Nik, wo erreiche ich dich gerade?
In Denpasar auf Bali, gestern war ich noch auf Java. Seit ich Künstler bin, beschäftige ich mich mit Lautsprechersystemen, mit mobilen Soundsystemen. Und auf Java, genauer gesagt in Ost-Java, erlebe ich derzeit, wie über die größten fahrbaren Systeme, die ich je gesehen habe, Musik gespielt wird. Dabei habe ich mich gefragt, ob die das aus Jamaika kennen und von der dortigen Dub- und Dancehall-Kultur. Tatsächlich aber interessiert die das hier gar nicht so sehr, es handelt sich eher um eine globale Evolution der Soundsysteme. Für die Ausstellung in Esch habe ich zwei Soundsystem-Skulpturen entworfen, die an das angelehnt sind, was ich hier gesehen habe, heute würde man sagen: Ich habe mir kulturell von ihnen angeeignet, was man sich hier zuvor multidirektional kulturell von uns angeeignet hatte. Aber eigentlich halte ich von diesem Begriff der "kulturellen Aneignung" nichts, da das Konzept der Aneignung hier der Sache immanent ist. Die Konstrukteure der Soundsysteme auf Java zerlegen chinesische Produkte und setzen sie neu zusammen, laden sich Baupläne aus dem Internet herunter und machen daraus Ihr eigenes Ding.
Der Begriff ist ja vor allem auch ein ideologischer Kampfbegriff.
Grundsätzlich ist er die Diskussion ja auch wert. Doch es kommen hier verschiedene Dinge zusammen: zum einen das bereits erwähnte Phänomen, dass Soundsysteme, wie wir sie aus der Karibik oder vom Notting Hill Carnival kennen, in Form und Bauweise ähnlich, auch in Ost-Java Bassmusik spielen, also aus der Karibik "angeeignet" wurden. Zum anderen gibt es die europäische Perspektive, die europäische Romantisierung der Südsee mit ihren Piratengeschichten, oder moderner: mit ihrem Massentourismus. Das ist natürlich alles völlig verzerrt. Die Aneignung findet hier also in zwei Richtungen statt – Globalisierung gleichsam über Social Media. Ich selbst habe die ersten Sound Horegs aus Java auf Facebook gesehen. Die Videos waren teilweise extrem bizarr: Da habe ich verschleierte Mädchen vor den mit Lautsprechern beladenen LKWs tanzen sehen, und die Musik war ein ausgesprochen cooler Mix aus Einflüssen aus der ganzen Welt.
Es war eben nicht gewachsene Folklore?
Nein. Durch die Popularität sozialer Medien gibt es hier alle möglichen Einflüsse gleichzeitig, aber gepaart mit einer lokalen Musikästhetik, die jedoch nicht unbedingt folkloristisch ist. Ich begann das Phänomen zu beobachten, und es wurde von Jahr zu Jahr immer extremer. 2019 gab es einen Höhepunkt, auf dem es sogar Kinderparaden gab, die die großen Paraden der Erwachsenen imitiert haben. Schließlich gab es Horeg-Paraden auch auf dem Wasser, also auf Kanälen, Flüssen und dem Meer. Das war einerseits skurril, aber auch sehr gefährlich, weil die Boote, auf denen die Sound Horegs montiert sind und die Leute tanzen, im Wasser bedrohlich hin und her schwanken. Ich habe mich gefragt, was da eigentlich abgeht, wie das alles zu einem solchen Hype werden konnte? Zugleich faszinierte mich diese neue Dimension von Hightech und völlig unreguliert auf dem Land stattfindender DIY-Eskalation. Im Berghain in Berlin habe ich 2019 Ican Haram von Gabber Modus Operandi kennengelernt – das ist ein indonesisches DJ- und Produzentenduo. Wir traten beide im Rahmen des CTM Festivals auf und stellten fest, dass wir Brüder im Geiste sind. Er klärte mich ein bisschen über Sound Horegs auf, und seitdem wollte ich nach Java.
Was hat er dir erzählt?
Seine Frau stammt aus Malang, und das ist zufällig das Zentrum dieses Soundsystem-Phänomens in Ost-Java. In Jakarta hingegen, das weit entfernt nordwestlich liegt, kennt man das nur vom Hörensagen und verachtet die Ruhestörer eher. Er erzählte mir, dass es diese Kultur der Sound Horegs vor allem zwischen Malang und Surabaya gibt. In Ost-Java wird außerdem eine andere Sprache gesprochen, Javanisch, nicht unbedingt Indonesisch. Für mich war es eine Offenbarung, dass es am anderen Ende der Welt einen so riesigen Hype mit Millionen von Fans geben kann, dieser aber im Kern doch lokal ist und sich offenbar durch die Sprachbarriere noch einmal vom Rest des Landes abtrennt.
