Bildband über Neonschilder

Das lesbare Leuchten der Stadt

Sieben Jahre lang ist der britische Typografie-Experte Jesse Simon durch Deutschland gereist, um alte Neonschilder und Leuchtreklamen zu fotografieren – bevor sie vielleicht bald ganz verschwinden

Man könnte meinen, wer sich freiwillig auf eine Neonsafari durch Deutschland begibt, kann nur Melancholiker sein. Oder ein nostalgischer Flaneur, der nachts durch ihm fremde Städte streift, auf der Suche nach Zeichen aus längst vergangenen Zeiten. Der berühmte Kraftwerk-Song "Neonlicht" vom 1978er-Album "Die Mensch-Maschine" hat sicher dazu beigetragen, dass man die nächtlichen Reklamen nicht allein mit Verheißung, sondern auch mit Einsamkeit und Großstadt-Melancholie assoziiert. Das Lied besteht nur aus drei Zeilen, die viermal wiederholt werden: "Neonlicht, schimmerndes Neonlicht / und wenn die Nacht anbricht / ist diese Stadt aus Licht", singt Ralf Hütter da, fast zärtlich. 

Doch Jesse Simon, der seit 2012 in Berlin lebt und schon mehrere Bücher über die Typografien und Bauwerke der Hauptstadt herausgegeben hat, macht in seinen Texten eher den Eindruck, dass er begeistert und fasziniert ist von den typisch deutschen Waren und Dienstleistungen, die mal in sachlichen Groteskschriften, mal in Fraktur- und mal in schwungvollen Schreibschriften beworben werden. 

In Düsseldorf, der Heimat von Kraftwerk, entdeckte Simon gleich fünf große Schilder an Hauswänden, die alle auf "-mann" enden: Börgermann, Kaufmann, Münstermann, Engelmann und Heinemann. Wo Einheimische längst achtlos vorübergehen, hält der Brite amüsiert inne und zückt die Kamera. 

Neon am Rhein

Die heimliche Hauptstadt der historischen Neonschilder, so attestiert auch der Autor von "Neon Deutschland", liegt aber etwas weiter südlich von Düsseldorf: "Von allen deutschen Städten bemüht sich Köln vielleicht am meisten, seine Neonreklame am Leben zu erhalten." Das Köln-Kapitel, samt der fotografischen Ausbeute, die Simon hier präsentiert, nimmt ganze 16 Seiten ein. Die über 33 Meter lange Leuchtwerbung für 4711 in der Halle des Hauptbahnhofs fehlt allerdings – vielleicht erschien sie Simon zu naheliegend. 

Was hier aber wirklich etwas kurz kommt, ist die charmante und mittlerweile denkmalgeschützte Reklame für das Bier der Marke Reissdorf Kölsch am Anfang der Aachener Straße – zweifellos eines der schönsten Exemplare in Deutschland. Seit 1968 leuchten 160 Neonelemente an dieser Hauswand und überraschen erst nachts mit einer Pointe: Die Botschaft ändert sich dann im steten Wechsel von "Er trinkt" auf "Sie trinkt" – und mit nur ein paar winzigen Neondetails verwandelt sich das Männchen in eine ebenso trinkfeste Frau. 

Übrigens wachsen die Überlebenschancen historischer Zeichen und Schriftzüge, wenn das beworbene Geschäft oder Produkt schlichtweg noch existiert, wie eben Reissdorf Kölsch. Weitere wunderbare Kölner Beispiele, die Simon hier aufführt, sind die Cafés Cortina und Wahlen, die seit vielen Jahrzehnten nicht nur durch ihre Neonschnörkel glänzen.

Die Gegenwart der Vergangenheit

Man merkt schon: Der Bildband stimmt weit weniger melancholisch als zunächst befürchtet – man kann die Publikation sogar als kulturellen Reiseführer von Hamburg bis München nutzen und die Wege des Autors lustvoll nachvollziehen. 

Dass auch eine ganze Reihe von Künstlerinnen und Künstlern anspielungsreich mit Neonelementen arbeitete, darunter Tracey Emin, James Turrell, Bruce Nauman und Dan Flavin – darauf einzugehen, hätte sicher den Rahmen des Buches gesprengt. Jesse Simon konzentriert sich auf eine designhistorische, vor allem typografische Bestandsaufnahme. 

Und liefert nebenbei eine Anleitung, urbane Räume zu lesen, mit anderen Augen zu sehen und Entdeckungen zu machen. Denn oft sind alte Neonzeichen auch so etwas wie Gütesiegel: Wenn beispielsweise ein Kino heute noch "Eulenspiegel" heißt, und der Name in elegant lang gezogener Schreibschrift nachts eine schmale Essener Straße verzaubert, dann wird man auch von der zeittypischen Einrichtung und vom Geist des Hauses nicht enttäuscht werden. Ähnliches gilt für "Wacker’s Kaffee" oder "Blumen Ursprung" in Frankfurt: leuchtende Beispiele einer gelebten Tradition, die in der Gegenwart Bestand hat – wunderbarerweise.