Noah Becker, letzte Woche haben Sie Ihre Ausstellung "ManChild" in der Galerie Anna Laudel in Düsseldorf eröffnet. Wie war es?
Düsseldorf ist eine sehr wichtige Stadt in meinem Leben, mein Großvater hat dort gelebt. Er war auch Künstler, Fotograf. Und es waren viele Leute da, die ihn kannten.
Worum geht es?
Ich glaube, dass Menschen Schwierigkeiten haben, ihr erwachsenes Ich und ihr kindliches Ich in Einklang zu bringen. Aber es ist wichtig, ein Gleichgewicht zwischen diesen beiden Rollen zu finden. Ich habe damit manchmal Schwierigkeiten, einfach ein Mann zu werden.
Welche Rolle spielt Ihre Kunst für Sie dabei?
Malen war für mich immer Therapie. In meiner Kunst versuche ich, mein verletzlichstes Selbst zu zeigen und immer über Dinge zu sprechen, die ich in der Gesellschaft oder in mir selbst hinterfrage – die Heucheleien, mit denen wir alle leben. Der Titel der Ausstellung stammt aus einem Buch von Audre Lorde. Darin gibt es ein Kapitel, das "ManChild" heißt. Es handelt von den Schwierigkeiten, in diesen Zeiten ein Kind zu erziehen – in einer Gesellschaft, die geprägt ist von Rassismus, Faschismus, Kapitalismus. Das hat mich inspiriert. Meine Eltern und ich haben ein großartiges Verhältnis, ich bin in einer interessanten Welt aufgewachsen, aber ich habe mir auch immer meine eigene Realität geschaffen.
Wie meinen Sie das?
Mir wurde beigebracht, meinen Träumen zu folgen und die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und der beste Weg dahin ist die Kunst. Sei es durch das Teilen meiner Bilder und Musik oder indem ich anderen Künstlern dabei helfe, ihre Stimme zu finden. Denn Gemeinschaft spielt für mich eine große Rolle auf meiner Reise. Ich habe einen Community Space in Berlin, wo wir Vorträge und Konzerte veranstalten und wo viele Künstler vorbeikommen und zusammenarbeiten. Bake Town heißt der Ort.
Sie haben keinen Kunsthochschul-Background. Wie haben Sie Ihren Stil gefunden?
Ich glaube, Stil zerstört die Kreativität. Ich glaube an das, was Joseph Beuys gesagt hat: Jeder ist ein Künstler. Und ich hatte das Glück, viele wunderbare Lehrer um mich zu haben. Aber ich möchte nicht bis zu meinem Tod immer dasselbe malen oder immer dieselbe Art von Musik machen. Ich möchte in keiner Schublade stecken. Es geht um die Absicht und die Wirkung der Kunst. Ich habe verschiedene Werkserien, zu denen ich immer wieder zurückkehre. In der aktuellen Schau zeige ich einiges aus der "Mea Culpa"-Serie, für die ich eine Linie am Tag male und damit Präsenz und Nüchternheit adressiere. In meiner Performancekunst geht es viel um mentale Gesundheit. Ich befinde mich auf dem Weg der Selbstfindung, und durch meine Kunst lerne ich mich besser kennen. Wenn ich auf die letzten zehn Jahre zurückblicke, bin ich wirklich stolz auf meine Entwicklung.
Aber Ihre Bilder waren immer recht bunt, groß und abstrakt – das scheint also schon Ihre Sprache zu sein.
Auf jeden Fall, in diese Richtung geht es immer. Ich habe manchmal Synästhesie und kann Farben schmecken und fühlen. Und große Werke kommen eher aus meinem Bauch heraus. Ich benutze dafür meinen ganzen Körper, ich fühle einfach. Aber es ist ein ständiger Lernprozess. Zu malen ist ein Privileg, ebenso wie die Zeit zum Malen zu haben. Deshalb nehme ich das sehr ernst.
Man könnte bei einigen Bildern von Ihnen auch an Jean-Michel Basquiat denken. Ist das ein unverschämter Vergleich?
Ich hab gelernt, nicht alles persönlich zu nehmen. Solche Vergleiche verstehe ich, wenn überhaupt, als Kompliment. Es gibt eine Menge Nachfahren von Basquiat. Aber es gibt auch andere großartige Schwarze Künstler, die nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen wie er. Ich liebe zum Beispiel David Hammons, über den man auch sagen könnte, dass er mich inspiriert hat.
