Veränderte Kunstwelt in Frankfurt

Neue Koordinaten am Main

Rundes Objekt, in einen Baum gehängt
Foto: Norbert Miguletz, © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2026

Schirn: Margaret Raspé "Regentrommeln", 1988/2023, Installationsansicht "In a Silent Way. Skulpturen rund um die SCHIRN, Episode 1", 2026

Wo ist die Kunst? Spaziert man dieser Tage durch Frankfurt am Main, bedarf es neuer Routen: MMK und Schirn werden saniert. Was dazu einlädt, in weniger zentrale (und mitunter auch weniger beachtete) Quartiere auszuschwärmen

In Bockenheim bespielt die Schirn Kunsthalle seit einem Jahr ein Interimsquartier. Die Räume des im späten 19. Jahrhundert errichteten Industriebaus taugen nur bedingt für große Blockbuster-Ausstellungen. Wir sind ohnehin auf der Suche nach der Freiluft-Skulpturenausstellung "In a Silent Way". Die Werke zu finden, ist schon der halbe Spaß: Während Bernhard Schreiners auf äußere Klang- und Witterungseinflüsse reagierende Soundinstallation vernehmbar scheppert und auch visuell lokalisierbar ist, bleiben Arbeiten wie Margaret Raspés "Regentrommeln" dem Betrachter trotz aufmerksamer Beschilderungslektüre verborgen. 

Auch Katja Maters Umdeutung örtlicher Bezugspunkte zur Sonnenuhr erschließt sich eher in der Beschreibung. Die als mehrteilige Reihe angelegte Präsentation verleitet zum bewussten Erkunden des zwischen Verkehrsschneisen und sonstigen Pflaster- und Asphaltwüsten eingepferchten Areals.

"In a Silent Way", Außenraum der Schirn Kunsthalle Frankfurt, läuft über die Sommermonate


Auf der Suche nach Kunst schreiten wir südostwärts. Im Westend stellt uns der im "City-Haus I"-Hochhaus untergebrachte Ausstellungsraum der Kunststiftung DZ Bank die Frage: "Wie wollen wir leben?" Die auf Fotografie fokussierte Unternehmenssammlung präsentiert Arbeiten, die um seit über 100 Jahren virulente Schmerzpunkte des urbanen Zusammenlebens kreisen: Karina Nimmerfall zeigt eine Art Studienapparat zum kommunalen Wohnungsbauprogramm im "roten Wien" der 1920er-Jahre mitsamt den begleitenden Debatten. Und Andrea Pichl und Heike Baranowsky lenken den Blick auf uneingelöste Versprechen und unangenehme Nachwirkungen wohlmeinender Städtebauprojekte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

"Wie wollen wir leben?", Kunststiftung DZ Bank, Frankfurt am Main, bis 3. Oktober

Fotografie: Zweig mit grünen/braunen Blättern, blauen Blüten.
Foto: © Dieter Huber / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Kunststiftung DZ Bank: Dieter Huber "Klone57", 1996, aus der Serie "Klones"


Die gegenüberliegende Mainseite weist mit dem Museumsufer ein intaktes Kunstcluster vor. Das Museum Giersch, bis vor wenigen Jahren noch auf regionale Kunst der Moderne spezialisiert, hat unter der Leitung der Kuratorin Ina Neddermeyer einen drastischen Schwenk zur Gegenwart vollzogen. In seiner aktuellen Ausstellung möchte das zur Goethe-Universität gehörende Haus eine Welt entwerfen, in der Menschen, Tiere, Pflanzen und Maschinen "als gleichberechtigte Mitglieder agieren".

