Neu im Kino: "Eva Hesse"

Nicht Kunst. Nicht nichts.

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Ein Dokumentarfilm porträtiert einfühlsam die 1970 viel zu früh verstorbene Legende Eva Hesse. Heute gehört die Bildhauerin und Malerin zu den wenigen weiblichen Lieblingen des Kunstmarktes, für den man schon mal bis zu zehn Millionen US-Dollar rausrückt

Erst entkam die Tochter eines Anwalts und einer Künstlerin aus Hamburg in einem der letzten Kindertransporte dem Holocaust, dann stieg sie in New York zur Polyester-Queen auf – bis sie ein Hirntumor mit nur 34 Jahren aus dem Leben herausriss. Eva Hesse muss das Leben geliebt haben. Daran konnte die dramatische Flucht aus Deutschland nichts ändern, nicht der Selbstmord der bipolaren Mutter, die sich kurz nach dem Krieg von einem Hausdach in New York stürzte, nicht der Tod der Großeltern im KZ oder die Trennung von ihrem Mann und Bildhauer Tom Doyle, der sie notorisch betrog und heute nur wenigen ein Begriff ist.     

Unzählige Original-Fotos und Filmaufnahmen zeigen sie in diesem vor großartigen Momenten überquellenden Film lachend, mit strahlenden Augen. Aber auch nachdenklich, in sich versunken. Nach dem Kunststudium bei Josef Albers in Yale startete sie wie manisch durch. Ihr Malerei-Output war gewaltig. Keine neue Richtung entging ihr, selbst vor einem Arbeitsaufenthalt in Essen Kettwig auf Einladung eines reichen Textilfabrikanten schreckte die enge Freundin von Richard Serra, Sol LeWitt oder Carl Andre nicht zurück. Sie bereiste die wichtigsten europäischen Museen, suchte ihr altes Zuhause auf, in das man sie nicht rein ließ und begann aus Metallresten fragile Formen zu entwickeln. Die Bildhauerin war geboren, innovativ und unerschrocken anders.

Die Kamera gleitet in einem meditativen, wenn auch unchronologischen Fluss über die frühen Zeichnungen, Installationen und organischen Skulpturen aus flüchtigen, schwer zu konservierenden Materialien wie Polyester, Plastik, Glasfaser oder Bettlaken. Nicht zu vergessen jede Menge Schläuche, die niemand vor Hesse zu verwenden wagte. "Ich habe Schnüre einfach aufgehängt, ich habe ihnen freien Lauf gelassen. Nicht geplant, nicht geometrisch, nicht Kunst. Nicht nichts." Aus dem Off ertönen häufig selbstreflexive Zitate wie dieser.

Aber auch Weggefährten, Kuratoren, Sammler, Biographen oder Tate-Direktoren wie Nicolas Serota kommen zu Wort. Die einen schwärmen von der Erotik in ihrem Werk, die anderen schätzen den absurden Humor der wurstartigen Gebilde. Die ältere Schwester Helen erzählt von den Therapien, die Hesse absolvierte, um sich von den Dämonen ihrer Kindheit zu befreien. Die Künstlerin Nancy Holt beleuchtet die Diskriminierung von Frauen im männlich dominierten Kunstsystem und die solitäre Rolle der irgendwann mit Kurzhaarschnitt und schwarzer Kleidung gar nicht mehr so mädchenhaft auftretenden Künstlerin, die es schaffte beachtet, eine von den erfolgreichen Jungs zu werden, auch wenn sie die Zuweisungen einer typisch weiblichen Kunst in Rage versetzten.     

Privates aus Tagebuchaufzeichnungen kombiniert Regisseurin Marcie Begleiter mit Einblicken in eine sich häutende amerikanische Gesellschaft. Auch als Sittengemälde, das die Blütezeit von Pop Art, Minimalismus und Experimenten in Musik und Tanz mit reichlich Filmmaterial feiert, funktioniert dieses stilistisch uneitle Epochen-Mosaik erfreulich gut. Nur die Animationen von einzelnen Lebensepisoden wirken wie Fremdkörper. Aber ein eigenwilliger Fremdkörper war Eva Hesse schließlich in ihrer Zeit auch selbst.

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