter Regimekritiker: Anna Politkowskaja und Alexander Litwinenko traf es im Jahr 2006, Stanislaw Markelow, Anastassija Baburowa und Natalja Estemirowa 2009 und Boris Nemzow 2015 – keiner von ihnen überlebte die staatlich organisierten Mordanschläge. 2018 überstand Doppelagent Sergei Skripal die Vergiftung mit dem biologischen Kampfstoff Nowitschok wie durch ein Wunder. Im August 2020 waren dann Alexej Nawalny und seine blaue Unterhose dran, auf der das Nervengift aufgetragen wurde.

Das für die russischen Geheimdienstler überaus peinliche Scheitern der spektakulären Vergiftungsaktion thematisiert jetzt die spannungsgeladene Doku "Nawalny", ein seinem Protagonisten nicht von der Stelle weichendes Zeitzeugnis von der Qualität eines Agenten-Thrillers, das auf Anhieb fasziniert, zumal im März der wichtigste Kontrahent Putins ein weiteres Mal zu neun Jahren Lagerhaft verurteilt wurde und der bestialische Angriffskrieg auf die Ukraine die Aufmerksamkeit für sein Schicksal inzwischen erheblich schmälert.

Das Timing des Filmstarts könnte ohnehin nicht besser sein. Während die deutsche Öffentlichkeit über die Frage der Waffenlieferungen in die Ukraine auseinanderdriftet, verschickt der kanadische Regisseur Daniel Roher schon mal Munition gegen hartnäckige Russland-Versteher, die immer noch vor einem Regime kuschen, das Wolodymyr Selenskyj gerade mit Adolf Hitler gleichgesetzt hat.

Man erfährt nicht nur, wie der inzwischen völlig enthemmte Machtapparat tickt. Der Film verbindet private Aufnahmen mit Archivbildern und Interviews, lässt Weggefährten und Christo Grosew vom investigativen Recherchenetzwerk "Bellingcat" zu Wort kommen, der auf der Basis forensischer Details den Anschlag akribisch rekonstruiert, inklusive der Benennung der Attentäter, die allesamt dem Geheimdienst FSB entstammen. Nicht zuletzt gewährt Grosew Einblicke in seine Methoden, vom Schwarzmarkt der Datenhacker über die Analyse von Flugstrecken bis zu der desillusionierenden Erkenntnis, dass Menschen zu misstrauen ist, Daten aber überwiegend die Wahrheit sagen.

Nervös fällt der böse Name

Aus seinem Mund fallen Charakterisierungen wie "Wespennest" oder "Tötungsmaschine von industriellem Maßstab" – und das in einem völlig unaufgeregten Tonfall. Man ist dabei, als Nawalny unter falschem Namen seine Möchtegern-Mörder anruft und einem von ihnen entlarvende Informationen entlockt, oder kichert unfreiwillig bei einer Montage von Originalaufnahmen, die Putin dabei zeigen, wie er angestrengt dem Namen des Staatsfeinds Nummer eins ausweicht, um dessen Relevanz zu minimieren. Nur, um ihn dann zum "Berliner Patienten" umzutaufen. Sein Pressesprecher Dmitri Peskow attestiert eifrig "Verfolgungswahn" und die "Journalisten" vom Ersten Kanal ergehen sich in Spott-Tiraden, um irgendwann doch nervös den bösen Namen fallen zu lassen.                                                                                                              

Im Gegenzug wendet die von Maria Pevchikh (einer der engsten Mitarbeiterinnen des Aktivisten beim Antikorruptionsnetzwerk) produzierte Bestandsaufnahme des auf russischem Boden traditionsreichen Staatsterrorismus meisterlich das dramaturgische Handwerk an. So soll die Marke Nawalny dem Vergessen entrissen werden. Auch der von seinen Gegnern gerne vorgebrachte Vorwurf einer frühen Allianz mit Rechtsradikalen sowie des Nationalismus ukrainischer Kampfverbände wird nachvollziehbar gekontert.

So kristallisiert sich allmählich das Tableau eines selbstbesoffenen Imperiums heraus, dessen "Säuberungen" inzwischen die Stufe einer "Denazifizierungskampagne" erreicht haben. Vor ihr sind auch entfernte Verwandte Nawalnys nicht sicher: Ilja Nawalny war einer von Hunderten Zivilisten, die in Butscha erschossen wurden. Dieses Drama erzählt der Film nicht mehr. Was bleibt, ist das Staunen über Nawalnys übermenschliche Nervenstärke. Und wann gab es schließlich schon mal ein "Spy Movie" an der Schnittstelle zum Reality-Check, dessen Angst einflößender Showdown noch bevorsteht?