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Fotograf Araki im Interview

"Die Kamera bin ich"

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Für viele ist Araki der Bondage-Fotograf, für andere ist er einer der wichtigsten Fotokünstler der Welt. Fest steht, dass es ihm um alles geht: Liebe und Schmerz, über Macht, Leben und Tod

Dies ist vielleicht nicht die günstigste Zeit, um auf einen Künstler wie Nobuyoshi Araki zu sprechen zu kommen. Der japanische Fotograf verdankt einen Großteil seines Ruhms in Europa seinen Bildern von gefesselten und nackt von der Decke baumelnden Frauen – so präsentierte ihn Jean-Christophe Ammann dem deutschen Kunstpublikum in den 90er-Jahren im MMK Frankfurt. Es folgten weitere Ausstellungen und viele Publikationen, alle fokussierten auf diese Motive. Die Bilder waren so explizit wie ein Pornomagazin, aber eben doch Kunst, und zwar so ganz anders als die verkünstelte Schwarz-Weiß-Aktfotografie, der es nie gelang, besser als Malerei zu werden. Auf Arakis Bildern konnte man verschnürte und eingeölte Brüste, gestochen scharfe Schambehaarung, Genitalien und ekstatische Gesichter studieren, abgesichert durch einen beruhigenden Sicherheitsabstand aus kulturellen Unterschieden und Kunst.

Dass wir heute bei Araki vor allem an die gefesselten Frauen denken, ist allerdings weniger in seinem Werk begründet als in den Vorlieben seiner Kuratoren und Verleger. Araki, so offenbart er im Gespräch, trifft die Auswahl seiner Bilder nie selbst. Er hat in seinem Leben ungleich mehr Aufnahmen von Katzen, Blumen, dem Himmel und immer wieder von seiner Heimatstadt Tokio gemacht. Erst in dieser Gesamtheit wird sein Werk tatsächlich aufregend, und zwar weit über die Frage hinaus, ob das jetzt noch Kunst oder schon Porno ist.

"Ein zeitgenössischer Hokusai"

Eine Unterscheidung, die es ohnehin in Japan so nie gab: Bildern mit erotischen Inhalten wurde immer schon die gleiche Kunstfertigkeit und Wertschätzung zuteil wie Landschaftsansichten oder Stillleben. Er sei, sagt Araki, ein zeitgenössischer Hokusai. Der bedeutende Maler aus der Edo-Zeit schuf im 19. Jahrhundert die berühmte "Große Welle vor Kanagawa", aber auch viele Darstellungen von Geschlechtsakten, einige davon auch zwischen Menschen und Tieren.

Die kulturellen Codes in Japan sind komplex. Wie viele Verbeugungen, wer zuerst, in welchem Neigungswinkel – all das ist hier ganz klar organisiert. Die Verbeugung vor Nobuyoshi Araki müsste wohl, gemessen an seinem Ruhm, sehr tief und andauernd sein. Doch wie wirkt dann so eine in den Details ganz gewiss missratene Ehrerbietung? Man scheitert als Europäer in diesen Dingen ohnehin. Besser: Geschenke. Ein Paar Huhn-Eierbecher, DDR-Design, in Pink und Schwarz. Araki ist überpünktlich in der NA Galerie an der großen Einkaufsstraße Omotesando in Tokio erschienen, die eine Ausstellung mit seinen Bildern zeigt. Er packt sein Geschenk aus und feuert eine lange Salve sehr kehliger, heftig prononcierter Worte ab, die sowohl große Verärgerung als auch Anerkennung bedeuten könnten. Angespannt wartet man auf die Übersetzung der Dolmetscherin. Das Ergebnis ist überraschend kurz: "He is happy."

Ein Spieler, ein Trickster

Es wird nicht das erste Mal in diesem Gespräch sein, dass die Kommunikation über Bande, die indirekte Methode des Fragenstellens Irritationen verursacht. Nobuyoshi Araki ist ein Spieler, ein Trickster, der sich den Fragen entzieht, die ihm nicht gefallen, und auch solchen, die ihm schmeicheln. Dann taucht er ab und ganz woanders wieder auf. Er lenkt ab, scherzt, flirtet unvermittelt oder holt seine Kamera aus der Tasche, um plötzlich loszufotografieren. Er habe, sagt er, mehr Energie als je zuvor.

