9. Fototriennale in Hamburg

Liebe, scharf gestellt

Die neunte Ausgabe der Fototriennale in Hamburg fragt nach Allianzen, Liebe – und nach der Zukunft der Fotografie. Kurator Mark Sealy verbindet elf Institutionen zu einem stadtweiten Parcours, der Empathie als politische Kraft begreift

Ein engelsgleicher Jüngling mit dunklen Locken liegt mit entrücktem Blick auf dem Bett und blickt in die Ferne. Knapp 20 Jahre später schaut ein verhärmter Mann mit zerfurchtem Gesicht, grauem Bart und schwarzer Lederkappe deprimiert in die Kamera.

"Midnight" – die bewegende Serie, die die amerikanische Fotografin Arlene Gottfried in den Jahren 1984 bis 2002 von ihrem gleichnamigen Freund, einem New Yorker Performer und Nachtclub-Tänzer, schuf, gibt eines der frappierendsten Beispiele für das ab, was Mark Sealy, der künstlerische Leiter der Triennale, dieser Tage in Hamburg "Allianz" nennt. 1984 lud der junge Midnight, der mit 13 Jahren von zu Hause weggelaufen war, die Fotografin in einen Club an der Lower East Side zu seinen Auftritten ein. Sie wurden enge Freunde. Gottfried verfolgte den Lebensweg des kreativen, mehrfach inhaftierten Künstlers, der mit Schizophrenie kämpfte, bis zu seinem Tod 2002.

"Alliance. Infinity. Love" – das Leitmotiv, das der Londoner Kurator Sealy, seit 1991 Direktor von Autograph, für die neunte "Triennale der Photographie" in Hamburg gewählt hat, ruft eine, auf den ersten Blick zwiespältige Rhetorik auf. Seit ein paar Jahren werden Kunst und Kultur von Staats wegen als Kitt beschworen, der eine Gesellschaft zusammenhält, und als unentbehrliches Ferment der Gemeinschaftsbildung. Die Formel vom "gesellschaftlichen Zusammenhalt" hat es gar in den Titel des zuständigen Ressorts in der Berliner Landesregierung geschafft.

Blick aufs Positive

Ein Echo dieses Missverständnisses schwang auch in dem Lob der Fotografie als "Schule der Mitmenschlichkeit" mit, das Hamburgs SPD-Kultursenator Carsten Brosda zur Triennale-Eröffnung Anfang Juni intonierte. Kunst dagegen markiert Widerspruch und Eigensinn. Progressive Ästhetik versteht Kunst als Instrument der Konfliktverschärfung, sie will Widersprüche sichtbar machen.

Sealy, ausgewiesener Experte für alle Formen kultureller Gewalt, Autor des Standardwerks "Decolonizing the Camera. Photography in Racial Time" und zuletzt 2020 Kurator der "FotoFest Biennial" im texanischen Houston, ist ein Meister darin, den berühmten "Finger in die Wunde" zu legen. Bei seinem jüngsten Projekt in den Deichtorhallen hat er sich dennoch ganz auf das Positive verlegt.
 

"Alliance, Inifinty, Love – in the Face of the Other", 9. Triennale der Photographie Hamburg, Deichtorhallen, Ausstellungsansicht, Halle für aktuelle Kunst, 2026
Foto: Hennig Rogge

"Alliance, Inifinty, Love – in the Face of the Other", 9. Triennale der Photographie Hamburg, Deichtorhallen, Ausstellungsansicht, Halle für aktuelle Kunst, 2026


Nat King Coles berühmter Song "Nature Boy" mit dem unsterblichen Refrain "The greatest thing you'll ever learn is just to love and be loved in return" als Referenz zu zitieren, riecht nach Sentimentalität. Sealys außerordentliche, starke Schau löst aber Widersprüche weder in falscher Harmonie auf, noch will sie sie als Sozialtechnologie zur Bewältigung einer sozialen Polarisierung funktionalisieren, vor der die Politik kapituliert.

Seine Hommage an den 1989, auf dem Höhepunkt der Aids-Krise gestorbenen Künstler, Fotografen und Aktivisten Rotimi Fani-Kayode zu Beginn der Ausstellung, beschwört mit dessen surrealistischen Fotografien die mit dem Wort "Love" eher verharmloste Urgewalt aus Begehren und Ekstase, Schmerz und Entfremdung, die das grandiose Werk des Kindes yorubischer Migranten weltberühmt gemacht hat.

"Killed by Roses", die experimentelle Fotoserie Eikō Hosoes von 1961/62, mit der der progressive japanische Avantgardefotograf seinen Landsmann Yukio Mishima, den umstrittenen Starautor und homosexuellen Ultranationalisten in Szene setzt, der 1970 Seppuku – eine ritualisierte Art des Suizids – beging, zeigt dagegen, dass es auch etwas wie eine "Alliance" der Gegensätze, eine Koexistenz der Differenz geben kann.

Zehn Variationen

Die Hamburger Triennale ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie man das ubiquitär gewordene Format organisieren kann. Die konzertierte Aktion von elf Hamburger Kunstinstitutionen fungiert nicht nur als "Trainingsmuskel der Kooperation" (Carsten Brosda). Um Sealys lange nachhallenden Kraftpol gruppieren sich zehn Ausstellungen, die dessen zentrale These mit wechselnder Intensität variieren. Mit der "Triennale expanded" setzen sich diese Impulse bis in die letzten Verästelungen der Hamburger Artspaces fort.

