Die Schlösser von Ludwig II.

Weltflucht als Welterbe

Immer schon Projektionsfläche großer Sehnsüchte, jetzt auch noch Unesco-Welterbe: Der Künstler Claus Richter hat die Schlösser Ludwigs II. besucht. Was sie über einen König erzählen, der der Wirklichkeit oft entkam

Nun ist es also soweit, nach langem Vorlauf sind die Schlösser von Ludwig II. ins Unesco-Welterbe aufgenommen. Letzte Woche habe ich zum ersten Mal Neuschwanstein besucht und vorher viele, viele Bücher und Biografien über den vermeintlichen "Märchenkönig" gelesen. Ludwig II. ist eine faszinierende Figur, aber eigentlich so ganz und gar nicht der märchenhafte König, der huldvoll in einem romantischen Zauberschloss flaniert, denn alle von ihm erbauten Schlösser und follies sind ein trotziges und verzweifeltes Aufbäumen gegen die Realität. 

Ganz anders als Hohenschwangau, das "Sommerschloss" der Familie, welches im Auftrag von Ludwigs Vater Maximilian im Jahr 1837 zu einem geradezu zaubergleichen neogotischen Elysium umgebaut wurde. Das habe ich zuerst besucht. Hier wandelt man durch die terrassenförmig angelegten Gärten, schaut aus den luftigen Fenstern in die malerische Landschaft, und es ergreift einen irgendwann wirklich eine sanfte weltenthobene Ruhe und das Gefühl, hier sei nun wirklich alles gut, mild, geborgen und sicher. 

Tatsächlich irgendwie märchenhaft. Schon Ludwigs Vater Maximilian ließ diesen idealisierten Neubau von einem Theatermaler (Domenico Quaglio) entwerfen, ganz so wie später sein berühmter Sohn, und berief Moritz von Schwind und Ludwig Lindenschmit dazu, die Innenräume mit Sagenmotiven der Nibelungen auszumalen. Lohengrin und Edda tummeln sich wie in riesigen Szenenbildern auf allen Innenwänden des Schlosses. Irgendwie klar, dass Ludwig, der als Kind viel Zeit dort verbrachte, schon früh intensiv geprägt wurde von den ihn ständig umgebenden Erzählungen fantastischer und lang vergangener Heldenepen. 

Ludwigs Sehnsüchte

Besonders deutlich wird Ludwigs Sehnsucht nach dem Eintauchen in diese Welten beim sogenannten Tassozimmer in Hohenschwangau. Das Schlafzimmer, in Maximilians Auftrag mit Motiven aus einem berühmten Epos von Torquato Tasso ausgemalt, ließ Ludwig, nachdem er den Raum nach dem Tod seines Vaters als Schlafgemach übernahm, zu einer immersiven Traumkulisse erweitern. Die Sterne, die gemalt die Decke schmückten, wurden durch Bohrungen in den darüberliegenden Raum nachts von dort aufgestellten Lichtquellen beleuchtet, Orangenbäume flankierten das Bett, und ein plätschernder Zimmerbrunnen imitierte einen sanften Quell. Sogar ein künstlicher Mond leuchtete dem jungen Ludwig zur Nacht. 

Die Malerei wurde so erweitert, aus der Zweidimensionalität befreit und übertrat nun scheinbar die Grenze von Abbildung und Realität. Da war Ludwig fast noch ein Kind. Ein Kind mit Sehnsucht nach einer anderen Welt. Nach dem Leben in der Welt der Sagen, die er als Kind ständig um sich hatte. Die Malereien auf den Wänden waren zu Sehnsuchtsorten des jungen Ludwigs geworden. Dort gehörte er hin, aber nur wie?

Eine Tür in diese Welten fand er früh in den Werken Richard Wagners. Ein bisschen stelle ich es mir so vor wie ein verlorenes Kind, das sich in Comics, Filme und Spielwelten flüchtet, und so die harte Realität ausblendet. Nur dass Ludwig eben ein sehr reiches und – trotz Machtverlust der Monarchie – durchaus einflussreiches (verlorenes) Kind war. Und so wurde er zugleich fanboy, Retter und Förderer von Wagner, der ihm neue Fluchtwelten komponieren und erdichten sollte. 

Geradezu obsessiv lesen sich die Briefwechsel zwischen Komponist und König, und Wagner lässt sich nur zu gerne fördern, bauchpinselt Ludwig, überhöht ihn und wettert gegen alles und jeden außerhalb ihrer selbsternannten "Elite". Und die Außenwelt beginnt den Kopf zu schütteln.  Nun eben auch noch die Bauten. 

Immersive Kulissen, elaborierte Fluchtwelten

Schlösser wurden damals durchaus oft wiederaufgebaut oder sogar neu entworfen. Es war die Zeit dafür. Also war Ludwig damit nicht alleine. Aber er saß alleine in seiner Zauberwelt. Und es reichte einfach nicht. Es musste vielleicht einfach noch mehr gebaut werden. Vielleicht war das die Erlösung. Immersive Kulissen, elaborierte Fluchtwelten, da war Ludwig der absolute Experte. So nimmt sein ab 1869 erbauter Wintergarten auf der Residenz in München die künstlichen Paradieswelten der heutigen "Center Parks" vorweg. Wintergärten gab es schon vorher, auch große Wintergärten, aber Ludwigs Wintergarten war mehr als Pflanzen unter Glas, er war eine fantastische und bespielbare Illusion. 

