Ihr Mann schlägt sie, klagt die Frau am anderen Ende der Leitung, ihr ganzer Körper sei voller blauer Flecken. Im Studio von Kabul-TV lauschen eine Moderatorin und ein Beziehungsexperte. "Danke für Deinen Anruf", sagt die adrette Fernsehfrau und reicht das Mikrofon an den Berater weiter. Sein Rat an die Verzweifelte: Sie solle sich für ihren Mann immer schön frisieren und schminken lassen – genau wie die Moderatorin. Als ob das ein Mittel gegen häusliche Gewalt wäre. Für die Frau hinter der Kamera ist das Maß voll: Naru (Shahrbanoo Sadat), die einzige Kamerafrau des Fernsehsenders, möchte weg von diesen verlogenen Frauensendungen und lieber für die Nachrichtenredaktion filmen. Draußen detonieren Bomben, herrscht große Unsicherheit. Aber Naru geht lieber ins Risiko, als weiter im Studio zu versauern.
Ihre Beharrlichkeit und etwas Glück bringen sie mit dem Reporter Qodrat (Anwar Hashimi) zusammen, der um einiges älter ist als sie. Er ist der Typ raue Schale, guter Kern. "No Good Men" heißt der Eröffnungsfilm der Berlinale – entsprechend der Überzeugung afghanischer Frauen wie Naru, es gebe keine vernünftigen Männer in ihrem Land. Sondern nur welche, die ihre Frauen verprügeln oder bestenfalls weitgehend ignorieren. Wie als Gegenthese taucht dann Qodrat auf. Mit Verzögerung – nach dem Muster einer Screwball-Comedy – funkt es zwischen Naru und ihrem Kollegen schließlich auch. Problem: Naru ist verheiratet, mit dem "typisch afghanischen Mann", und muss bei einer Trennung befürchten, dass der ungeliebte Gatte ihr den gemeinsamen dreijährigen Sohn wegnimmt.
Die Geschichte spielt sich hauptsächlich im Mikrokosmos der Fernsehstation ab, über Narus und Qodats private Hintergründe erfahren wir nur das Nötigste. Korruption und die Gewalt auf den Straßen hält Kabul in Atem – und die Berichterstatter wach. Noch haben die USA und die Nato ihre Truppen nicht aus Afghanistan abgezogen. Was Medienfreiheit und Frauenrechte angeht, ist die Situation besser als zuvor – und danach, mit der Machtübernahme der Taliban.
Vor dem Hintergrund des islamistischen Regimes undenkbar
Die in Teilen komödiantische Geschichte von "No Good Men" wäre vor dem Hintergrund des islamistischen Regimes undenkbar. Die in Afghanistan aufgewachsene Regisseurin Shahrbanoo Sadat, die das Land nach dem Umsturz verließ, erzählt in Teilen ihre eigene Geschichte. Auch sie, erzählte sie jüngst dem "Tagesspiegel", habe nicht an die Existenz von guten Männern in ihrem Land geglaubt, bis sie den Journalisten Anwar Hashimi traf, dem sie konsequenterweise die männliche Hauptrolle gab.
Gemeinsam haben sie auch das Drehbuch geschrieben, wobei die Liebesbeziehung der Protagonisten hinzugedichtet wurde. Den Part der Naru übernahm die Regisseurin selbst, nachdem die eigentliche Hauptdarstellerin kurzfristig ausfiel. Sadat produzierte zwischen 2009 bis 2014 dümmliche Kochshows bei einem TV-Sender in Kabul: eine Parallele zur Ausgangslage der unterforderten Kamerafrau. In ihrem nicht ganz freiwilligen Schauspieldebüt überzeugt sie als selbstbewusste Naru, die der übermächtigen Männerwelt trotzt und notfalls eine dicke Lippe riskiert. Sehr komisch auch die Szene, in der Naru in der Dreier-Frauenclique über einen Vibrator diskutiert. Die eine Freundin hat ihr das – naturidentisch nachgebildete – gute Stück aus den USA mitgebracht, Naru zeigt sich amüsiert, während die andere, eher konservative Freundin lieber Schokolade haben möchte.
Während andere Filmschaffende wie der Iraner Jafar Panahi kritische Filme heimlich in ihrem Heimatland drehen, ist Sadats Film an verschiedenen Drehorten in Deutschland entstanden, vor allem in Hamburg, wo Shahrbanoo Sadat heute lebt. Aufnahmen aus Kabul und der deutschen Drehorte wurden geschickt miteinander verbunden, sodass der Schwindel kaum auffällt. "No Good Men" ist ein würdiger Eröffnungsfilm, der die Lebensbedingungen in Kabul vor dem Umsturz nicht beschönigt und auf Figuren setzt, die sich nicht unterkriegen lassen. Von ihrer Zuversicht können wir uns im Westen eine Scheibe abschneiden. Nehmen wir es als Filmfest-Fanal: Optimistinnen aller Länder, vereinigt Euch auf der Berlinale!