Wenn sich in den Bergen die Dunkelheit über das Tal senkt, begreift man wie nirgendwo sonst, dass die Nacht nur eine Form von Schatten ist. Überhaupt versteht man vieles zwischen den rauen Felsen. Man begreift die eigene Unbedeutsamkeit und die Begrenztheit der oft so unendlich erscheinenden Welt. Man setzt den Körper und seine Kraft ins Verhältnis, kraxelt einen Kamm in den Bergamasker Alpen, den Alpi Orobie, hinauf, spürt die geduldige Beharrlichkeit der Natur. Egal wie gezähmt, geknechtet oder gequält – sie wird am Ende doch immer über die Menschheit und ihre lächerliche Endlichkeit triumphieren und fühlt die unendliche Kraft dieser stoischen Ununterwerfbarkeit.
Natürlich hat auch Lorenzo Giusti, Direktor der Galleria d’Arte Moderna e Contemporanea (GAMeC) im italienischen Bergamo und begeisterter Bergsteiger, all das verstanden. "Thinking like a Mountain" nennt er den fünften (und letzten) Zyklus der von ihm initiierten Orobie Biennale, die noch bis zum 18. Januar in der Landschaft und im Museum der Provinz zu sehen ist. Das Programm folgt einem lokalen und nachhaltigen Anspruch: partizipativ, ortsspezifisch, dauerhaft. Große Ideale, denen sich viele Ausstellungshäuser und Kunstveranstaltungen der letzten Jahre verschrieben haben – und die in Bergamo tatsächlich auf fruchtbaren Boden zu fallen scheinen.
Die Region ist spärlich, aber regelmäßig besiedelt. Dörfer und Gemeinden reichen bis weit in die Berge hinauf, Landwirtschaft und Industrie wechseln sich ab. Für die Bewohnerinnen und Bewohner der Region will das GAMeC Kultur erfahrbar machen. Doch die Menschen ins Museum zu locken – wo neben der sehenswerten Sammlung anlässlich der Biennale auch die von Tieren bevölkerten Arbeiten des italienischen Kollektivs Atelier dell’Errore ihr freundliches Unwesen treiben – fällt oft schwer, wie Giusti sagt. Warum also nicht die Kunst zu ihnen bringen, hinauf in die Berge?
Hier spürt man viel Pathos
Nach etwa 30 Minuten Autofahrt auf serpentinenreichen Straßen voller dramatischer Ausblicke steigt man mit weichen Knien an einer alten Fluoritmine im Brembana-Tal aus, um Julius von Bismarcks gigantisches, ortsbezogenes Gemälde zu besichtigen. Hier wird deutlich, wie eng Giusti Kunst und Umgebung zusammen denkt. Man muss nur wenige Meter in den dunklen, feuchten Felsen hineingehen, um den exakten Punkt zu erreichen, von dem aus der deutsche Monumentalkünstler seine Arbeit betrachten lässt.
Weiße Linien aus umweltfreundlicher Farbe – teils geairbrusht, teils gepinselt, unter Mithilfe mehrerer Assistenten – ziehen sich meterlang über die Überreste des Bergbaus. Sie markieren die Schichtungen von Zeit und Fortschritt, die Verschiebung der Bedeutung der Landschaft: von Arbeit zu Freizeit, von Nutzfläche zu Kulisse. Hier kann man viel Pathos spüren. Und eine Prise jenes formal-schönen Spektakels, dessen Abwesenheit von (meist konservativen) Kritikern nach vielen Biennalen der jüngeren Vergangenheit so oft beklagt wird.
Ähnlich sinnlich, wenn auch deutlich trockener und heller, überrascht die in einem traditionellen Heuschober errichtete Skulptur "Mother of Millions". Der Titel verweist auf den englischen Namen der Kalanchoe sect. Bryophyllum, des "Brutblatts": einer Pflanze, die sich über kleine Knospen an den Blatträndern vermehrt.
Die Mutter aller Brutknospen
So wie sich die kleinen Keimlinge am grünen Pflanzensaum entlangdrücken, setzt die italienische Bildhauerin Gaya Fugazza menschliche Figürchen auf Schultern und Arme ihrer übermenschlich großen "Mutter", einer tönernen Frauengestalt. Sie hat nackte Arme und Beine, leicht gewölbte Brüste und ein menschliches Antlitz. Nur anstatt eines Genitals erstreckt sich eine flache Ebene über die Scham – der Ursprung der Welt liegt hier offensichtlich nicht zwischen den Beinen. Wer braucht schon eine Vulva, wenn man menschliche Brutknospen hat? Dafür sitzt weiter oben ein Bauchnabel und hinterlässt die Betrachterin nachdenklich: Hatte auch diese erdene Erscheinung eine überaus irdische Mutter?
Androgyne, figurative Bildhauerei voller italienischer Opulenz bevölkert auch die profanierte leerstehende Kirche Santa Maria di Gerosia im Brambilla-Tal. Sechs "Graces for Gerosia" hat die Künstlerin Bianca Bondi dort aufgestellt, die ein bisschen an entblößte Schaufensterpuppen erinnern. Aus den Köpfen der lebensgroßen Gipsfiguren sprießen künstliche Blumenbouquets – in grellem Kontrast zu den weichen Linien des monochromen Materials.
Ihre Gliedmaßen scheinen in Bewegung, greifen ineinander als tanzten sie im Kreis. Sie sind zwar nicht geschlechtslos, aber trotzdem frei von Sinnlichkeit, von der Unentrinnbarkeit des Endlichen und all seinen Versuchungen. Daran ändern auch die Berge aus Zucker zu ihren Füßen und die ewigen Kunststofflilien und Chrysanthemen über ihren Häuptern nichts. Diese Gaben bleiben unveränderlich. Ein wenig echte Vergänglichkeit, ein Dufthauch süßer, sterbender Blüten, ein paar Spuren von Verfall hätten den artifiziellen Grazien der südafrikanisch-italienischen Künstlerin wohl gutgetan.
Extremster Außenposten des Museums
Wie auf jeder Biennale entdeckt man Geliebt-Bekanntes (Gabriel Chaile), Bekannt-Kontroverses (Maurizio Cattelan), Erwartbar-Partizipatives (Abraham Cruzvillegas) und Tröstend-Schönes. Wirklich spannend wird es dort, wo das Programm Unerwartetes bereithält: Gemeinsam mit der Bergamo-Sektion des italienischen Alpenclubs (CAI) haben das GAMeC und das Architektur- und Designbüro Studio EX eine neue Version des Aldo-Frattini-Biwaks entwickelt, einer Schutzhütte für Bergsteiger. In hochmoderner Leichtbauweise krallt sich das signalrote Biwak weit über der Baumgrenze auf einem Bergkamm in den Schnee. In monatelanger Planung und in Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren wurde es dort installiert und bietet nun dauerhaft bis zu neun Personen Unterschlupf – als extremster Außenposten des Museums.
Blickt man in die wettergegerbten, strahlenden Gesichter der Alpinistinnen und Alpinisten, wenn sie über das Projekt sprechen, versteht man sofort, wie gut der Auftrag des GAMeC hier aufgegangen ist, Kunst, Gemeinschaft und Territorium zusammenzubringen. Und wie lohnend es sein kann, den Kunstbegriff manchmal weit zu fassen, damit er sich fest und langfristig verankert – weit über die Laufzeit der Biennale hinaus. Eben gedacht wie ein Berg.