Was geschah zwischen 1933 und 1945 an deutschen Kunstakademien? Und was danach? Welche NS-Kontinuitäten gab es personell und künstlerisch? Darüber wissen sowohl die interessierte Öffentlichkeit als auch die Hochschulangehörigen oft wenig. Und meist liegt die Initiative, mehr darüber zu erfahren, bei einzelnen Studierenden und Lehrenden.
Ein Schlaglicht auf das Thema warf nun eine Veranstaltung in der Berliner Hansa Bibliothek. "Die eigene Hochschule als Täter:innen-Ort wird ungern angeschaut", sagte Nanne Buurman (Zentralinstitut für Kunstgeschichte München) gleich zu Beginn, und dies wird auch das Fazit des spannenden Abends sein, der dem Erfahrungsaustausch zwischen verschiedenen Hochschul-Mitarbeiterinnen – also Künstlern, Wissenschaftlerinnen und Kunstpädagogen – dienen sollte. Eingeladen hatte das Studio Akon, eine Veranstaltungsreihe des Forums demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst, die sich mit antisemitischen Kontinuitäten in Wissenschaft und Kunst beschäftigt; und mit den damit verbundenen Auswirkungen auf die Gesellschaft.
Kurze Impulsvorträge gaben Einblicke in bisherige Initiativen an den Kunsthochschulen Bremen, Hamburg, Berlin, Leipzig und Halle. Gemeinsam war allen, dass sie spezifische Faktoren nennen konnten, die die Aufarbeitung von NS-Kontinuitäten an ihren jeweiligen Standorten erschweren.
Die Burg als Festung
Da wäre zunächst der Umstand, dass Kunstakademien als Stätten der Elitenausbildung dazu neigen, eine starke Binnen-Identität aufzubauen, die das vermeintlich harmonische, freie Innere von einem feindlichen Äußeren trennt. "Die Idee einer von Politik befreiten künstlerischen Sphäre hat die NS-Ideologie begünstigt", konstatierte Christina Brinkmann in ihrem Vortrag zur Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle an der Saale. Dort spielten das Bild der Burg als Festung und die Idee einer starken Gemeinschaft schon immer eine tragende Rolle. Bereits 1933, kurz nach der Ernennung von Hitler zum Kanzler, kündigte die Schule 13 ihrer Lehrenden in vorauseilendem Gehorsam.
Nanne Buurman nannte insbesondere für die ostdeutschen Akademien den Faktor, dass die Existenz von NS-Kontinuitäten grundsätzlich nicht in ein Weltbild passe, laut dem nach 1945 "Schluss war" - und die DDR der "bessere Staat" gewesen sei. "Daran wird noch oft affektiv festgehalten".
Der Künstler und Hochschullehrer Andree Korpys erinnerte daran, dass einzig in Bremen eine Akademie von Nationalsozialisten neu gegründet wurde. 1934 entstand die "Nordische Kunsthochschule" (NKH), an deren Nachfolgeinstitution er heute lehrt. Dieser Standort sollte "schöpfend aus dem Urgrunde deutsch-nordischen Volkstums, mitarbeiten am Aufbau arteigener Kultur im Sinne Adolf Hitlers", so heißt es in der Gründungsbroschüre.
Ein "sehr, sehr großer Klumpen"
Die NKH tat sich durch eine Leitung hervor, die der NS-Elite durch Verwandtschaft besonders nahe stand und durch die Produktion von Wandteppichen für Parteitage oder Uniform-Entwürfe am Erscheinungsbild der Nationalsozialisten kräftig mitwirkte. Die Erinnerung an die Verbrechen, die aus den Reihen der Institution hervorgingen, und die vielfältigen Kontinuitäten der NKH in der Bremer Nachkriegsgesellschaft stellen nach wie vor einen "sehr, sehr großen Klumpen" dar, so Korpys. "Das braucht Jahre und das Zusammenwirken aller Fachbereiche." Auch, weil viele liebgewonnene Teile der Bremer Identität davon betroffen seien. Angefangen von Persönlichkeiten wie dem Unternehmer Ludwig Roselius (Kaffee Hag) oder dem Künstler Fritz Mackensen bis hin zu ihren Einflüssen auf ganze Straßenzüge (beispielsweise die Böttcherstraße, bei Insta und als Touri-Hotspot sehr beliebt) und das Künstlerdorf Worpswede.
Dass man sich bei der Beschäftigung mit dem Erbe des Nationalsozialismus auch in die Rolle des Störenfrieds gedrängt sieht und seltsame psychologische Dynamiken innerhalb der Institution erfährt, war eine weitere gemeinsame Erfahrung, die der Abend offenbarte. Nanne Buurman nannte ein typisches Skript, das einem begegnen kann: Abwehrreaktionen, gefolgt von plötzlicher Aneignung und Domestizierung des Themas, bei vollkommener Ausklammerung des "A-Wortes": Antisemitismus. Andere berichteten von Gedenkveranstaltungen, bei denen die hochschulinternen Festredner kurzfristig absagten.