Die Arbeiten der feministischen Fotografin und Aktivistin Franki Raffles im Museum der Arbeit rücken die traditionelle Dokumentarfotografie ins Blickfeld. Der Schau "Bilderechos aus Peru" im Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt (Markk) geht es um eine paradigmatische Ambivalenz. Den Hamburger Ingenieur, Fotografen und Amateurforscher Hans Heinrich Brüning (1848–1928) trieb, wenn man so will, "Love", als er in der peruanischen Region Lambayeque 50 Jahre lang die Kultur der Einheimischen für die Nachwelt dokumentierte. Das Zentimeter-Raster am Rande des Porträtfotos der Indigenen Mercedes Niquen von 1907 verrät aber das Dispositiv aus Macht und Rassismus, das Brünings Arbeit eben auch zugrunde lag.

Trotz dieser unendlichen, über die ganze Stadt verteilten Facetten von "Love und Care" verliert die Triennale nicht die Frage nach der Zukunft der Fotografie in einem Zeitalter aus den Augen, in dem sie zur belanglosen Massengewohnheit wird und sich ins Digitale auflöst.

Wenn Melike Kara im Kunsthaus Hamburg Fotografien aus ihrem Archiv zu Asche verwandelt und diese in mit Wasser gefüllte Stahlbassins legt; wenn Akosua Viktoria Adu-Sanyah im Phoxxi, dem temporären Haus der Photographie, ihre großformatigen Farbfotos in einer selbstgebauten Dunkelkammer in der Größe ihres eigenen Körpers mit der Hand entwickelt, rufen zwei jüngere Künstlerinnen die Materialität der Fotografie auf.

Energie aus dem Lokalen

Zweiter Kraftpol der Triennale ist der Hamburger Lokalmatador F. C. Gundlach. Der 2021 verstorbene Modefotograf wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Die Schau "You’ll never watch alone" im Bucerius Kunst Forum, die Franziska Mecklenburg, Sophie-Charlotte Opitz und Sebastian Lux zusammengestellt haben, und die Auswahl erotischer Fotografien aus der 15 000 Werke umfassenden Sammlung des zeitlebens ungeouteten Homosexuellen, die Sabine Schnakenberg vom Haus der Photographie zur Schau "Cocktail Prolongé" zusammengestellt hat, zeigen zwei Seiten derselben Gundlach-Medaille: Hier die Arbeit im Fadenkreuz von Kunst, Kommerz und kultureller Norm, da die Empathie mit den nonkonformen "Leidenschaften eines Anderen" (Gundlach). Wenn es einen Künstler gibt, auf den Georges Batailles Satz von der "Verschwendung, die wahren Reichtum erst ermöglicht" zutrifft, dann auf diesen Ausnahmefotografen.
 

F.C. Gundlach "Uschi Obermaier", 1970
Foto: © F.C. Gundlach, Courtesy Stiftung F.C. Gundlach

F.C. Gundlach "Uschi Obermaier", 1970


Der visuelle Überzeugungstäter markiert einen Enthusiasmus für die Fotografie, der in der Fotoszene Hamburgs und darüber hinaus noch immer ein immenses Echo findet. Dieser Enthusiasmus ist der energetische Untergrund, aus dem nach den durchwachsenen Triennale-Ausgaben "Breaking Point" 2018 und "Currency" 2022 in diesem Jahr eine politisch wie ästhetisch relevante, wunderbar diverse und zeitgenössische Triennale wuchs. Im Zentrum: ein – in Theorie und Praxis – souveräner Kurator mit Documenta-Format.

Dieses fotografische Kraftfeld an der Alster hätte auch Hamburg zum Standort des Deutschen Fotoinstituts prädestiniert, das nach dem Willen der Bundesregierung in Düsseldorf entstehen soll. Die hanseatische Triennale beweist, dass das Netzwerkformat das fotografische Erbe womöglich besser an ein Massenpublikum vermitteln kann, als ein millionenschweres Zentralinstitut in einem repräsentativen Bunker.

Wem in Hamburg vor so viel Liebe und Empathie schwindelig wird, flüchtet einfach in die Schau "Inner Mornings, or Forms of Counterculture" in der Sammlung Falckenberg. Kuratorin Émilie Houssa hat rund 80 Werke aus den Sammlungen des Frac des Pays de la Loire, des Musée d’arts de Nantes, aus Hamburgs Partnerstadt, und der Sammlung des 2023 gestorbenen Unternehmers und Juristen Harald Falckenberg zu einem großartigen Parcours zusammengestellt, der wie ein begehbares Lexikon der Fotografie als Medium kultureller Gegenbewegung und des Protests funktioniert. Für diesen Hybrid aus Empathie und Kritik hat der ungarische Künstler Endre Tót mit seinem Bild der erstmals 1979 im damaligen West-Berlin durchgeführten "Gladness"-Demonstration einen schönen Titel gefunden: "On est heureux quand on manifeste".