Araki wurde 1940 in Tokio geboren, er verlässt die Stadt ungern. Nach einem Studium der Fotografie begann er 1969 als Werbefotograf für die Agentur Dentsu. In den 70er-Jahren hängte er auf der Einkaufsstraße Ginza erstmals provozierende Bilder von nackten Frauen in einem Restaurant auf. 1971 fotografierte er seine Hochzeitsreise. "Sentimental Journey" markierte den Start seiner Karriere als Fotokünstler, für den nichts unzeigbar ist: Alltag, Sex, Tod. Nach einer Krebs­erkrankung und dem Verlust des Augenlichts auf einer Seite hatte er sich 2017 zurückgezogen und eine Pause eingelegt. Jetzt, mit 77, fotografiert Nobuyoshi Araki um sein Leben. Aber eigentlich hat er das immer getan.

Es ist auffällig, wie sehr Ihre Fotografien mit der Stadt Tokio verknüpft sind. Wie ist es für Sie, auf Reisen zu sein?
Ich bin nur an meiner Nachbarschaft interessiert. Ansonsten zählt für mich: When in Rome, do as the Romans. Ich versuche, ein Bürger von Hongkong zu sein, wenn ich in Hongkong bin, ein Shanghainese in Shanghai, und ich würde zu einem Deutschen in Berlin, wenn ich dort Bilder machte.

Sie hatten in den frühen 2000er-Jahren eine Ausstellung in Berlin, wie haben Sie die Stadt erlebt?
Ich war dort, um meine Arbeit zu zeigen, und hatte keine Zeit, die Stadt zu sehen und Bilder zu machen. Ich sehe durch das Objektiv. Solange ich nicht fotografiere, sehe ich die Stadt nicht. Aber ich habe ein Stück der Berliner Mauer nach Tokio mitgenommen.

Sie sehen also nur, was Sie fotografieren?
Ja, das ist die einzige Möglichkeit. Ich verstehe eine Stadt erst, wenn ich sie fotografiere. In Japan sagen wir „Herz-Auge“, das Auge des Herzens. Mein Herz-Auge ist die Kameralinse.

Sie sind die Kamera?
Tatsächlich hieß meine letzte Ausstellung des vergangenen Jahres so: "I, Photography". Ich bin die Kamera. Dieses Komma und der Punkt sind wie der Klang des Kameraverschlusses. Tschak, Tschak. Japaner sind bescheiden, darum wollte ich die Ausstellung nicht "I am Photography" nennen, und diese Satzzeichen sind Zeichen meiner Bescheidenheit.

Fotografieren Sie jeden Tag?
Es ist wie Atmen oder mein Herzschlag. Ich wache auf, stelle fest, dass ich noch atme, und mache zuerst ein Foto des Himmels.

Das erinnert mich an On Kawara und seine Postkarten, "I am still alive".
Er hat doch alles in Zahlen umgewandelt, oder? So etwas würde ich nie tun.

Sie arbeiten auch mit Zahlen, wenn Sie die digitale Datums­einblendung auf den zuletzt in der Galerie Taka Ishii gezeigten Abzügen manipulieren: Sie alle tragen das Datum des 25. Mai 2017.
Ich habe ihnen allen das Datum meines Geburtstags gegeben, obwohl es ein ganzes Jahr gedauert hat, die Bilder zu machen. Ich will mit meinem Werk spielen und ein bisschen Unfug damit machen. In gewisser Weise sind meine Fotos alles Selbstporträts, Dokumente dessen, wie viel Spaß ich habe. Und es wird immer schlimmer, je älter ich werde.

Auch wenn Sie kontinuierlich fotografieren, ist es ein Prozess des Auswählens. Zunächst wählen Sie den Moment, den Sie festhalten wollen, später dann das, was veröffentlicht werden soll. Wie gehen Sie vor?
Der Kurator sucht aus, nicht ich. Ich sehe mich ausschließlich als Empfänger. Wenn ich ausstelle, überlasse ich die Auswahl den Betrachtern. Und wenn ich fotografiere, dann ist es eine Kollaboration zwischen mir und dem Ort oder zwischen mir und der Person. Die Stadt oder die Frau sagt zu mir: Mach jetzt das Bild. Ich empfange die Botschaft von meinem Motiv. Ich bin nur der Empfänger, und ich akzeptiere alles.

Heißt das, es gibt keine schlechten Bilder?
Nur wenn es mir nicht gelingen würde, die Essenz einzufangen, wäre es ein schlechtes Bild. Ich glaube wirklich, dass alles wundervoll ist. Früher war ich wählerischer, jetzt bin ich viel offener. Ich habe das Gefühl, das hat auch mit dem Älterwerden zu tun.

Wird alles kostbarer, je weniger Zeit man noch hat?
Ich hatte kürzlich eine Ausstellung im Tokyo Photographic Art Museum, der gab ich den Titel "Sentimental Journey 1971–2017–". Ich möchte nicht enden, darum habe ich das "–" nach 2017 angefügt. Das ist mein aktueller Zustand. Ich will weitermachen.