Die Künstlerin Michaela Melián berichtete von ihrer langjährigen Beschäftigung mit dem Thema der NS-Kontinuitäten im Münchner Stadtbild, aber auch im Hochschulkontext. Hier wurde der öffentliche Raum durch allerlei Skulpturen, Brunnen und Denkmäler geprägt. Diese stammen von 13 Münchner Kunst-Professoren, die NSDAP-Mitglieder waren.
Gedenken hinter der Ateliertür
An der Hamburger Hochschule für bildende Kunst (HfbK), wo Meliàn bis vor wenigen Jahren Professorin für zeitbezogene Medien war, fand sie vor ihrer eigenen Ateliertür eine seltsame Gedenksituation vor. Diese stammte noch aus den 1950er-Jahren und steht sinnbildlich für die erste Ära der Erinnerung: Die Tafel zu Ehren der ermordeten HfbK-Lehrer Friedrich Adler und Hugo Meier-Thur befindet sich hinter der Studiotür, die aus Brandschutzgründen immer offen stehen muss und die Inschrift somit verdeckt. Zwar existiert mittlerweile eine künstlerische Intervention eines Studenten, die von der Hochschule angekauft wurde, aber, so Melian: "Die Tür steht immer noch auf."
Nanna Lüth, die an der Universität der Künste Berlin (UdK) geforscht und gelehrt hat, erzählte von Projekten angehender Kunsterzieherinnen, die mit Archivalien ihrer Hochschule arbeiteten, um sich der Geschichte der Vorgängerinstitution im Nationalsozialismus zu nähern. In diesem Zusammenhang gab Lüth auch eine bemerkenswerte Publikation heraus. Der denkwürdige Titel: "Immer wieder!"
Das Buch erinnert somit an die Sisyphusarbeit der Vermittlung dieser NS-Geschichte in den Künsten. Dem gegenüber steht ein offizielles Gedenken der UdK, das einzelne Elemente aufweist, aber insgesamt unverbunden erscheint: hier eine einzelne Webseite, dort ein Saal, der namentlich an die jüdische Malerin Charlotte Salomon erinnert, die in Berlin studierte und in Auschwitz ermordet wurde. Was aber fehlt, ist eine Gesamterzählung.
"Doch, es mangelt an Wissen"
Ob es eine solche überhaupt geben kann, oder ob die Entdeckung und Beschreibung dieser Kontinuitäten nicht immer an Einzelinitiativen hängen wird und fragmentiert bleiben muss, war die große Frage, die in der abschließenden Diskussionsrunde angesprochen wurde. Moderiert wurde diese vom Künstler Leon Kahane von Studio Akon. "Der Impuls, diese Arbeit zu tun", so waren sich die Panelisten einig, "geschieht immer von heute aus."
Und da wären wir auch beim "A-Wort", das hier nicht ausgeklammert bleiben kann. Denn die Frage, wer sich im Zuge der aktuell starken Internationalisierung von Kunsthochschulen noch für die NS-Kontinuitäten interessieren wird, ist überaus wichtig. Besonders für eine Gesellschaft, die den Antisemitismus in all seinen Erscheinungsformen immer noch verstehen und erkennen lernen muss, um ihn überwinden zu können; weit über das Feld der Kunsthochschulen hinaus.
An diesem Punkt zeigte sich vorsichtiger Optimismus: Studierende aus dem Ausland ließen sich durchaus für das Thema interessieren. Moderator Leon Kahane hakte nach und fragte, ob man im aktuellen Klima Claude Lanzmanns Film "Shoah" an Kunsthochschulen überhaupt noch zeigen und diskutieren könne - oder ob dies angesichts der aktuellen Nahost-Debatten, die sich darüber legen, "völlig aus dem Ruder" laufe.
Aktuelle Debatten mit einbeziehen
Andree Korpys entgegnet, Claude Lanzmann habe die aktuellen Debatten immer in seine Arbeit einbezogen, deswegen müsse man den Film "gerade jetzt" zeigen. Auch habe die künstlerische Forschung, die nicht unbedingt in wissenschaftliche Formen münde, ein großes Potenzial für den Diskurs.
Kahane fragte, ob es denn wirklich um einen Mangel an Wissen gehe und nicht vielmehr um die Dysfunktionalität des Diskurses um Antisemitismus, in dem die Kunst eine zweischneidige Rolle spiele. "Doch, es mangelt an Wissen", entgegnet die Kunstpädagogin Nanna Lüth mit Blick auf die Leistungsfähigkeit der grundständigen Schulen.