Eigentlich würde man ja denken, die Musik überwindet alle Sprachen …
Ja, die Musik an sich verbindet schon, aber es ist in Indonesien nicht so einfach herauszufinden, wo was genau passiert, wenn man die lokale Sprache nicht spricht. Ich musste Hindernisse und Sprachbarrieren überwinden, um Informationen von Facebook-Gruppen zu übersetzen und herauszufinden, wo diese Veranstaltungen genau stattfinden. Ich wusste zunächst auch gar nicht, dass es mehr als 700 verschiedene Sprachen und Dialekte in Indonesien gibt. Die Leute, die die Sound Horegs betreiben, kommen eher vom Land, wo die Schule oft nur bis zum Ende der Primarstufe geht. Anschließend wird dann ganz selbstverständlich in lokal gesprochenem Javanisch kommuniziert.
Du bist also um die halbe Welt gereist, hast die Sprachprobleme überwunden, kommst ans Ziel. Inwiefern hast du dort den Klang – oder bruit – des 21. Jahrhunderts zu hören bekommen?
Da muss ich weiter ausholen. Ich konnte die ganze Ästhetik zunächst überhaupt nicht verstehen. Ich habe nicht begriffen, woher das kam, ich konnte nicht verstehen, wie diese Horegs ökonomisch funktionieren. In Indonesien und Java gibt es schließlich eine noch viel größere Schere zwischen Arm und Reich als in Europa, womit die Situation auf der Erde viel realistischer als bei uns repräsentiert ist. Auf Java kann es im Abstand von nur ein paar Kilometern eine urbane Enklave mit allem Luxus, Swimmingpools, Helikoptern und westlichen Preisen geben, aber eben auch Dörfer aus Wellblechhütten. Der Informationsstrom über Social Media ist in beiden Fällen jedoch ähnlich verfügbar. Über das Internet und Social Media gibt es also eine gleichmäßige Informationsversorgung trotz der riesigen Diskrepanz zwischen den lokalen Lebensverhältnissen. Und daraus entstehen neue Ästhetiken und Moden, auch in der Musikproduktion. Dieser Morph zwischen zwei unvereinbaren Welten ist natürlich hochinteressant. Es handelt sich um eine Ästhetik, in der der Mainstream unterschiedlicher Kulturen zusammenfließt und durch Social Media und KI als Beschleuniger zu einem hochverdichteten bizarren Neuen Sound verbunden wird. Die Übertreibungen in Kitsch und Dimension erinnern mich etwas an das Tomorrowland-Festival in Belgien, nur dass der gesamte Kontext viel komplexer ist und dass es am Ende gar nicht mehr wirklich um eine ästhetische Frage geht, sondern alles ein riesiges Kuddelmuddel aus Samples, Zitaten, Referenzen und Codes ist. Durch diese Verdichtung entsteht aber eine gewaltige Power, weil die ganze Chose ökonomisch tatsächlich funktioniert. Da fahren hochgetunte, brandneue LKWs mit gigantischen Konstruktionen aus LED-Panels und Veranstaltungsbeleuchtung, die auf Lautsprecherwänden montiert sind. Die Soundsysteme werden samt Crew von der Dorfgemeinschaft gemietet, genauso, wie traditionelle Feste einst finanziert wurden. Es gibt also massive Verschiebungen, die auf Java vorgelebt werden und die wir mit Sicherheit auch bald in Europa zu spüren bekommen werden. In diesem Sinne würde ich deine Frage, ob dies der Sound des 21. Jahrhunderts ist, ganz klar bejahen. Die Sound Horegs sind ein sehr zeitgemäßes Phänomen.
Du redest von einer Einebnung: Alles geschieht gleichzeitig, räumlich wie zeitlich, das High End, das Low End, der Reichtum, die Armut, der Sound, die Stille, der Westen, der Osten; alles ist gleichzeitig präsent, und das sogar ohne ein tieferes Bewusstsein dafür, woher das alles kommt. Die Ausstellung in Esch trägt den Titel "état bruit", es geht um eine Bestandsaufnahme des Grundrauschens der Welt. Du hast das Tomorrowland-Festival erwähnt, das ist ein Musik-Festival, irgendwo zwischen "Mad Max" und Jahrmarkt, jetzt aber in Ost-Java. Da fahren hochgetunte Trucks, die aussehen, als würden sie zur Love Parade aufbrechen, mit ihren überdimensionierten Soundsystemen an Moscheen vorbei in die ärmsten Dörfer hinein.