Als Sie das erste Mal als Maler in Erscheinung traten, nahmen Sie nicht alle sofort ernst – als Sohn Ihrer Eltern. Wie ist das für Sie?
Ich bin dankbar dafür, dass Menschen etwas empfinden. Das Schlimmste ist doch, wenn man an meinen Bildern vorbeigehen würde und nichts empfindet. Liebe oder Hass sind für mich beides Segen. Ich weiß, dass ich Teil einer Kultur und einer Gemeinschaft bin, und darauf konzentriere ich mich. Es geht einfach darum, Ideen und Erfahrungen auszutauschen. Das ist das Schöne an der Kunst. Viele meiner Arbeiten befassen sich mit gesellschaftskritischen Themen, über die nicht jeder sprechen will, vor denen ich mich auch fürchte. Aber ich kann meine Erfahrungen als mixed-race kid, das eine interessante Kindheit hatte, der Kunst hinzufügen.
Wie hängt Ihre Musik und Ihre Malerei für Sie zusammen?
Oft integriere ich meine Musik in meine Kunst. Bei Vernissagen gibt es oft Live-Musik. Und für Multimedia-Skulpturen baue ich alte Drum Machines oder Sampler in Objekte aus Holz oder Metall ein, die man anfassen und spielen kann. Das regt die Betrachter dazu an, sich Ängsten zu stellen. Es ist das Gegenteil von "Fass das nicht an, das ist Kunst". Ich möchte, dass die Leute damit herumspielen und ihre eigene Art entwickeln, es zu benutzen. Das ist die einzige Art und Weise, wie ich gelernt habe.
Aber man könnte sagen, Sie haben es nun geschafft, Sie werden ernst genommen. Ihre Werke werden von Künstlerkollegen wie Jonathan Meese gekauft.
Das ist schön zu sehen, ja. Aber für mich geht es nicht um das Ankommen, sondern um den Weg. Ich bin kein Athlet, der irgendwann aufhören muss, weil er verletzt ist – es geht weiter. Auch die letzte Gruppenausstellung mit Elvira Bach, Salomé und Rainer Fetting war sehr wichtig für mich, denn ich habe gemerkt, dass sie mich als Verbündeten betrachten. In den 90ern haben sie sich für diese Freiräume in Berlin eingesetzt, die wir heute genießen. Und das mache ich auch. Etwa mit den Konzerten – da geht es nicht darum, etwas zu verkaufen, sondern darum, was bleibt, was ich in zehn Jahren anschauen kann und das noch eine Berechtigung hat.
Viele Kreative verlassen Berlin gerade, Sie nicht. Dabei lebt Ihre Freundin in Los Angeles.
Ich habe hier eine Geschichte, und ich habe immer noch das Gefühl, dass ich eine Aufgabe habe, einen Grund zu bleiben. Und meine Großmutter lebt hier. Ich kam 2012, bevor der Hype begann. Berlin war ein Segen. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der es darum ging, wen man kennt – und hier ging es immer darum, was man kann. Was kann man mit seinen Händen schaffen? An vielen Orten wollen die Leute nur nehmen und nehmen, und dann wieder gehen. Aber ich möchte Berlin etwas zurückgeben.
Sie haben im Bake Town Space viel Kontakt zu jungen Künstlerinnen und Künstlern. Was beschäftigt die?
Faschismus, Kapitalismus, Machismo prägen unsere Zeit. Viele suchen nach einem Safe Space. Das klingt nach Greenwashing, aber wir versuchen, uns vor allem mit Kunst und Musik zu beschäftigen. Alles, was man tut, ist politisch, aber es geht darum, ein Gleichgewicht zu finden. Ich weiß, wo ich bei all diesen Themen stehe. Wir befinden uns im Rückschritt, es gibt Diktatoren, die Mieten steigen, vieles wird teurer. Einige meiner Freunde müssen drei Jobs machen, um überhaupt Kunst oder Musik machen zu können. Deswegen nehme ich das Ganze sehr ernst. Tupac Shakur hat gesagt: "Even if you earned it, you still owe." Ich würde nicht sagen, dass ich es geschafft habe, aber ich habe Privilegien. Wir glauben an die Idee des Teilens, nicht an blaue Haken. Es geht vor allem darum, zusammenzuarbeiten. Sport ist doch ein Beweis dafür, dass es nicht darum geht, woher einer kommt. Da fragt man auch nicht zuerst, an welchen Gott jemand glaubt, bevor man ihm den Ball passt.