Bewährungsprobe für Chris Dercon

Neustart an der Volksbühne

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Tanz auf Tempelhof. Mit einem zehnstündigen Openair-Spektakel startet der umstrittene neue Intendant der Berliner Volksbühne in seine erste Saison. Es ist die Feuertaufe für Chris Dercon

Es wird noch immer geschimpft, beleidigt, getrauert und gejammert. Chris Dercon, dem Neuen an der Volksbühne, wird der Start in Berlin so schwer gemacht wie wohl noch keinem Theaterintendanten vor ihm. Auch nach einem Vierteljahrhundert mit Frank Castorf (66) als Volksbühnen-Chef wollen dessen Fans nicht von ihm lassen. Mehr als 40 000 Menschen haben inzwischen eine Petition für den Erhalt der Volksbühne als Repertoire- und Ensembletheater unterschrieben. "Wir lassen uns nicht irritieren", kontert Dercon.

Jetzt hat der als Eventmanager geschmähte Belgier Dercon (59) die Chance, seine Kritiker mit Taten statt Worten zu überzeugen. Am Sonntag (10.9.) startet die erste Volksbühnen-Saison unter Dercons Intendanz - und der smarte Kulturmanager ist froh, dass es nun endlich losgeht, dass er zeigen kann, wie die neue Volksbühne aussehen wird, und nicht mehr die Frage beantworten muss, wie es ihm angesichts der massiven Anfeindungen denn so geht. Ein Ensemble wolle er nach und nach aufbauen, betonte er mehrfach. Und auch die Eigen- und Koproduktionen sollen im Repertoire wieder auftauchen.

Zum Auftakt ist frei nach dem Motto "Verrückt nach Tanz - Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof" gleich das Publikum selbst gefragt. Bei dem zehnstündigen Tanzspektakel "Fous de danse" des französischen Choreographen Boris Charmatz werden die Zuschauer zu Akteuren. Von 12.00 Uhr mittags bis um 22.00 Uhr abends wird bei freiem Eintritt auf dem Flugvorfeld des stillgelegten Flughafens Berlin-Tempelhof getanzt. Per Youtube-Videos hat Charmatz in den vergangenen Wochen schon einmal zum Üben der Bewegungsabläufe mit so lustigen Namen wie "Krokodil", "T-Shirt" und "Helikopter" animiert.

Zu den rund 200 Künstlern des Nonstop-Programms gehören neben Charmatz Tänzer wie Frank Willens, Anne Teresa De Keersmaeker und Brit Rodemund. Es gibt türkische Tänze, Break Dance, Hip-Hop und Ballett in Turnschuhen. Auch eine Soul Train Line soll es geben, bei der jeder einzelne mutige Freestyler mal im Mittelpunkt steht. Das Ganze ist allerdings keine ganz neue Idee. "Fous de danse"-Tage veranstaltete Charmatz bereits in Rennes und Brest.

"Die Choreografien sind von einem so starken Wunsch nach Austausch mit dem Publikum geprägt, dass es nahezu unmöglich ist, sich dem zu entziehen", sagt Dercon. In Charmatz' Choreografien gehe es um Zusammengehörigkeit. "Ich hoffe, dass seine Arbeit auch zu einer konstruktiven Debatte um die zukünftige Bedeutung der Volksbühne beiträgt: Wer ist 'das Volk', für das sie eine Bühne sein soll?", so der Intendant.

Auch die nächsten beiden Volksbühnen-Premieren bestreitet Charmatz. Am 14. September hat "A Dancer's Day" im Hangar 5 auf Tempelhof Premiere - mit sechseinhalb Stunden ebenfalls episch. Erstmals in Deutschland tanzen Charmatz und sein Ensemble vom Musée de la danse am 21. September die Openair-Performance "Danse de nuit".

Erst am 30. September hebt sich im Hangar 5 in Tempelhof dann der Vorhang für die erste Sprechtheater-Premiere: Die Syrer Mohammad al Attar und Omar Abusaada inszenieren "Iphigenie" nach Euripides mit Flüchtlingsfrauen. Gespielt wird auf Arabisch mit deutschen und englischen Übertiteln. Eingeladen sind - ebenso wie zu "Fous de danse" - auch die etwa 200 Geflüchteten, die noch auf dem Gelände in Tempelhof leben.

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