Wie leben wir zusammen? Ob in Freundeskreisen, Sportvereinen oder dem Großraumbüro – jeder von uns findet sich von Zeit zu Zeit in einer Gemeinschaft wieder. In 65 Fotografien nahm Neal Slavin ab 1972 US-amerikanische Gruppen unter die Lupe. Die damaligen Arbeiten lassen uns heute nicht nur einen Blick auf die Vereinskultur der USA in den 1970er-Jahren werfen, sondern zeigen, wie unterschiedlich wir doch trotz des Drangs nach Gemeinschaft immer bleiben werden – und wie bereichernd das ist.
Nach seinem Studium der italienischen Renaissancemalerei an der Universität Oxford machte der Künstler einen unerwarteten Schritt: Er reiste nach Portugal, um dort alltägliche Szenen mit seiner Kamera einzufangen. Die damaligen Fotografien erinnern an Diane Arbus oder Henri Cartier-Bresson, in ihren alltäglichen Motiven, in dem Verständnis von Straße als Bühne, sowie in ihrem schnappschussartigen Charakter. Die portugiesischen Arbeiten sind zudem alle schwarz-weiß und reihen sich in den damals vorherrschenden Stil der künstlerischen Fotografien ein.
Das Motiv der Gruppe forderte von Slavin ein neues Vorgehen. Er selbst berichtet von dem Porträt einer Boy-Scout-Truppe, das es ihm besonders angetan hatte. Obwohl die Pfadfinder uniformiert auftraten, waren die Individuen für Slavin die eigentlichen Stars des Bildes: "Ich fragte mich, was wohl aus jedem einzelnen dieser Jungen geworden war, nachdem das Foto aufgenommen worden war. Sie waren für einen kurzen Moment zusammengekommen und dann für immer verschwunden". Slavin bedauerte in seiner Neugier, dass ihm das Bild in schwarz-weiß einige Informationen vorenthielt. Abzeichen und Medaillen waren nicht voneinander zu unterscheiden, sodass die Ordnung innerhalb der Gruppe nicht zu erkennen war. Aber auch kleinere Unterschiede wie die Farbe des Haars, eines Gürtels oder der Kniestrümpfe blieben in der Schwarz-Weiß-Fotografie ein Geheimnis. Und sind es nicht die kleinen Dinge, die uns einzigartig machen?
Die Gruppe als kompositorisches Prinzip
Der US-Amerikaner stürzte sich in eine manische Studie des Gruppenfotos. Ab 1972 reiste Slavin für dreieinhalb Jahre quer durch die Vereinigten Staaten und fotografierte Vereine, Clubs und Firmen. Der Titel dieser Serie: "When Two or More Are Gathered Together". In den gut 65 Aufnahmen, die in dem Fotobuch 1976 veröffentlicht wurden, wird intensive Farbe zum Medium der Individualität, Buntheit zum Symbol der Vielfalt innerhalb einer Gemeinschaft.
Anders als bei der schnappschussartigen Street Photography in Portugal sind die Gruppenporträts vorbereitet. Die Porträtierten wurden von Slavin aufgefordert, ihre Uniformen zu tragen und symbolische Gegenstände zum Fototermin mitzubringen. Den Ort wählte die Gruppe selbst. Die Mitglieder konnten sich frei positionieren, was der Arbeit ihre soziologische Ebene verleiht und teilweise zu absurden Ergebnissen führte. Die Damen vom Mops-Verein in New York entschieden sich etwa dazu, ihre Köpfe durch einen leuchtend roten Stoff zu stecken, der ein Podest umspannt, auf dem ihre Hunde in Starmanier posierten. Washingtons Fechtclub verzichtete auf eine Aufstellung und präsentierte sich lieber im kämpferischen Chaos, wohingegen sich die International Twins Association als identisch gekleidete Pärchen aufreihte.
Der Witz liegt gerade in der blanken Eigenartigkeit der Gruppenmitglieder – ob bei dem angespannten Taucherbrillen-Lächeln der Damen vom North Shore Aquatics Club oder den tiefenentspannten Rubber Boat Fishermen in ihren Einmann-Gummibooten. Der Mix aus steifem Stolz und Unbeholfenheit führt immer wieder zu komischen Momenten.
Neal Slavin "Pugs", New York, New York, 1991
Die Aufnahmen vermitteln vor allem eines: die Freude an der Gemeinschaft. In Gruppen tauschen wir uns aus und können die Welt im gemeinsamen Dialog verarbeiten. Für Slavin sind Gruppen eine "American Icon": In ihnen sieht er die demokratische Stärke der Vereinigten Staaten. Er bezieht sich damit auf Theorien des französischen Soziologen Alexis de Tocqueville, der 1838 in der Masse an US-amerikanischen Verbänden die moderne Absonderung des Landes vom konservativen Europa erkannte.
50 Jahre nach der Erstveröffentlichung von "When Two or More Are Gathered Together" sind die USA gesellschaftlich zutiefst gespalten. Ein nostalgischer Blick auf die Gruppenporträts mag optimistisch stimmen und an Zusammenhalt glauben lassen. Die Neuauflage von 2024 ist ergänzt durch Gruppenporträts bis in die 2000er-Jahre. Die digitalen Medien verändern, wie wir zusammenkommen. Kontaktaufbau und Interaktion finden über neue Kanäle statt, wobei manches verloren gehen mag, anderes jedoch möglich wird. Eine heutige Sicht auf Slavins Porträts hat doch im Grunde mehr von einem Blick in den Spiegel, als man erwarten würde. Die Dauerwelle mag aus dem Trend gekommen sein, doch unser Drang nach Gemeinschaft ist noch immer derselbe.