"Multispezies Members Club", Museum Giersch, Frankfurt am Main, bis 6. September

Installationsansicht: Gitter-Zelt mit gelber Folie, rotes Licht; links schwarzes Punktgemälde.
Foto: Manuel Carreon Lopez, © Andreas Greiner / VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Courtesy Künstler, Galerie Kandlhofer, Wien und Dittrich & Schlechtriem, Berlin

Museum Giersch der Goethe-Universität: Andreas Greiner "Hybrid Estate", 2023, und "The Game", 2023 (hinten)


Warum nicht nur Frankfurt, sondern auch der Bund einen Raubvogel im Wappen trägt, fragt das Museum Angewandte Kunst. Kurator Friedrich von Borries hat internationale Gestalter eingeladen, Repräsentationssymbole wie Wahlurne, Wappentier und Verdienstorden neu zu denken.

"Adler. Orden Wahlurne", Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main, 28. August bis 21. Februar 2027

Kleine, runde, segmentierte Skulptur auf Metalltisch in stählernem Raum mit Lüftungsöffnungen.
Foto: © David Ertl / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Museum Angewandte Kunst: Rozbeh Asmani "Butteradler", 2026


Richtung Osten hat die Nachbarstadt Offenbach ein einzigartiges Spezial­museum. Das Ledermuseum zeigt zeitgeistige Wechselausstellungen, aktuell wird die eigene Sammlung in den Vordergrund gestellt: von Napoleons Dokumentenmappe über das tragbare Kofferradio aus Schlangenhaut von 1951 bis hin zu Martin Margielas "Tabi"-Boots.

"Am Wendepunkt: Das Deutsche Ledermuseum", Ledermuseum Offenbach, läuft bis auf Weiteres

Objektfoto: Paar silberner Tabi-Lederstiefeletten mit geteilter Zehe und mittlerem Blockabsatz.
Foto: © Deutsches Ledermuseum, C. Perl-Appl

Deutsches Ledermuseum: Maison Martin Margiela "Tabi Split-Toe-Stiefel", 2017


Eine der feinsten Adressen für zeitgenössische Fotografie befindet sich in Eschborn. Hier zeigt die Deutsche Börse Photography Foundation die Bilder des New Yorkers Jamel Shabazz, der ab 1980 das Alltagsleben afroamerikanischer Nachbarschaften in Manhattan, Brooklyn und der Bronx fotografierte und einige ikonische Bilder der Hip-Hop-Kultur schuf. Seine Arbeiten sind im Cube zu sehen, der Unternehmenszentrale der Deutschen Börse. In der ansonsten tristen Bürostadt setzt der würfelförmige Bau einen markanten Akzent.

Jamel Shabazz "New York Vibes", Deutsche Börse Photography Foundation, Frankfurt-Eschborn, 3. September bis 17. Januar 2027

Fotografie: Zwei junge Männer, 1980er‑Streetwear mit Bucket Hat und Yankees‑Jacke, Straßenszene.
Foto: © Jamel Shabazz, courtesy Galerie Bene Taschen

Deutsche Börse Photography Foundation: Jamel Shabazz "Rolling Partners, Downtown,Brooklyn, NYC", 1982


Mondänes Kurbadflair verströmt indessen Hessens Landeshauptstadt Wiesbaden. Im Museum Reinhard Ernst ist seit Kurzem Michael Anthony Müllers aufwühlend-abstraktes Großformat "Titanomachie" zu besichtigen. Das von Fumihiko Maki entworfene Museum, das sich ganz der abstrakten Kunst verschrieben hat, platzt ebenso vor Sehenswertem wie das benachbarte Landesmuseum.

Michael Anthony Müller "Titanomachie", Museum Reinhard Ernst, Wiesbaden, läuft bis auf Weiteres


Die Kunsthalle Darmstadt zeigt den Amsterdamer Multimediakünstler Hilarius Hofstede und seine kenntnisreichen Auseinandersetzungen mit seinem Landsmann Vincent van Gogh und dessen letzten Lebensjahren in der Psychiatrie. Auf der Suche nach spannender Kunst kann man auch über Frankfurt hinausblicken.

Hilarius Hofstede "Courant van Gogh", Kunsthalle Darmstadt, 27. September bis 10. Januar 2027

Dieser Artikel erschien zuerst in Monopol 9/2026.