Münchner Design-Sammlung wird 100

"Auch eine Büroklammer gehört in ein Museum"

Vor 100 Jahren wurde die Neue Sammlung in München gegründet, die weltweit größte Schatzkammer für Design. Wir sind mit der Direktorin durch die Geburtstagsausstellung spaziert 

Die Neue Sammlung in München ist das größte und am breitesten gefächerte Design-Konvolut der Welt. Mindestens 25 Gebiete umfasst sie mittlerweile: Materialien, Sekundärarchitektur wie Tankstellenleuchtkästen, Straßenlaternen oder Bushaltestellen, aber auch inklusives Design wird gesammelt, Objekte zum Thema Mobility oder Robotik. Öfen gehören genauso dazu wie Telefone, Verpackungen oder Bohrmaschinen. 

100 Jahre nach der Gründung ist nun die Ausstellung "100 Jahre - 100 Objekte" in der Münchner Pinakothek der Moderne zu sehen. Die Kunsthistorikerin Angelika Nollert leitet die Neue Sammlung seit 2014 und erklärt bei einem Rundgang das Konzept.


Angelika Nollert, jeweils ein Objekt für ein Jahr auszuwählen, wie schwer war das?

Das war natürlich nicht einfach, aber wir haben nach den Jahren des Ankaufs sortiert. Beginnend 1925, als wir gegründet worden sind. Man wusste, 1926 gibt es die erste Ausstellung, deswegen hat man da fleißig eingekauft. Entstanden ist die Sammlung ja im Geist der Moderne. Sie kommt aus einer Reformbewegung heraus, die der 1903 gegründete Münchner Bund begann. Gestaltung wurde als gesellschaftsverändernd verstanden, und das soll sich auch hier in der Ausstellung widerspiegeln.

Haben Sie ein Beispiel?

Wir zeigen für das Jahr 1925 die erste Inventarnummer, das war eine Madonna von Ruth Schaumann-Fuchs, die hat hier an der Kunstgewerbeschule gelernt und ihre Madonna hat eine moderne Auffassung. Schauen Sie etwa mal die überlangen Zehen. 

Heute befinden sich mehr als 120.000 Inventarnummern im Archiv.

Hinter denen manchmal mehrere Objekte stehen, zum Beispiel bei einem Service für Rosenthal von der Designerin Patricia Urquiola. Und nicht nur fertige Objekte sind in unserer Sammlung, auch Modelle oder Zeichnungen. Oder dort vorne, da hängen Fotos von Bernd und Hilla Becher, würde man hier vielleicht nicht unbedingt vermuten, aber sie hatten 1967 ihre allererste Museumsausstellung in der Neuen Sammlung. Und – auch sehr besonders für ein Design-Museum – wir haben ein Klangarchiv, etwa das Geräusch der sogenannten "Ritsch-Ratsch-Klick"-Kamera, denn bei einigen Entwürfen gehören die Klänge der Benutzung einfach dazu. 

Und wie haben Sie sich da für 100 Objekte entschieden? 

Wir haben geguckt, was gibt es aus dem Jahr? Und dann haben wir versucht, etwas zu finden, das typisch ist und das wir noch nie ausgestellt haben. Nur fünf Prozent unseres Bestandes wurden ja bisher überhaupt erst gezeigt. Es gab Jahre, in denen wir aus nur zehn Ankäufen auswählen konnten. Ganz früher, direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde wenig angekauft, mal ein Keramik-Fisch aus Frankreich oder eine Original-Ausgabe vom "Kleinen Prinzen". 

Ab 1934 unterstand die Sammlung dem Bayerischen Nationalmuseum.

30 Prozent der Sammlung ist im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen oder gestohlen worden, unter anderem ein Tee-Extraktkännchen von Marianne Brandt. Und die Arbeit hat die Sammlung erst Ende 1946 wieder richtig aufgenommen. Da hat man den ersten Direktor Günther Freiherr von Pechmann zurückgeholt.

Da vorne liegt ein Leuchter, wieso liegt der?

Auch das gehört auch zur Geschichte: Wir haben vom Staat Objekte aus dem Nationalsozialismus zugewiesen bekommen. Und das ist ein Bergkristallleuchter, den Hermann Göring in Auftrag gegeben hat. Wir wollten das nicht verschweigen, aber wie geht man damit um? Es gibt Untersuchungen dazu, wie man Objekte aus dem Nationalsozialismus präsentiert, und da wird empfohlen, sie nicht instagrammable auszustellen oder eben so, dass man es nicht gut fotografieren kann. Im Museum von Obersalzberg arbeiten sie zum Beispiel mit Bildüberblendungen, sodass man einzelne Bilder nicht gut reproduzieren kann.

Sie zeigen auch eine Schere aus dem Henckel-Werk. 

