"No Mercy" im Kino

Der weibliche Blick schlägt zurück

Die Dokumentation "No Mercy" fragt, ob Frauen tatsächlich die härteren Filme machen. Isa Willinger zeigt in einer provokanten Collage, wie Regisseurinnen patriarchale Bilder zerlegen – und eine eigene Filmsprache entwickeln

Erst drei Frauen haben bislang den Regie-Oscar gewonnen. Von großen Budgets können sie immer noch nur träumen, denn die überwiegend männlichen Produzenten trauen ihnen weiterhin nicht zu, einen Blockbuster zu landen. Oder scheuen sie schlicht den female gaze, den weiblichen Blick, der Frauen nicht als schöne Objekte zeigt, sondern als Subjekte mit vielen Facetten jenseits ihres Äußeren? Auch wenn heute einige Regisseurinnen mit Female-gaze-Filmen Erfolg haben – etwa "Promising Young Woman" von Emerald Fennell oder "Hamnet" von Chloé Zhao –, ist die Glasdecke längst noch nicht eingerissen.

In ihrer temporeichen Dokumentation "No Mercy" dreht Isa Willinger den Spieß um und geht von einer Provokation aus. Sie stellt eine These der ukrainischen Regisseurin Kira Muratova in den Mittelpunkt: Frauen würden härtere Filme drehen. Wer jetzt ungläubig den Kopf schüttelt, sollte sich die Filme der "Skandalregisseurinnen" Catherine Breillat oder Virginie Despentes anschauen. Um das Jahr 2000 lösten sie mit "Romance" und "Baise-Moi" eine Schockwelle aus: Hardcore-Sexszenen, Vergewaltigungen und Gewaltorgien brachen radikal mit dem, was bis dahin üblich war.

Denn bis dato waren es vor allem Männer gewesen, die Frauen als Opfer männlicher Aggression inszenierten. Breillat und Despentes hingegen ließen ihre Heldinnen die Brutalität nicht nur erdulden, sondern auch auf Augenhöhe zurückschlagen.

Eine Collage weiblicher Perspektiven

Auf ihrer Suche nach Belegen greift Willinger in einer polyphonen Collage auf unzählige Filmausschnitte zurück – Szenen, die es in sich haben. Eine Frau schießt mit einem Baby auf dem Rücken um sich. Eine andere trägt den Kopf ihres Vergewaltigers am Haarschopf. Wieder eine andere schreibt ihren Namen mit Finger und Vaginalsekret auf einen Spiegel und uriniert später, während die Kamera ihre Vulva frontal filmt.

Die Szenen stammen von Regisseurinnen wie Céline Sciamma, Alice Diop, Valie Export, Catherine Breillat oder Virginie Despentes. Ihre Beiträge kreisen um Themen wie Rache, Begehren, Solidarität und Schwesterlichkeit.

Regisseurin und Filmwissenschaftlerin Nina Menkes, die über den male gaze geforscht hat, analysiert den misogynen Charakter der bis heute dominierenden Mainstream-Filmbilder. Dazu gesellt sich Jackie Buet, Gründerin und Leiterin des 1979 ins Leben gerufenen Festival de Films de Femmes in Créteil, mit anekdotischen Fundstücken aus dem Archiv des Festivals.

Das Ergebnis ist ein angriffslustiges Panorama vielfältiger Stimmen, hinter deren vermeintlicher "Härte" stets die Beschreibung patriarchaler Machtverhältnisse lauert – samt all jener Zumutungen im Leben von Frauen, über die sonst gern geschwiegen wird.