Komplett mit künstlichem See, künstlichem Mond, orientalischen Zelten, einem künstlichen Wasserfall und natürlich einem kleinen Boot. Theatermalereien setzten die exotische Pflanzenwelt ins Unendliche fort, und selbstverständlich war das Ganze ein absolut privater Rückzugsort für Ludwig. Besucher eher unerwünscht. Ein bisschen wie das "Hameau de la Reine", das künstliche und ebenfalls von der Außenwelt abgeschottete idyllische Dorf, das Marie Antoinette neben Versailles erbauen ließ, um dort ungestört vom höfischen Sozial-Horror bukolische Momente zu inszenieren und zu durchleben. 

Neue Rückzugsorte folgten. Schloss Linderhof und das exorbitant teure Schloss Herrenchiemsee, die als Gebäude die absolutistische Pracht des von Ludwig verehrten Sonnenkönigs Louis XIV. teilweise bis ins winzigste Detail kopierten. Der König suchte seine Rolle als König. In den teuersten Kulissen und prächtigsten Roben – aber nur für sich. Ein bisschen wie sein Bruder Otto, der nach Ausbruch seiner schweren paranoiden Psychose den Rest seines Lebens im eigens dafür umgebauten Schloss Fürstenried bei München verbrachte und auch in einer sehr eigenen Königssohn-Welt lebte. Ich möchte hier Wikipedia zitieren, denn es ist zu anrührend: "Seine Lieblingsbeschäftigung war es, in der Parkanlage nach Erdbeeren zu suchen und sich mit Vögeln zu unterhalten. Manchmal blickte er von einem Hügel über die Mauer gen München und richtete ungehörte Ansprachen an sein Volk." Seufz.

Das Disney-Schloss

Und nun zurück zu meinem Besuch im Allgäu. Nach der Besichtigung von Hohenschwangau führte der Weg natürlich zum Schloss Neuschwanstein. Das Disney-Schloss, das Märchenschloss, das Traumschloss. Wir alle wissen von den Touristenmassen, von der straffen Organisation der Schlosstouren, von der Feuchtigkeit der ausgeatmeten Luft der bis zu 10.000 täglichen Besucherinnen und Besucher, die die Möbel und Textilien angreift – all der Wahnsinn. 

Von unten sieht es erstmal ganz klein aus, man kennt ja nur die Fotos, wie es so oft ist. Bringt einen dann aber die Kutsche nach oben und steigt man aus, so klafft Neuschwanstein wie ein gigantisches Raumschiff vor einem empor. Die hohen Wände, durchzogen von kleinen Fensteröffnungen sind im unteren Teil geschlossen wie ein Fels, nichts kommt hier hinein, was nicht hinein darf. 

Hetzt man durch die prunkvollen Innenräume, weiß man, dass der große Rest des Schlosses bis auf diese hochtheatralen Räume leer ist. Eine gigantische Kulisse, in der eine Kulisse steht. Sich vorzustellen, wie der inzwischen völlig von der Welt zurückgezogene und von Zahnfäule und Verfolgungsangst gequälte Ludwig hier nachts einsam, sogar das Personal von sich fernhaltend, fiebrig um die Realisierung des nächsten Bauprojekts kämpfte, das noch dramatischer, noch einsamer und noch isolierter werden sollte, ist irgendwie gar nicht märchenhaft, sondern ein Bild der uns leider so typischen menschlichen Getriebenheit, ins unermesslich Schmerzhafte gesteigert. 

Und das macht es zugleich so wichtig und ergreifend. Ludwig ist vielleicht heute so aktuell wie nie, zeigt er uns doch, wie schwer es Menschen fällt, idealisierte Selbstbilder, quälenden Ehrgeiz, überhöhte Ansprüche und die verzweifelte Jagd nach dem "endlich Ankommen" loszulassen. 

Auf der Suche nach Erfüllung

Um Schloss Neuschwanstein herum liegt die wundervollste Natur. Die Insekten summen, die Heuschrecken zirpen, Eidechsen sonnen sich auf den Steinen am See, die Luft ist mild und sanft, die Berge werden von vorbeiziehenden Wolken in Licht und Schatten getaucht. Setzt man sich dort auf eine Bank, könnte man für immer versinken und verwachsen mit dieser Welt. Auch Ludwig liebte diese Umgebung als Kind, er liebte die Natur, ließ sie später dann Nachbauen und zur Selbstberuhigung möglichst glaubwürdig re-inszenieren. Grotten, Mond, Wälder – und doch kehrte keine Ruhe mehr ein. Leider. 

Ludwig wollte – ganz narzisstisch und egomanisch wie er als trauriges reiches Kind wohl eben war –, dass alle seine Bauten nach seinem Tod gesprengt werden. Nix da. Nun rennen wir durch sie hindurch, um sie herum, und saugen die Erzählung auf, die er sich in seiner Verzweiflung immer lauter selbst erzählt hat. Auch auf Kosten vieler anderer Menschen, manisch, starrköpfig und vielleicht ein bisschen verrückt. 

Und doch ist es trotz all des Leids so wundervoll, dass hier Fantasien aus der Welt der Bühne, des Buches und der Musik heraustreten durften, Stein werden durften, eine Art One-person-Themenpark voller brennender Sehnsucht und magischem Denken. Ludwig nutze Kunst als verzweifelte Suche nach Erfüllung. Und wollte, dass Fantasie zur Realität wird. Das ist so eine grundmenschliche Sehnsucht, dass es wohl alle irgendwie verstehen. 

Und drumherum sonnen sich die Eidechsen und rauschen die Wälder. Seufz.