Niki de Saint Phalle in Berlin

Und Nikis Grazien haben recht behalten

Niki de Saint Phalle entwarf in den 1990er-Jahren einen "Nana-Brunnen" für den Lützowplatz in Berlin. Warum das Projekt scheiterte und auf welche weiteren Widerstände die Künstlerin in Deutschland stieß

Die Geschichte ist auch ein bisschen traurig, weil sie von Kleingeist und Kunstfeindlichkeit handelt. Aber sie erzählt ebenso von der Energie großer Kunst, Debatten auszulösen und starke Wirkungen zu entfalten. Der Tanz der drei Grazien wirkt heute wie ein großer Triumph. Entworfen wurde das Skulpturentrio, das mit großer Verspätung nun erstmals in Deutschland ausgestellt ist, von der legendären französisch-schweizerischen Künstlerin Niki de Saint Phalle (1930–2002). "Nikifizierung" heißt die Ausstellung in der Berliner Galerie Judin, in der nicht nur "Les Trois Grâces" zu sehen sind, sondern auch deren Entstehungsgeschichte aufgerollt wird. Dabei geht es vor allem um die Beziehung der Malerin und Bildhauerin zu Deutschland – einem Land, das eine wichtige Rolle in ihrer künstlerischen Entwicklung spielte.

Mit den drei Mosaikfiguren im Mittelpunkt der Schau feierte die Künstlerin Leibesfülle und Lebensfreude. Jede der drei gesichtslosen Grazien – eine weiße, eine schwarze und eine silberne Figur, jeweils im bunten Badeanzug – steht auf einem Bein, während das andere schwungvoll angehoben ist. Sie werfen ihre Arme in ekstatischer Bewegung nach oben. Ursprünglich waren die Tanzenden als Brunnenfiguren gedacht. Eine Skizze des Architekten Mario Botta, mit dem Saint Phalle für einen am Berliner Lützowplatz geplanten "Nana-Brunnen" kooperierte, zeigt drei sich um die eigene Achse drehende Figuren in einem kreisrunden Bassin. 

Initiatorin des Brunnenprojekts war Mitte der 1990er-Jahre Karin Pott, die damalige Direktorin des Hauses am Lützowplatz. Saint Phalles tanzende Nanas wurden damals als Allegorien auf Deutschlands Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entworfen. Eine Rolle in der Zukunft des wiedervereinigten Landes und seiner Hauptstadt war den Figuren aber nicht beschieden; die Realisierung des "Nana-Brunnens" scheiterte nicht zuletzt am Widerstand innerhalb der Stadtverwaltung. Die "Trois Grâces" zählen zu den letzten Werken der schon von Krankheit gezeichneten Künstlerin. 2010 wurde eine abweichende Version der Figurengruppe – mit einer gelben statt einer silbernen Grazie und ohne Brunnen-Ambiente – im Rahmen eines Skulpturenprojekts vor dem National Museum of Women in the Arts in Washington D.C. aufgestellt.

Debattenstart in Hannover

Das durchaus schwierige Verhältnis zwischen der Künstlerin und der deutschen Öffentlichkeit trat 1974 offen zutage. Damals beauftragte die Stadt Hannover Saint Phalle mit drei monumentalen Nanas, was erbitterte Diskussionen zur Folge hatte. Auf einer Galeriewand sind Debattenbeiträge, Zeitungsartikel und Karikaturen zu verschiedenen Saint-Phalle-Projekten in Deutschland versammelt. Die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" richtete sogar eine eigene Rubrik für Leserbriefe ein, weil die Resonanz – vor allem die Empörung – so groß war. "Otto Normalverbraucher" habe für "derartige Verdummung kein Verständnis", schrieb ein Leser, dessen Wut sich nicht nur gegen die Künstlerin, sondern auch gegen die Verantwortlichen der Stadt richtete: Diese müssten zur Strafe "unter Tage in eine Kohlenzeche oder (…) an die Ofenanlage eines Stahlwerkes" geschickt werden. Ab in den Frondienst, ihr Feminismus-Versteher!

Kritik kam insbesondere vonseiten der Männer – was Saint Phalle gelassen nahm: "Vielleicht protestieren sie gerade, weil sie es kapieren", erklärte die Künstlerin; ihre Nanas seien Trägerinnen einer sozialen Botschaft. Der Vorschlag, die Figuren nach bedeutenden Hannoveranerinnen zu benennen, verschärfte die Debatte noch, die sich an der ungewöhnlichen Formensprache Saint Phalles, mitunter absurderweise auch an ihrem "Antifeminismus" oder an der mutmaßlich entwürdigenden Frauendarstellung entzündete. Von anderer Seite wurden die hohen Kosten des Projekts moniert oder es kamen Ressentiments gegenüber einer französischen Künstlerin zutage. Der Krieg steckte wohl noch in den Köpfen. Als sogar vor einer erhöhten Gefahr von Verkehrsunfällen gewarnt wurde, gründete ein Hannoveraner Gastronom die Gruppe "Freunde der Nanas", die Saint Phalles Skulpturen mit Humor und öffentlichem Engagement verteidigte. Während die Gegner weniger wurden, blieben die Nanas am Leineufer und wurden zum beliebten Wahrzeichen Hannovers.

Auch für die Künstlerin wurde die Hannoveraner Debatte zum Fanal – im positiven Sinn. Saint Phalle wertete den Streit als "echtes Ereignis in meinem Leben". Es habe sie "stärker zur öffentlichen Kunst hingeführt", weil man über sie mehr sagen könne als über ihre andere Kunst. "Und ich denke, dass es ein sehr guter Weg ist, zu kämpfen. Über Kunst zu streiten ist viel besser als über Religion."

So wurde der öffentliche Raum ab den späten 1970er-Jahren zum wichtigsten Arbeitsfeld der Künstlerin. Es entstanden spektakuläre Projekte wie der gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Jean Tinguely geschaffene "Strawinski-Brunnen" neben dem Centre Pompidou in Paris oder der Tarotgarten in der Toskana. Auch aus Deutschland erreichten sie weitere Aufträge. Anders als Projekte in Hamburg, Nürnberg und in Berlin, die scheiterten, wurde 1993 in der Duisburger Königstraße ein Saint-Phalle-Brunnen realisiert. Den Sockel für ihren "Lifesaver", einen riesigen blauen Vogel mit abgerundeten Schwingen, entwarf Tinguely, der jedoch vor der Fertigstellung verstarb. Sein Assistent Seppi Imhof vollendete den Sockel nach den Entwürfen des Künstlers. Später wurde die Duisburger Skulptur um eine Figur ergänzt, die sich an den Vogel schmiegt. Sie kann als Reminiszenz an den Partner gelesen werden, von dem übrigens das im Ausstellungstitel zitierte Schlagwort "Nikifizierung" stammt. Und Tinguely hat richtig gelegen: Saint Phalles Kunst ist populär geworden und begeistert heute ein weltweites Publikum. Die Kritik und der Widerstand früherer Jahre wirkten sogar als Katalysator für die Ausstrahlung ihres Werks. Insofern hat Niki de Saint Phalle in Deutschland großes Glück gehabt. Und die Grazien triumphieren zu Recht.