Was eine Stimme alles vermag. Der Gesang des Bassbaritons Pascal Zurek klingt zunächst beschwörend, dann meint man, einem Choral zu lauschen, irgendwann vernimmt man nur noch Laute. Ein paar Dutzend Gäste haben sich an diesem Julisonntag in einem eher unscheinbaren Backsteinbau an der Hauptstraße in Stommeln, einem Ortsteil von Pulheim bei Köln, versammelt. Einige wedeln hektisch mit Flyern und Blättern, um für eine frische Brise zu sorgen.
Sprachfetzen scheinen nun in Zureks Gesang auf. Sie fügen sich zu Worten und mitunter zu Sätzen. Kaum meint man, ihnen folgen zu können, wird das Gehörte wieder abstrakter und körperlicher: Ein Schnaufen und Stöhnen scheint da aufzuziehen. Man blickt sich um: Der schlichte Innenraum ist nicht bestuhlt und wirkt trotzdem beengt. Die einstige Frauenempore, ein blinder Holzeinbau an der Stelle des früheren Toraschreins und Löcher in der Decke, wo bis vor 90 Jahren das Ewige Licht gehangen haben muss: Seine frühere Nutzung als Synagoge ist dem Gebäude deutlich anzusehen.
Eigenartig nur, dass das hochkarätige Kunstprojekt, das dieser in städtischem Besitz befindliche Bau seit 1990 beherbergt, als "Synagoge Stommeln" firmiert. Richard Serra, Rosemarie Trockel, Rebecca Horn und viele weitere Künstler zeigten hier bereits mehr oder minder raumbezogene Arbeiten. Aber es grenzt an Anmaßung, die bauliche Hülle eines vor Jahrzehnten entweihten, ehemaligen jüdischen Gotteshauses als "Synagoge" zu titulieren, als wäre sie weiterhin aktiv. Wer Orte derart ungenau benennt, muss sich über den Vorwurf eines respektlosen Umgangs nicht wundern.
Der Hauch eines Skandals
Und tatsächlich rief Olaf Nicolais aktuelles Stommeln-Projekt, die erste künstlerische Intervention nach Alfredo Jaar im Jahr 2019, Kritik hervor. Im Nachgang zur Eröffnung des zehnteiligen, mit dem Talmudzitat "Ein ungedeuteter Traum ist wie ein ungelesener Brief" überschriebenen Performanceprojekts warf eine vom Kölner Künstler Boaz Kaizman gegründete Initiative Olaf Nicolai vor, mit vorsprachlichen Lauten, Klängen und Geräuschen zu arbeiten, "die in ihrer historischen Verwendung zur Dehumanisierung von Juden missbraucht wurden".
In einem Anfang Juli publizierten Offenen Brief zitierte Kaizman unter anderem den Pianisten und Weimarer Musikprofessor Jascha Nemtsov, der von der Aufführung "abartiger Klänge" sprach. Zog da etwa ein Skandal herauf? Am 20. Juli wirkt die Szenerie in Stommelns ehemaligem Synagogenbau eher entspannt. Während Pascal Zurek faucht und zischt, um hin und wieder klar vernehmbare Worte wie "David" und "Himmelssturz" vorzutragen, wartet die von ihrem Züchter "Altes Mädchen" genannte Brieftaube in einem kleinen Käfig auf ihren Einsatz.
Das Notat des am jeweiligen Performancetag vorgetragenen Stücks bekommt die diensthabende Taube in einer kleinen Papierrolle um den Fuß geschnallt, um sie dann zu ihrem Heimatschlag zu transportieren. Die Flugauswertung der mit einem GPS-Sender versehenen Tauben werden samt deren Porträtfoto auf Postkarten gedruckt, von denen einige bereits ausliegen. Kaum ist Pascal Zureks Gesang nach 15 Minuten zu Ende, gurrt das "Alte Mädchen" nervös: Der Taubenzüchter Manfred Schlotmann holt den Vogel aus dem Käfig und stattet sie mit der zu befördernden Fracht aus.
"Update" der Performance
Nun geht es raus in den Hof. "Dann lassen wir sie los. Nach Hause", sagt Schlotmann. "Gut Flug!", ruft er - und schon steigt die Brieftaube, heftig mit den Flügeln schlagend, in die Luft auf, um nach kurzer Zeit hinter den Hausdächern zu verschwinden. Auch Boaz Kaizman ist vor Ort. In einer wenige Tage später verschickten schriftlichen Stellungnahme zeigt er sich angetan von dem diesmal aus seiner Sicht respektvollen Umgang mit dem "historischen und emotionalen Rahmen des Ortes": "Animalische, klischeehafte oder irritierend-lautmalerische Elemente blieben gänzlich außen vor. Stattdessen traten berührende Hinweise auf jüdische Kantoren-Gesänge und rituelle Gesten hervor."
Der respektvolle Zugriff sei besonders "durch dezente, traditionell anmutende Gebetsgesten, wie etwa die Faust aufs Herz schlagen" deutlich geworden. Das "Update" der Performance finde eine gelungene Balance zwischen Kunstfreiheit und gesellschaftlicher Verantwortung, findet Kaizman. Die seiner Ansicht nach "bewusste Anpassung des künstlerischen Ausdrucks" wertet er als einen Erfolg seiner Initiative.
Die Stommelner Hauptstraße ist an diesem Sonntagnachmittag nicht allzu belebt. Das "Asia-Restaurant" und das Wirtshaus haben Kundschaft, ansonsten ziehen vereinzelte Fahrradausflügler gemächlich vorbei. Zwischen Bausünden, Steinhäusern und der schon geschlossenen Backstube weist ein übergroßes Schild zur "Synagoge".
Seit bald 100 Jahren gibt es in Stommeln keine jüdische Gemeinde, keine Beter und keinen Rabbiner mehr. Dafür aber hat Stommeln einen Kunstort, der unübersehbar "Synagoge" heißt. Vielleicht wäre es an der Zeit, über diesen Namen nachzudenken.