War das Weitermachen denn eine Entscheidung?
2017 hatte es eine Unterbrechung gegeben. Jetzt habe ich wieder angefangen, Bilder zu machen. Ich fühle mich gerade richtig gut und habe mehr Energie denn je. Für mich wird das Ende der Reise, die als "Sentimental Journey" begann, das Ende des Fotografierens sein und damit mein Tod. Aber noch ende ich nicht. Es gab nur eine Pause.

"Sentimental Journey" ist der Titel einer Fotoserie, die 1971 während der Flitterwochen mit Ihrer Frau entstand, die 1990 starb.
Es gibt dieses eine Bild, auf dem meine Frau in einem Boot liegt und schläft. Es ist sehr bekannt. In Japan glauben wir, dass man zwischen Leben und Tod den Fluss Sanzu überquert. Jeder interpretierte das Foto als die Überquerung des Sanzu, den Weg ins Reich der Toten. Wenn ich aber heute dieses Bild ansehe, dann zeigt es für mich einen Embryo, der erst noch geboren wird. Für mich geht es in diesem Foto um das Leben, nicht um den Tod.

Bei Ihrer letzten Galerieausstellung in Ihrer Galerie Taka Ishii haben Sie gesagt: Being young is totally out of fashion – jung zu sein ist total out.
Man muss doch ohnehin älter werden, und das ist ein Fortschritt. Es ist so wichtig, nicht stehen zu bleiben! Für mich ist das Erhalten der Jugend pure Stagnation, überhaupt nicht erstrebenswert. Man muss immer die frische Brise hinter sich haben, sich weiterbewegen, vorankommen.

Kann man Älterwerden lernen?
Es passiert sowieso, du hast keine Wahl. Das Leben lehrt es dich. In meinem Fall: die Frauen.

Ist Fotografie nicht auch eine Methode, die Zeit anzuhalten?
Meine Bilder nicht. Ich glaube, selbst wenn es nur eine Hundertstelsekunde ist, steckt in meinen Bildern Bewegung. Da ich ein Genie bin, wie die Leute sagen, kann ich bewegte Bilder machen. Andere müssen dafür Filme drehen.

Ich habe von Ihnen einmal die Aussage gelesen, dass jede Fotografie gewissermaßen ein finaler Akt sei.
Für mich existiert das Wort "final" überhaupt nicht, denn es bedeutet Tod. Ich aber will noch mindestens zwei oder drei Jahre leben.

Sie sind 1940 geboren. Seitdem hat sich die Welt fundamental verändert: die Gesellschaft, die Kommunikation, Technologie, alles. Sie selbst sind stets am Puls der Zeit, oft auch Ihrer Zeit voraus. Trotzdem gibt es in Ihren Bildern etwas Klassisches, immer Gültiges, denken Sie darüber nach?
Das passiert ganz automatisch, weil ich immer versuche, die Essenz festzuhalten. Die Essenz ist das immer Gültige, das klassische Element. Dabei steht die Kamera im Dienst der Fotografie, sie ist ihr Sklave. Genau wie ich der Sklave der Fotografie bin. Ich bin auch der Sklave der Frauen, wenn ich versuche, ihre Emotionen, ihre Essenz festzuhalten. Ich bin scharf auf Emotionen.

Während Ihrer Karriere hat sich auch die Fotografie vollkommen verändert. Technisch, aber auch ihre Rolle in der Gesellschaft und ihr Wert. Sind Sie von diesen Entwicklungen beeinflusst?
Ich schaue mir die Arbeiten anderer Fotografen eigentlich nicht an. Ich finde meine besser. Einflüsse zu haben ist natürlich von großer Wichtigkeit, damit man sich weiterentwickelt. Aber sie liegen für mich nicht in der Technik oder in der Frage, was die Leute unter Fotografie verstehen. Ich habe ausgeprägte Antennen dafür, was gute Einflüsse für mich sind, und die lasse ich zu. Die schlechten nicht.

Als ich Ihre Fotografien vor 20 Jahren zum ersten Mal im MMK in Frankfurt sah, hatte es zuvor hauptsächlich künstlerische Aktfotografie in der Tradition der Malerei gegeben oder eben Pornografie. Ihre Bilder waren etwas Neues, Faszinierendes. Was war das?
Ich glaube, es liegt in der Natur jedes Menschen, von Dingen angezogen zu sein, die man nicht versteht. Darum ist es völlig in Ordnung, nicht zu wissen, was es war. Ich bin überrascht, dass Sie diese Bilder gesehen haben. Sie haben versucht, dahinter zu schauen, was ich da gemacht habe. Nun, ich habe versucht, die Seele der jeweiligen Person zu zeigen.