Wir wollten nicht nur Design-Ikonen ausstellen. Auch eine Büroklammer ist doch gut gestaltet und gehört in ein Museum. Uns geht es darum, die Vielseitigkeit der Sammlung darzustellen. So wie auch in der dauerhaften Ausstellung, die seit 2021 in unserem X-D-E-P-O-T zu sehen ist, wo wir eine Ikea-Wippe neben einem seltenen Lattenstuhl von Gerrit Rietveld zeigen. Ein Klo von Luigi Colani steht dort genauso wie ein therapeutisches Spielzeug aus der DDR. Oder Flechtwerk-Möbel, ein Handwerk, das ausstirbt und nur noch von einer Hochschule in Deutschland unterrichtet wird.

Aber es gibt auch Ikonen, zum Beispiel den "Schneewittchensarg" von Dieter Rams, Hans Gugelot und Wilhelm Wagenfeld. Warum heißt der eigentlich so?

Man hat ihn so genannt, weil man sich über ihn lustig gemacht hat. Das war ja wirklich ein radikaler Entwurf und passte so gar nicht in das Wohnzimmer der damaligen Zeit. Eine minimalistische Musikanlage aus Holz, Metall und Acrylglas, das war 1958 extrem selten. Man wollte das Innere zeigen, das sonst immer verbannt war in den Schränken. 

Und daneben steht ein Brunnen.

Der ist von 1910 und ist 1981 angekauft worden. Denn da kam die Sekundärarchitektur in die Sammlung. Das ist ein Brunnen, wie er noch manchmal in München zu finden ist. Dort oben hängt ein Becher dran und unten eine kleine Schale für Hunde zum Trinken.

Hier eine HiFi-Anlage von Mario Bellini. Und ein Auto-Telefon!

Und daneben ein Entwurf von Philippe Starck für Alessi, denn der war derjenige, der den Star-Designer begründet hat. Vorher gab es die Schreibmaschine von Olivetti, von der wir heute wissen, dass sie von Ettore Sottsass gestaltet wurde, aber mit Philippe Starck veränderte sich die Rezeption von Designern. 

Was ist eigentlich mit der Rezeption von Designerinnen?

In den 90er-Jahren hat man gemerkt, dass die Designerinnen in der Aufmerksamkeit immer zu kurz gekommen sind. Damals realisierte man, dass viele Entwürfe von Le Corbusier eigentlich mit Charlotte Perriand entstanden sind. In der Kunst war es ähnlich, mit Christo und Jeanne-Claude, mit Claes Oldenburg und seiner Frau Coosje van Bruggen und im Design mit Charles und Ray Eames, das ging alles in den 90ern los. Wir zeigen hier stellvertretend dafür den S-Sessel von Eileen Gray. Ein Holzrahmen mit Aussparungen, um Gewicht zu minimieren, der so aber auch optisch eine Leichtigkeit bekommt, einen metallischen Charakter. Den kann man klappen. Ist das nicht toll? Der kommt aus ihrem Privathaus in Südfrankreich. Ich würde gern mehr von Designerinnen ankaufen, aber das ist leider eine Preisfrage, wir haben begrenzte Ressourcen. 

Bekommen Sie nicht auch Schenkungen?

Leider keine Entwürfe von Eileen Gray oder Charlotte Perriand. 

Was kostet sowas? 

Über 100.000 Euro, wir konnten den Sessel mit der Ernst von Siemens Stiftung erwerben.

Hier ist was Modernes, ein Dyson-Staubsauger. Es gibt aber auch einige Stühle in der Ausstellung – ganz klassisch.

Ja, zum Beispiel den Sinterchair, der ist ein Entwurf der Designer Oliver Vogt und Hermann Weizenegger aus dem Jahr 2002, der sieht so ein bisschen skelettartig aus und ist einer der allerersten 3D-gedruckten Stühle. Oder der Chair One von Konstantin Grcic. Das ist schon ein ikonischer Stuhl, mit seinem Betonsockel und dem Sitz, der im Spritzguss gefertigt wurde. Und durch diese Aussparung hat man eine Materialersparnis. Und da vorn ist ein Inuit-Stuhl aus Horn. Der nimmt die Moderne voraus, fanden wir. Die Statik, die Lederbänder und seine Puschelfüßchen sind auch toll, die erinnern doch an Meret Oppenheim. 

Was ist denn das Verkohlte da? 

Das ist ein Schrank aus der "Smoke"-Serie von Marten Baas, ein Ankauf von 2014. Er ist ein niederländischer Künstler, mit dem wir auch mal eine Ausstellung gemacht haben, der kommt aus der Kader-Schmiede der Designakademie Eindhoven, und das war seine Abschlussarbeit. Er hat dieses bunte Memphis Regal von Ettore Sottsass genommen und angezündet. Ich habe mich am Anfang ein bisschen schwergetan, aber das ist schon eine Radikalität. Und diesen Brandprozess im richtigen Moment zu stoppen, wenn es also schon verkohlt ist, aber noch nicht zusammenbricht, ist technisch anspruchsvoll. Man kann es benutzen, auch die Schubladen. Ich muss dabei auch immer an eine Künstlerin wie Maria Eichhorn denken. Ist dieses Möbelstück zerstört nun mehr wert als im Originalzustand, oder genauso viel? Damit spielt er natürlich.