Nilbar Güreş in Istanbul

Verbotene Früchte

Nilbar Güreş ist eine der wichtigsten Figuren der türkischen Kunstszene und zerlegt trotz Repressionen traditionelle Geschlechterrollen und Identitäten. Nun widmet ihr das private Arter Museum in Istanbul eine überfällige, riskante Schau

Ein riesiger, ausladender Baum, konstruiert aus Blättern, die aus folkloristischen Stoffen, Teppichen und Mustern bestehen. Halb Punk, halb Bondage. Gravitätisch neigt sich dieses Labyrinth aus nichtbinären Primatengesichtern und verbotenen Früchten wie Kokosnüssen und Bananen zum Erdboden hin.

"Mayzu: A Tree with Coconuts and Bananas" nennt sich die Arbeit von Nilbar Güreş aus dem Jahr 2022, die derzeit im Istanbuler Kunstmuseum Arter zu sehen ist. Die Installation kommt wie eine Flowerpower-Fantasie der 70er-Jahre daher. Zentral in einer der großen Hallen steht diese wuchernde, dreidimensionale Collage mit erotischen Anspielungen –  Güreş’ "Zoo" der undefinierbaren Formen.

Selbst, wenn die Besucherinnen und Besucher nicht jedes Detail des schillernden Wunderbaumes durchschauen: Wenn sie in dem überdimensionierten Setting Selfies machen, schleusen sie unbewusst die Botschaft von der Obsoleszenz fester Geschlechter- und Identitätsgrenzen in ihre Bildnetzwerke ein.

Ausgangspunkt ist die eigene Existenz als Frau

Zusammen mit den Pioniergestalten Gülsün Karamustafa, Hale Tenger oder einer feministischen Kunst-Aktivistin wie Şükran Moral gehört die 1977 in Istanbul geborene Nilbar Güreş zu den markantesten Vertreterinnen der zeitgenössischen Kulturszene in der Türkei. Wie kaum eine andere Künstlerin beschäftigt sich die Frau, die seit ihrem Studium in Wien zeitweise auch in Österreich lebt, mit der Frage nach Identität - beziehungsweise der Unmöglichkeit, sie zu fixieren.

Ausgangspunkt ist bei Güreş immer die eigene, weiblich gelesene Existenz. Ikonischen Status hat ihre 2006 entstandene Arbeit "Undressing". In der sechsminütigen Videoperformance wickelt sie sich ein schleierartiges Textil nach dem anderen vom Kopf, murmelt bei jedem einen anderen Frauennamen, bis sie am Ende mit weißer Bluse und offenem Haar zu sehen ist.

Die Arbeit ist als Reaktion auf den antiislamischen Populismus im Gefolge von 9/11 entstanden und verhandelt die spätestens seit dieser Zeit aufgekommenen Identitätspolitiken. Die Figur der verschleierten Frau diente damals wie heute als Rechtfertigung rassistischer Politik. Wie kaum eine andere versucht Güreş darüber hinaus, die rigiden Grenzen der Heteronormativität zu unterlaufen. Auf den ironischen Titel "Happy together" taufte sie 2020 eine Stahlskulptur, in der die ineinander verschränkten Umrisse eines Paares mit Boxhandschuhen gegeneinander kämpfen.

Wildes, queeres Begehren

Wahrscheinlich sind es dieses demonstrative, immer im Modus heiterer Alltagsmedien und -formen vorgebrachte Infragestellen traditioneller Geschlechtermuster und das Beharren auf einer queeren Resilienz, die bislang eine größere Einzelausstellung der Künstlerin in der Türkei verhindert haben. Den Hang zu diesen Themen hat Güreş ihrer Heimat entlehnt, einem Dorf im kurdischen Südosten der Türkei. "In Bingöl war ich beeindruckt von den Regenbogenfarben eines runden Teppichs am Haus meines Vaters" erinnert sich die Künstlerin. "Queer desire is wild" nannte sie 2015 eine gestrickte Schlangenskulptur.   

