Das New Museum gehört zu den wichtigsten Häusern in New York, wenn es um Trends und Innovationen in der Gegenwartskunst geht. Vor allem mit themenzentrierten Gruppenausstellungen hat es sich auch international einen Namen gemacht. Wegen seiner milchigen Außenfassade wird das schmale, hohe Gebäude mehr oder weniger liebevoll "der Milchkarton" genannt.
Zwei Jahre lang war das Museum geschlossen. Direkt neben dem Hauptgebäude entstand ein Erweiterungsbau nach Plänen von OMA / Shohei Shigematsu und Rem Koolhaas, der mit dem 2007 eröffneten SANAA-Bau verbunden wurde. Dadurch verfügt das New Museum nun über insgesamt rund 11 000 Quadratmeter Fläche.
Die Wiedereröffnung markiert eine Ausstellung, die programmatisch kaum besser passen könnte. "New Humans: Memories of the Future" versammelt Arbeiten von mehr als 200 Künstlerinnen und Künstlern und fragt danach, wie technologische und gesellschaftliche Umbrüche die Vorstellung vom Menschen verändern.
Kalkulierte Überfülle
Man möchte meinen, dass mehr Quadratmeter auch mehr Raum bedeuten. Tatsächlich aber bringt die Ausstellung mit ihren Hunderten Arbeiten und Installationen die schönen neuen Räume des New Museum fast zum Platzen. Und das ist durchaus beabsichtigt. Kurator Massimiliano Gioni versteht das Museum hier weniger als Ort der Kontemplation denn als dynamisches Forschungslabor – eher wie einen Bildschirm, auf dem zahllose Tabs gleichzeitig geöffnet sind. Die Erweiterung erscheint in dieser Lesart als Vertrauensbeweis in die Zukunft; die Ausstellung selbst untersucht, wie Menschen sich aufgrund neuer Technologien und Ideen immer wieder neu erfinden müssen.
Hito Steyerl "Mechanical Kurds", 2025
"New Humans" stellt die Atmosphäre und Umbrüche der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts und der Nachkriegszeit heutigen Entwicklungen gegenüber. Damals tauchte erstmals der Begriff "Roboter" auf. Automatisierte Fabrikarbeit und die Anfänge mechanisierter Kriegsführung veränderten das Menschenbild, und neue Medien führten zu einem völlig neuen Konsumverhalten. Die Erfahrung eines Weltkriegs stand der vagen Hoffnung entgegen, Erfindungen könnten die Menschheit retten. Gioni zieht von dort eine direkte Linie in die Gegenwart.
Auch die enorme Nachfrage nach Prothesen infolge der Verwundungen des Ersten Weltkriegs führte zu einer neuen Beschäftigung mit dem menschlichen Körper. Hier beginnt die Geschichte des Cyborgs, also die Idee eines kybernetischen Organismus.
Mensch oder Maschine?
In dem Kurzfilm "Da Vinci" des italienischen Filmemachers Yuri Ancarani von 2012 verfolgt man einen chirurgischen Eingriff mit einem gleichnamigen Operationsroboter. Der Chirurg, von Kopf bis Fuß in Schutzkleidung, bedient die Greifarme der Maschine: Mensch und Maschine verschmelzen. Nur die Schweißperlen am Halsansatz verraten, dass hier ein Mensch beteiligt ist.
Viele zeitgenössische Positionen in der Ausstellung setzen sich mit den Folgen von Krieg und Ausbeutung auseinander. So auch Hito Steyerl in ihrem für die Ausstellung realisierten Film "The Mechanical Kurds". Aus verschiedenen Perspektiven folgt er Menschen in einem kurdischen Flüchtlingslager im Irak, die für einen Hungerlohn Bildmaterial annotieren und Datensätze aufbereiten, damit militärische Drohnensysteme und KI-Anwendungen trainiert werden können: die unsichtbare menschliche Arbeit hinter den mächtigen KIs.
Darin liegt eine der Stärken der Ausstellung: Sie interessiert sich weniger für neue Technologien als für die Mythen, die sich an sie heften. Der Glaube, neue Technologien würden auch einen "neuen Menschen" hervorbringen, erscheint hier nicht als harmlose Zukunftsfantasie, sondern als historisch belastete Idee. Gioni verbindet sie ausdrücklich mit biopolitischen Fantasien, Auslese und autoritären Ordnungen.
"New Humans: Memories of the Future", Ausstellungsansicht, New Museum, New York 2026
Besonders interessant ist ein Ausstellungsraum, der Visionen der "neuen Stadt" versammelt. An einer Wand hängen 154 Originalzeichnungen aus Hariton Pushwagners legendärer Graphic Novel "Soft City", die von urbaner Entfremdung durch die Augen eines Babys erzählt.
Daneben steht "Re-ruined Hiroshima" des japanischen Architekten Arata Isozaki von 1968: die Silhouette des zerstörten Hiroshima, überlagert von monumentalen, fremdartigen Megastrukturen. Die Arbeit wirkt heute wie eine Warnung davor, dass technologische Zukunftsfantasien jederzeit in Vernichtungsphantasien umschlagen können. Gerade vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Kriegsrhetorik gewinnt diese Bildwelt eine beklemmende Aktualität.
Golf-Futurismus
Ein weiterer Abschnitt widmet sich dem "Gulf Futurism", einem Begriff, den Sophia Al-Maria gemeinsam mit Fatima Al Qadiri geprägt hat. Al-Marias Film "The Future Was Desert" zeigt, wie die Leere der Wüste die fantastische Vision der "neuen Stadt" inspiriert hat – problematisch ist dabei allerdings, dass die Arbeit das Kafala-System in vielen Golfstaaten ausblendet, das Gastarbeitende in Abhängigkeit und Ausbeutung zwingt.
Einer der Höhepunkte der Ausstellung ist die Halle der Roboter. Hier fordert eine KI-Puppe in einer Videoinstallation der Amerikanerin Stephanie Dinkins gesetzlichen Minderheitenschutz, Franz Tschackerts "Gläserner Mensch" von 1935 steht neben dem schneeweißen Torso eines Cyborg der südkoreanischen Künstlerin Lee Bul, und von der Decke hängt ein Pinocchio des Amerikaners Jordan Wolfson mit dem grinsenden Gesicht Alfred E. Neumans, dem Maskottchen der "Mad"-Comics. Ein lebensgroßes Originalmodell des Alien aus den gleichnamigen Filmen des Schweizer Designers H. R. Giger sitzt sphinxartig auf dem Boden und blickt den Betrachtenden direkt in die Augen.
Hat man sich erst einmal auf die Überfülle eingelassen, entfaltet "New Humans: Memories of the Future" eine beträchtliche Sogkraft. Die Ausstellung macht wiederkehrende Muster sichtbar und zeigt, wie eng technologische Euphorie, Macht, Gewalt und Zukunftsversprechen historisch miteinander verschränkt sind. Für das erweiterte New Museum ist das ein fulminanter Start.