Fotokunst auszustellen und dafür eine attraktive architektonische Hülle zu finden, ist eine delikate Aufgabe: Einerseits verlangen die lichtempfindlichen Werke fensterarme Fassaden und gedimmte Interieurs, andererseits ist der Generation der Digital Natives nicht mehr ohne weiteres klarzumachen, wie wertvoll ein Foto sein kann. Heute trägt fast alle Heranwachsenden Tausende von Fotos jeden Tag auf dem Handy spazieren. Was soll also so besonders daran sein, wenn ein Nationales Museum sechs Millionen Fotos speichert? Das Nederlands Fotomuseum in Rotterdam macht aus dieser Not eine Tugend: Ab Samstag feiert es seine eigene Neuerfindung in einem völlig neuen Rahmen: Das Santos-Lagerhaus am Rijnhaven wurde zur neuen Heimat einer der größten Fotosammlungen der Welt.
Ein Hamburger Architekturbüro hat das Kontorhaus für Kaffee zu einem "Wohnzimmer der Fotografie" umgestaltet: Die Architekten vom Büro Renner Hainke Wirth Zirn (RHWZ) haben – gemeinsam mit den niederländischen Partnern von WDJ Architecten – das Koffiepakhuis von 1902 so weit wie möglich erhalten. Der Architekt J.P. Stok hatte es einst für seine Lieferungen aus Brasilien mit Holzdecken und genieteten Gusseisen-Stützen gebaut, die bis heute ihren Charme behalten haben. Das Lagerhaus steht seit dem Jahr 2000 unter Denkmalschutz. Im Jahr 2023 hat das Fotomuseum es erworben.
Die Architekten haben ein großes Atrium als Treppenraum hineingeschnitten und dem Klinkerbau eine goldene Krone aus perforiertem Alu aufgesetzt - fertig ist der neueste kulturelle Stolz von Rotterdam, das sich anschickt, Amsterdam nach Anzahl und Qualität seiner Museen zu übertrumpfen.
Das Nederlands Fotomuseum in Rotterdam
Was das neue Rotterdamer Fotomuseum von anderen Ausstellunghäusern seiner Art unterscheidet, ist das kuratorische Konzept: Fotos an der Wand zu präsentieren, ist passé. Deshalb ist das Museum kein (reiner) Ort der Betrachtung von Lichtbildern, sondern zeigt die handwerkliche Expertise und kunsthistorische Forschung, die hinter der Restaurierungsarbeit bei der Pflege alter Fotos steckt.
Auch der Katalogisierung und Digitalisierung können Besucher des Museums im ehemaligen Kaffeelager "live" beiwohnen. Wie im Schaudepot des Rotterdamer Museums Boijmans Van Beuningenkönnen Besucher auch im Santos-Bau durch interne Fenster Einblicke in die Archive und Werkstätten des Museums gewinnen. Die Keksdose beispielsweise, in der der Fotograf Johan van der Keuken seine Negativhüllen aufbewahrte, ist zu sehen.
Für die Konservierung des Materials haben die Räume unterschiedliche Temperaturen. Die gesamte vierte Etage ist klimatisiert, damit Vintage-Fotografien ausgestellt werden können. In einer klimatisierten Vitrine kann das Museum sogar Negative bei vier Grad Celsius präsentieren – eine Premiere in der Welt der Fotomuseum.
Im ersten Stock des Hauses zeigt eine "Hall of Fame" der niederländischen Fotografie die Geschichte des Genres seit 1839 - von Daguerreotypien bis zu Digitaldrucken. Für diese Dauerausstellung wurden die 99 "besten" Fotografien aller Zeiten ausgewählt, darunter Werke von Anton Corbijn, Rineke Dijkstra und Erwin Olaf. Besucher werden eingeladen, Vorschläge für das 100. Foto einzureichen.
Die Ehrengalerie im Nederlands Fotomuseum in Rotterdam
Nach Ansicht von Roderick van der Lee, der als Interims-Direktor das Haus eröffnet, erhält sein Museum "endlich ein Domizil, das dem Umfang, der Qualität und den Ambitionen der Sammlung gerecht wird und das Ansehen der holländischen Fotokunst steigern wird".
Das Fotomuseum in Rotterdam eröffnet mit der Schau "Erwachen in Blau" (bis 7. Juni), in der riesige Blaupausen von 15 Künstlern zu sehen sind, die Themen wie Ökologie, koloniale Vergangenheit und den menschlichen Körper zeigen. Die zweite Eröffnungs-Ausstellung ist ein wenig altbackener und zeigt "Rotterdam im Fokus: Die Stadt in Fotografien" (bis 24. Mai). Die "Reise durch 180 Jahre Geschichte der Stadt" beweist, was auch ein Blick aus einem der wenigen Fenster des neuen Museums zeigt: Rotterdam hat nicht nur himmelsstürmende Ambitionen als Hafenstadt, sie ist auch eine vielfältige Kulturdestination.
Der Bau des neuen Fotomuseums wurde durch eine Spende der Droom-en-Daad-Stiftung finanziert, hinter der eine Milliardärs-Reederei-Familie steckt. "Traum und Tat" kommen in dem Fotomuseum ebenso zusammen wie im Haus zwei ungewöhnliche Nutzungen: Über dem Museum liegen 16 Apartments, die jedermann mieten kann, um einmal "Nachts im Museum“ zu spielen.
Das Treppenhaus hat hinterleuchtete Fotowände, die zeigen wie stark der Fokus der Sammlung auf der dokumentarischen Fotografie des 20. Jahrhunderts liegt. Das Erdgeschoss hingegen haben die Hamburger Umbauarchitekten als "Wohnzimmer für die Fotografie" aufgefasst: Bibliothek und Koffiebar sind ohne Ticket für jedermann zugänglich. Natürlich wird brasilianischer Santos-Kaffee serviert.