Es ist überfällig, verdienstvoll und zugleich riskant, dass das private Kunstmuseum Arter der Industriellenfamilie Koç, den Hauptsponsoren der 1987 gegründeten Istanbul-Biennale, Nilbar Güreş nun die große Bühne im wichtigsten Kunstmuseum der Türkei bietet. Schließlich hetzt Präsident Recep Tayyip Erdoğan seit vielen Jahren gegen die LGBTQI+-"Ideologie", macht nicht-heterosexuelle Menschen als "pervers" verächtlich und versucht, ein Gesetz durchs Parlament zu peitschen, das das Bekenntnis dazu unter Strafe stellt.

In Güreş' Werk dagegen öffnet sich ein ästhetischer Baukasten, der die herkömmlichen Vorstellungen von Familie und Beziehungen zerlegen helfen will. "Velvet Stare", die turmartige Skulptur, die der Istanbuler Ausstellung den Namen gegeben hat, verdeutlicht, warum diesem Werk mit dem Label "feministisch" nur schwer beizukommen ist. Etwas expliziter wird es allerdings trotzdem manchmal: Zum Beispiel, wenn sie auf ihrer Fotografie "Coconut Cutters" von 2018 den zwischen Kastration und Ernte oszillierenden Moment festhält, in dem eine Frau eine Palme besteigt und mit einer Machete ihr Kopftuch und zwei Kokosnüsse von deren Krone abtrennt, während die zweite Frau unten ihre Schürze aufhält, um die Früchte aufzufangen.

Eine obsessive Affinität zu Stoffen

In "Velvet Stare" nimmt sie dieses Motiv auf. Die Arbeit mit dem ausladenden grünen Hut über dem pinkfarbenen Abendkleid ist ein Hybrid aus Palme, Frau und Statue mit zwei Brüsten oder Kokosnüssen. Die Künstlerin macht die Skulptur zu einer queeren Übermutter. Sie ist Revue-Star und alles unter Blickkontrolle nehmende Überwachungsinstanz in einem.

42 Arbeiten aus allen Schaffensperioden hat Kurator Emre Baykal, seit Anfang 2024 auch Direktor des Museums Arter, aus Güreş' Œuvre zusammengestellt. Die Auswahl belegt die obsessive Affinität der Künstlerin zu Stoffen. Diese hängt auch damit zusammen, dass sie nach der Istanbuler Marmara-Universität an Wiens "Angewandter" neben Kunst auch Design und Textil studiert hat.

Für ihre Installationen, Videos und Skulpturen arbeitet sie oft mit Handwerkerinnen und Handwerkern zusammen. Sie verwendet deren lokale Traditionen und schafft so widersprüchliche, fließende Formen und Körper, die an Sexualorgane erinnern, mit Körperflüssigkeiten "verunreinigt" sind und ein schwer fassbares Begehren artikulieren.

Ein hybrider Vorbote auf Venedig

Diese Lust am Uneindeutigen treibt sie in Istanbul mit der Arbeit "Monstera" auf die Spitze. Die eigens für die Ausstellung geschaffene Skulptur, die an die tropische Zimmerpflanze mit ihren charakteristisch geschlitzten Blättern erinnert, könnte von Donna Haraway erfunden sein. Mit ihren aus Textilien geformten Blättern und den tentakelartig nach zwei Näpfen mit Wasser und Katzenfutter ausgreifenden Kupferdrähten wirkt sie wie eine jener queeren Existenzen, die die US-amerikanische Feministin in ihrem "Cyborg-Manifest" beschrieben hat.

Die Ausstellung belegt, wie Güreş den feministischen Impuls ihres Frühwerks zielstrebig in ein Universum des Hybriden weiterentwickelt hat. Darin lösen sich die Polaritäten zwischen den Geschlechtern und zwischen humaner und nicht-humaner Existenz auf. Ob sich dieser philosophisch-ästhetische Schlusspunkt noch toppen lässt, könnte sich im Frühjahr 2026 in Venedig zeigen. Dann wird Nilbar Güreş ihre patriarchale Heimat im türkischen Pavillon auf der Internationalen Kunstbiennale vertreten.