Ich wusste damals wenig über Japan, über die Fesselungstechnik Kinbaku oder darüber, welche Rolle Sex in der Gesellschaft hier spielt. Ich war schockiert. Heute frage ich mich, ob das Verschnüren der Körper die Gefühle von etwas Innerlichem zu etwas Äußerlichem macht.
Wenn Sie sich diese Gedanken beim Betrachten meiner Bilder gemacht haben und auch danach noch, dann heißt es wohl, dass sie gut sind. Ich fessele die Körper, aber eigentlich will ich die Seele fesseln. Bei diesem Vorgang hat man sehr wenig Abstand zueinander, die Frau und ich kommen uns sehr nah. Fast möchte ich mich mit ihr zusammenbinden.

Wenn es also um Sie und die Frau geht, wie kommt der Betrachter ins Spiel?
Es ist eine Dreierbeziehung.

Sie haben 2013 das Ende der Kinbaku-Fotografie erklärt, sind Sie noch mal dazu zurückgekehrt?
Ich habe immer ein Seil dabei (zeigt auf seine Tasche). Es gibt im Grunde nichts, womit ich wirklich aufgehört habe. Und es bin nicht nur ich, der von Kinbaku fasziniert ist, sondern es sind mehr und mehr auch die Frauen, die von mir gefesselt und so fotografiert werden wollen. Lady Gaga zum Beispiel kam zu mir und wollte, dass ich sie fessele. In solchen Situationen denke ich manchmal, dass ich eigentlich von ihnen gefesselt werde.

Welche Rolle spielt Macht, die Sie dadurch über die Person bekommen?
Ich glaube nicht, dass es um Macht geht, sondern um Spiel.

Verleiht Ihnen nicht die Kamera schon Macht?
Genau so ist es, durch nichts habe ich so viel Power wie durch die Kamera. Sie gibt mir Kraft, das zu tun, was ich will. Nicht mal Steak oder fermentierte Sojabohnen machen mich so stark.

Ich verstehe, aber ich rede von einer gewissen Überlegenheit, die Sie dadurch anderen Menschen gegenüber haben.
Ich übe keine Macht aus. Wann immer ich Aufnahmen von jemandem mache, sind unsere Augen auf derselben Höhe. Ich versuche, nie von unten oder von oben zu fotografieren. Ist die Person unten, bin ich auch unten. Mein Modell ist mir immer ebenbürtig.

In den 70er-Jahren zeigten Sie auf der luxuriösen Einkaufsstraße Ginza in einem Restaurant Vulva-Fotos. An welche Wirkung der Fotografie glauben Sie?
Sie kann das Denken oder die Gesellschaft nicht verändern. Ich habe einfach nur, seit ich ein kleiner Junge bin, diesen Drang, etwas Verbotenes zu tun. Ich brauche die Übertretung, und sie ist für mich ein Schritt nach vorne. Sonst habe ich keinen Spaß.

Es gibt in der japanischen Mythologie diesen grimmigen Gnom Tengu, er ist auch ein Emoji auf dem Smartphone [ Anm. d. Red.]. Er hat eine etwas phallisch geformte Nase. Können Sie mir etwas über Tengu erzählen?
Es gefällt mir, dass Sie sich für Tengu interessieren. Ich beschäftigte mich auch mit künstlicher Intelligenz und Robotern. Masken wie die von Tengu haben keinen lebendigen Ausdruck. Wann immer ich ein Bild von jemandem mache, möchte ich, dass er weiterlebt. Eine Ausstellung, die ich noch vorhabe, handelt von Leben und Tod. Am Anfang werden die Bilder meiner toten Eltern zu sehen sein, ich habe sie gemacht, nachdem sie gestorben waren. Auf diese Weise konnte ich den bestmöglichen Winkel aussuchen, ich konnte sie wunderschön aussehen lassen. All das passierte natürlich unbewusst, wie vieles, was ich mache. Heute weiß ich, dass ich es getan habe, damit sie weiterleben können. Weil auch ich weiterleben will.

Sehen Sie rückblickend Ihr eigenes Werk anders?
Meine eigenen Bilder noch mal anzusehen heißt, von ihnen zu lernen. Ich freue mich, dass ich sie Ihnen zeigen kann, denn diese Fotografien sind Übersetzungen meiner Gefühle. Wenn jemand in Deutschland durch meine Bilder meine Gefühle versteht und den ganzen Weg nach Tokio kommt, um mich zu treffen, macht mich das sehr froh.

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