"Ein ewiges Rätsel will ich bleiben mir und anderen", schrieb Ludwig II. von Bayern 1876 in einem Brief an eine befreundete Schauspielerin. Ob er geahnt hat, wie weite Kreise dieses Rätsel einst ziehen wird? Heute ist der bayerische Märchenkönig ein weltweiter Mythos. In seinem Schloss Neuschwanstein, das gerade zum Unesco-Welterbe ernannt wurde, spricht man nicht nur Bayerisch, sondern auch Englisch, Chinesisch und Japanisch.
Der tragische König der Bayern ist Teil der globalisierten Popkultur geworden. Ludwig II., der Opernfan und Wagner-Mäzen, inszenierte sein Leben als prunkvolle Theateraufführung. Sein Schloss Neuschwanstein wurde von Anfang an als Kulisse konzipiert, nach dem Vorbild eines mittelalterlichen Schlosses, aber voll elektrifiziert. Und bei seinen nächtlichen Ausflügen in die Venusgrotte schwitzten zahlreiche Techniker für die Lichteffekte, die die künstliche Tropfsteinhöhle erleuchteten.
Deshalb gibt König Ludwig die perfekte Vorlage ab für die Inszenierungskünstler von heute - wie Ming Wong, geboren in Singapur, und Orawan Arunrak, geboren in Thailand, die sich in Berlin trafen und gemeinsam in ihrem Kunstprojekt für Monopol den Märchenkönig auf eine imaginäre Weltreise geschickt haben.
"Seine Ästhetik des Exzesses hat mich schon sehr angezogen"
Das Crossover der Kulturen ist eines der großen Themen in der Kunst von Ming Wong, der von Singapur über London vor Jahren nach Berlin kam und in aller Welt ausstellt. Eines seiner frühen Videos, entstanden in seiner Zeit als Stipendiat am Künstlerhaus Bethanien, heißt "Lerne Deutsch mit Petra von Kant". Mit einer blonden Perücke angetan, spielt Ming Wong Szenen aus Rainer Werner Fassbinders Film "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" nach, mit viel Akzent und Dramatik. Später reinszenierte er Klassiker des US-amerikanischen film noir oder des malaysisch geprägten Kinos seiner Heimat, spielte dabei alle Männer- wie Frauenrollen und balancierte elegant zwischen Camp und filmhistorischer Hommage.
Auch als türkische Transgender-Diva Bülent Ersoy trat er schon auf, in asiatisch-orientalischer Geschlechterverwirrung. König Ludwig II., der Vorläufer jeglicher Camp-Ästhetik, passt so gut in die Reihe von Ming Wongs Anverwandlungen, dass es ihm zunächst fast zu viel erschien: "Ich hatte Angst, mich zu sehr im Kitsch zu suhlen. Aber seine Ästhetik des Exzesses hat mich schon sehr angezogen", sagt er. Seine Lösung war der Umweg über die asiatische Perspektive.
"Die Figur des romantischen europäischen Königs spielt beispielsweise im japanischen Manga eine große Rolle, oder in der Ästhetik der kultigen japanischen Theatergruppe Takarazuka." In der in Japan extrem erfolgreichen Takarazuka-Gruppe spielen Frauen alle Rollen, häufig in Fantasieuniformen, die der europäischen Geschichte nachempfunden sind. In seiner Inszenierung für Monopol spielt Ming Wong also nicht König Ludwig II. direkt, sondern er spielt nach, wie japanische Schauspielerinnen König Ludwig nachspielen - das geschlechterübergreifende Spiel mit dem Zitat wird auf die Spitze getrieben.
Märchen zwischen Bangkok und Bayern
Während Ming Wong über die asiatischen Ludwig-Fantasien recherchierte, traf er Orawan Arunrak aus Bangkok, die ihrerseits gerade einen Stipendiums-Aufenthalt im Künstlerhaus Bethanien absolvierte. "Sie erzählte mir, wie sie sich kürzlich ihren Kindheitstraum verwirklicht und das Schloss Neuschwanstein besucht hatte - das berühmte Märchenschloss, das Walt Disney in seine Welt aufnahm."
Arunrak zeigte Ming Wong die Fotos aus Neuschwanstein, die der Fotograf Wolfgang Bellwinkel gemacht hatte - und die Kooperation war geboren. "Ich konnte meinen Traum verwirklichen und einen europäischen Fantasieprinzen porträtieren, der nach Ludwig II. geformt wurde. Ich durfte den Prinz Charming in Orawans eigenem Traum spielen", berichtet Ming Wong.
Die 1985 in Bangkok geborene Orawan Arunrak hat ebendort Druckgrafik studiert und seitdem ihre künstlerische Praxis immer mehr mit lokaler Recherchearbeit verknüpft: Egal ob in Sri Lanka oder bei ihrem Aufenthalt in Berlin, Basis ihrer Kunst sind immer Interviews und Kollaborationen mit den Menschen dort. Daraus entstehen Filme, Zeichnungen oder Installationen. Das Schloss Neuschwanstein ist für sie eine Kindheitserinnerung - als Kopie: "Ich bin mit meinen Eltern früher oft in einen Vergnügungspark in Bangkok gegangen, den man 'Magic Land' nannte. Gleich am Eingang war ein Schloss. Nicht ganz so groß wie das Original in Bayern, aber riesig aus der Perspektive eines Kindes."
Erinnerungsschatz der Familie
Familienfotos wurden geschossen, das Märchenschloss wurde Teil des Erinnerungsschatzes der Familie. Und als Arunrak im Sommer 2017 das echte Neuschwanstein besuchte, kaufte sie eine Schneekugel, um sie ihren Eltern mitzubringen - die später ein Kind zerbrach. "Seitdem habe ich das Gefühl, dass der Geist von König Ludwig II. um mich herumfliegt und mit mir nach Asien zurückkehrt", sagt Arunrak.
Hin und her transportierte die Künstlerin die verschiedenen Schlossmodelle. Im Haus ihrer Eltern in Bangkok ließ sie ein Modell von Neuschwanstein auf ein Bild des ebenso prächtigen Palasts Phra Nakhon Khiri treffen, den der thailändische König Mongkut 1860 bauen ließ - offenbar Ludwigs Bruder im Geiste.
Und für ihr Projekt für Monopol kehrte sie auch noch einmal zurück zu dem falschen Neuschwanstein in Bangkok. Träume gibt es überall, so das Ergebnis dieser internationalen Recherche - und je schöner sie aussehen, desto wahrscheinlicher sind sie Illusion. Doch wie sagte König Ludwig II. so treffend? "Es ist notwendig, sich Paradiese zu schaffen, poetische Zufluchtsorte, wo man auf einige Zeit die schauderhafte Zeit, in der wir leben, vergessen kann."
Dieses Projekt ist zuerst 2018 im Bayern-Sonderheft von Monopol erschienen.
Fotos: Wolfgang Bellwinkel
Konzept: Ming Wong und Orawan Arunrak