Erstaunlich, wie angenehm es ist, mit den nebensächlichen Videos von Nina Könnemann Zeit zu verbringen. In ihrer filmischen Werkreihe "Blocken" (2023 - 2025), die noch bis Mitte September im Haus am Waldsee zu sehen ist, zeigt sie Nebenschauplätze und Endphasen von Großevents in sogenannten Live-Bildern. Man kann die Filme anschauen wie Übertragungen in den dritten Programmen: etwa von Marathons oder Karnevalsumzügen, die den Ereignisreichtum einer nahen Umgebung einzufangen und dabei ein Gefühl von regionaler Gemeinschaft erzeugen sollen.
In Könnemann Werken schimmert die konventionelle Ästhetik von Livebild-Produktionen immer noch durch, wird aber mit einer Ereignisarmut kontrastiert, die Nachrichtenproduktionen nie zeigen würden. Oder sie wird mit der Gleichzeitigkeit weiterer Events an anderen Orte montiert - aber immer von abseitigen Perspektiven und Locations aus.
Die Künstlerin zeigt Wartezonen, Übergänge, Endphasen und die Menschen, die sich dort aufhalten, die warten, arbeiten, durchs Bild laufen. Sie nutzt mehrere Kameras im Livestream, deren Aufnahmen ihr von kollaborierenden Filmemacherinnen in Echtzeit zugespielt werden. Dann bearbeitet sie das Material live, um es zu überblenden, zu splitten, oder Teile händisch zu verdecken. So wird ein Bild unmittelbar komponiert und später nicht wieder bearbeitet.
Das ist nicht der Berlin-Marathon
Das alles erfährt man nicht so genau in der Ausstellung. Man sieht es zwar, aber die detaillierte Erklärung der technischen Vorgänge ist Teil der Vermittlungsarbeit und spielt für die Betrachtung vielleicht auch nicht so eine große Rolle. Man merkt sehr schnell: Hier läuft es definitiv anders als beim RBB, wenn zum Beispiel der Berlin-Marathon alle Jahre wieder nach dem gleichen Schema übertragen wird.
Über die 1971 in Bonn geborene Videokünstlerin Nina Könnemann ist vergleichsweise wenig bekannt, auch die Ausstellung im Haus am Waldsee gibt wenig von ihr als Person preis. Hier wird neben "Blocken" außerdem die Werkreihe "Further Reductions" gezeigt, die thematisch und ästhetisch einen anderen Weg geht.
Eine Badezimmer-Garnitur aus Keramik wird zerstört und zu Steinwerkzeugen verarbeitet – history repeating, aber andersherum. Von der Gegenwart zur Steinzeit, vom Profanen zum Erhabenen. Aber was ist profan, was erhaben? Auch die Frage nach der Rolle der Frau bei der Erzeugung von Werkzeug scheint noch virulent. Viele kunsthistorische Anspielungen ergeben sich aus den systematischen Anordnungen der Keramiksplitter und Flint-Objekte. Zu dieser Werkreihe gehören auch zwei Videos von Könnemanns Live-Performances vom August 2024, die die Frage "Haben Frauen Steinwerkzeuge hergestellt?" beantworten.
Quasi der absolute Live-Wahnsinn
Die Künstlerin, soviel kann gesichert verbreitet werden, studierte in den 1990er-Jahren Kunst an der HfbK Hamburg, lebte und arbeitete eine Weile in den USA und drehte ein paar Videos für die kunstaffine Hamburger Band Tocotronic. Mit der Beobachtung und filmisch-dokumentarischen Bearbeitung von öffentlichen Ereignissen beschäftigt sie sich schon lange – mindestens seit 2001. Das Haus am Waldsee zeigt kurz vor dem Ende ihrer Ausstellung am Sonntag, 31. August, um 20 Uhr eine Auswahl ihrer Filmen von der Jahrtausendwende bis heute – eine wunderbare Gelegenheit, das Werk dieser Künstlerin in der Entwicklung kennenzulernen. An diesem Tag wird die Ausstellung bis 20 Uhr geöffnet sein.
Zurück zum Blick auf Großevents: Einen olympischen Kanuwettbewerb porträtiert Könnemann, indem sie auf das finale Wasserablassen am gestauten Fluss fokussiert. Eine technische Angelegenheit, bei der es auch mal hakt. Es entstehen dunkle Bilder, strömendes Wasser, man sieht eine Kommandozentrale, hört Stimmen der Live-Übertragenden.
"I am ready. Sorry. Allright. It's starting now. Sign now. Um 7:30 fangen wir an. Ja. Ja, also doch."
Quasi der absolute Live-Wahnsinn. Ist da Komik drin? Subversion? Vielleicht beides. Aber niemand lacht. Oder hat sie das weggeschnitten, live? Hab ich was verpasst?
Wenn Cannes auf Gemüsekebab trifft
Zur geballten Livehaftigkeit kommt es in Könnemanns Arbeit über das diesjährige Filmfestival in Cannes, gefilmt an dessen letztem Tag, während der Übertragung der Preisverleihung auf einem öffentlichen Platz voller junger Leute. Dieses Ereignis wurde einmal mit der Warteschlange vor Mustafas Gemüsekebab in Berlin-Kreuzberg verschnitten, und außerdem mit aufgekratzten Fans, die von der U-Bahn-Haltestelle Olympiastadion zum Finale des DFB-Pokals strömten.
Alle drei Situationen, allerdings an den Randzonen der Hotspots aufgenommen, passierten am selben Tag, trafen sich live im Bild, das dann live collagiert und bearbeitet wurde. Während sich die Preisverleihung in Cannes in die Länge zieht und das Publikum gleichzeitig angespannt wie gelangweilt scheint, laufen Fußballfans torkelnd auf die Kamera in Berlin zu, ziehen Fratzen, lachen debil. Die Filmemacherinnen kommunizieren ihre jeweilige Standort-Lage:
"23 people waiting in line from the trash can on. The lady in the pink floral trousers. There is not much happening here. Newcomers."
Ein angenehmes Gefühl leicht konsumierbarer Ereignisarmut inmitten von großer Ereignishaftigkeit macht sich beim Betrachten breit. Man verspürt nicht einmal die Lust, das Handy rauszuholen und sich selbst – live – bei Instagram darzustellen. "Schaut mal, ich bin in der Ausstellung von Nina Könnemann! Ich sitze hier mitten in der Kunst! Bussi!" Nein, hier funktioniert das nicht.
Die Füchse haben Flöhe
Manchmal erscheint in den Filmen ein Ladesymbol, der sogenannte throbber, der die Form eines animierten Kreises hat. Diesem Zeichen kommt in Könnemanns Werk eine geradezu philosophische Rolle zu. Es wird gleich im ersten Raum der Ausstellung in einem Film so gut "in Aktion" gezeigt, dass man meinen könnte, die Technik spinnt. Aber die Irritation ist Teil der Arbeit.
Wenige Wochen vor Ende der Ausstellung passiert an den Seitenbereichen des Gartens am Haus am Waldsee etwas, das sich zu Könnemanns Konzept fast ironisch verhält: Die Seitenstreifen des Geländes sind fürs Publikum gesperrt, weil die Füchse Flöhe haben. Der Weg zum See und zu den Skulpturen kann weiterhin genutzt werden. Da hätte man gerne eine Liveschalte ins Gebüsch, um zwischen Fuchspopulation, Förster und Gärtner die Frage zu klären: Wie wurde das Flohproblem der Tiere überhaupt entdeckt? Kann der RBB das noch klären?