Diese LKWs, die nachts durch die Dörfer fahren, sind in der Tat rollende Lautsprecherberge. Sie sind über und über mit LED-Panels und Veranstaltungstechnik versehen und erzeugen ein unglaubliches Lichtspektakel zu dem Sound. Wüssten wir es nicht besser, man könnte sich so auch eine UFO-Landung vorstellen, die über Kilometer weit zu sehen und zu hören ist. Alle LKWs versuchen sich in Superlativen zu überbieten. Die Ästhetik erinnert daher an eine Mischung aus Jahrmarkt, E-Sport und Kart-Racing. Das sieht auch alles immer irgendwie ziemlich neu und teuer aus. Dabei ist es hier aber wahrscheinlich verhältnismäßig billig, die Trucks derart zu tunen. Ich habe einen Horeg-Betreiber getroffen, der zehn solcher LKWs am Laufen hat, die zum Teil von chinesischen Firmen gesponsert waren, weil das offenbar ein Riesenmarkt ist, über diese Horeg-Systeme ihre LKWs und ihre Lichttechnik zu verkaufen.
Also wir reden hier über eine Art Gesamtkunstwerk, das in der Ästhetik sowohl Car-Tuning als auch Lifestyle und Sound inkorporiert und somit ein hohes Identifikationspotenzial für eine bestimmte Schicht von Leuten hat.
Das wird wohl so sein. Faszinierend ist in diesem Zusammenhang auch der Soundcheck. Die Soundsysteme werden einen Tag vor einer Parade fertig aufgebaut, stehen dann mit ihren LKWs auf einem Platz oder entlang der Dorfstraße, und alle machen gemeinsam einen Soundcheck, der für sich bereits ein riesiges Spektakel ist. Zumindest ich empfinde es tatsächlich als Gesamtkunstwerk, denn es ist wie eine gigantische brutalistische Rig-Porn-Bühne ohne Zentrum. Es wird ein temporäres Environment geschaffen, in welchem die Gerätschaften alles in Schwingung versetzen. Es ist ein riesiges Hybrid. Es ist Kirmes, aber auch ein Clash der Soundsysteme, es ist zugleich Dorfdisco, Riesenkonzert, Rammstein, Scooter, Jahrmarkt und Rave.
In Rio de Janeiro findet eine Woche vor dem eigentlichen Karneval die große öffentliche Probe im Sambódromo statt. Da fahren die Sambaschulen mit den noch ungeschmückten Soundsystemen ein, und es wird zu Samba-Rhythmus ohne Kostüme, in Zivilkleidung getanzt. Bemerkenswert ist die Lautstärke. Das geht weit über 120 dB hinaus, mitten in einem Wohngebiet. Es ist dort brechend voll, man kann sich kaum bewegen. Und dann kann man sich das ja nochmals potenziert vorstellen, wenn dann eine Woche später wirklich der Karneval losgeht und die Farben und die Kostüme und die Dekoration hinzukommen.
Das ist tatsächlich ein guter Vergleich. Der Unterschied ist bloß, dass die hier bereits beim Soundcheck voll auffahren, also mit voller Beleuchtung und voller Lautstärke. Die liegt hier übrigens bei bis zu 130 dB, was verstörend laut ist, bleibende Hörschäden verursacht, einem aber die Synapsen im Hirn neu verknüpft.
Ist es grenzwertig?
Es handelt sich definitiv bereits um eine Grenzüberschreitung. Und gleichzeitig ist auch das Lichtspektakel völlig übertrieben. Man wird nicht nur von den Bässen durchgeschüttelt, sondern weiß durch das LED-Lichterspektakel irgendwann auch nicht mehr, wo oben und unten ist. Die Ursprünge dieser Horegs waren vor etwa zehn Jahren zum Beispiel Dorfgeburtstage, also Gründungstage oder besondere Anlässe wie eine Beschneidung oder eine Hochzeit, wo dann groß aufgefahren wurde.
Was wurde früher gespielt, bevor die Horegs in Mode kamen?
Früher wurde klassische Gamelan-Musik gespielt, dazu transzendentale Zeremonien durchgeführt, und es wurden die ganze Nacht über Schattenpuppentänze aufgeführt. Die Feste gingen bereits damals von abends bis morgens und waren wohl auch deshalb vergleichsweise teure Unterfangen, weil man nicht nur eine Gruppe von Musikern und Tänzerinnen bezahlen musste, sondern das gesamte Dorf bespielt wurde. Die Ökonomie, die dahintersteckte, funktionierte so, dass jedes Haus eine signifikante Summe dazu gab. Genauso werden auch heute die Sound Horegs finanziert, während die traditionellen Zeremonien oft gar nicht mehr stattfinden.
Wenn man sich Videos dieser Horegs anschaut, sieht man auch Frauen in historischen Kostümen, die zu dieser lauten Musik choreografierte Tänze aufführen.
Ich weiß nicht, wie viel sich in diesen Kostümen wiederfindet, was mit der alten Tradition zu tun hat. Schließlich wird da eine völlig wilde Mischung aus traditionellen Trachten, Fantasy-Kostümen und Karnevalsadaptionen zur Schau getragen. Es gibt sicher auch Dörfer, die dagegen aufbegehren, weil die alten Traditionen zu Grabe getragen werden, aber der ökonomische Erfolg von dem Ganzen ist so groß, dass diese Entwicklung wohl nicht mehr zu stoppen ist.
Und wie übersetzt du all das, was du gesehen hast und was du ja analytisch betrachtest und sezierst, in die Arbeiten, die du in Esch zeigst?
Da gibt es drei neue Arbeiten. Zum einen zeige ich eine Reihe von analogen Fotografien mit einer journalistischen Ästhetik, irgendwo zwischen Porträt und Reportage. Ich war ja letztlich ein Fremder, der zum Augenzeugen und Chronisten dieser Horegs wurde. Dafür habe ich auch schon mal in einer Wellblechhütte zwischen Rebhühnern übernachtet und war mit einem Mal mittendrin in der Dorfrealität. Für mich sind auf diese Weise sehr wertvolle Bilder entstanden. Und andererseits zeige ich in Esch zwei Sound-Skulpturen, die konkret an die Sound Horeg-Soundsysteme angelehnt sind. Es handelt sich eher um eine Reflexion dessen, was ich vor meiner Reise antizipiert habe, und eine flüchtige Erinnerung an das Erlebte im Kontext meiner künstlerischen Praxis als um eine Aneignung. Die Skulpturen für Esch sind zum einen ein Fahrzeug, dass neben der Horeg-Referenz Bezug auf die Einsatzfahrzeuge der Ghost Army nimmt. Die Sondereinsatztruppe der US Army führte im Zweiten Weltkrieg Täuschungsmanöver mit Lautsprechern durch, die maßgeblich zur Befreiung Luxemburgs von den Nazis beitrugen. Zum andern zeige ich ein Boot, ein Geisterschiff, dass wie ein Relikt unerwartet deplatziert zum akustischen Herzstück der Installation wird. Mich fasziniert, wie die Sound- Horeg-Umzüge zum Schluss ihren Weg aufs Wasser gefunden haben. Ich habe es leider nicht geschafft, die Paraden auf dem Wasser selbst zu besuchen, damit bleiben sie für mich ein Mysterium. Beide Skulpturen sind also nicht nur Übersetzungen, sondern Abstraktionen von etwas Gesehenem oder Vorgestelltem. Diese Wasser Horegs stehen übrigens massiv in der Kritik, weil sie umweltschädlich sein und die Lebewesen im Wasser nachhaltig stören sollen, und weil neben der Noise Pollution nicht zuletzt auch viel gewöhnlicher Müll produziert wird. Für mich ist das alles aber gerade in seiner Widersprüchlichkeit als Motiv ausreichend, um es zu thematisieren und in eigene Arbeiten zu übersetzen. Ich kommentiere das Phänomen durch Skulpturen, die reflektieren, was ich in Java erlebt und gesehen habe. Ich nehme skulptural Bezug auf die Sound Horegs, die bei mir zu einer Art Nachbild dessen werden, was wahnsinnig groß in den Social Media abgefeiert wird – und zugleich ganz fernbleibt. Es bleibt ein bisschen Mythos und auch ein nicht ganz greifbares Phänomen.
Was bedeutet der Begriff Horeg eigentlich genau?
Horeg kann man mit Vibration oder Erschütterung übersetzen. Du musst es dir so vorstellen, dass wenn du in deinem Haus
sitzt, während der Sound Horeg vorbeizieht, die Scheiben deiner Fenster zerbrechen und Dinge aus den Regalen fallen können. Wenn die Teile da vorbeifahren, kann man das Gefühl bekommen, alles falle auseinander. Aber genau darum geht es! Es geht darum, das komplette Dorf einmal fundamental durchzuschütteln. Einmal im Jahr: Schock-Trauma! Und danach kann es dann wieder sortiert weitergehen.
Also im Sinne einer Geisteraustreibung.
Ja, genau. Das kann man so sagen.
Geht es dir ebenfalls darum, die Konschthal von innen auszubeulen?
Nein! Und schon gar nicht als Dauerpraxis. Aber die punktuelle Grenzüberschreitung, die sollte es in Esch schon geben. Am Ende ist es eine Frage der Intervalle. Gibt es kürzere oder längere Abschnitte von Ruhe im Verhältnis zum Lärm? So geschieht es ja im Übrigen auch auf den Sound Horegs selbst: Die Fahrzeuge fahren langsam und in großen Abständen zueinander. Und das bedeutet: Es gibt immer wieder auch Ruhephasen zwischen den Erschütterungen.