Film über Femen-Gründerin

Kunst und Revolte

Das melancholische Filmporträt "Oxana" widmet sich der ukrainischen Künstlerin und Femen-Mitgründerin Oxana Schatschko, die sich im Pariser Exil das Leben nahm. Bei aller Huldigung einer tragischen Figur gehen allerdings die Widersprüche verloren

Schon als achtjähriges Wunderkind wurde Oxana Schatschko in eine von Männern dominierte Schule für Ikonenmalerei aufgenommen. Eigentlich ein Glücksfall, denn ihre Kindheit war bestimmt von Armut, väterlicher Gewalt, Alkoholsucht und strengen patriarchalen Strukturen. Als Auftragsmalerin für die orthodoxe Kirche ging ihr die Arbeit nicht aus, und doch entwickelte sie als Kunststudentin eine Abneigung gegen die Institution, die Frauen keinen Entfaltungsspielraum zugestand. 

Sie brach mit dieser Vergangenheit und begann, blasphemische Bilder zu malen: Maria in einer Burka, Jesus in homo-erotischen Szenen. Dieser Protest im Privaten war ihr nicht genug. Sie wollte andere durch Kunstaktionen aufrütteln und suchte sich dafür Mitkämpferinnen. 

Die französische Regisseurin Charlène Favier zeichnet in ihrem in malerischen Lichtstimmungen schwelgenden Drama "Oxana" Schatschkos Weg zum Aktivismus nach. Sie beginnt mit der romantischen Vorliebe für ein wildes Leben und der Inspiration durch das berühmteste Gemälde "Die Freiheit führt das Volk" von Eugène Delacroix. Auf diesem leitet Marianne mit nacktem Oberkörper und französischer Fahne die Revolutionäre. 

Zwischen religiöser Ikone und "Sextremistin"

Favier erzählt mit beinahe sakraler Inbrunst von einer Frau, die sich selbst als Ikone inszenierte und medienwirksam zur "Sextremistin" erklärte, bei der Kunst und Leben nicht voneinander zu trennen waren – eine in autoritären Regimen heikle Verschmelzung. Nackte Brüste, die in Westeuropa an Stränden nicht mal ein Achselzucken auslösen, reichten in der postsowjetischen Ukraine als Instrument gegen Repression und Sexismus für eine Verhaftung aus. 

Zwischen den letzten Tagen im Leben von Schatschko und eng getakteten Rückblenden zu den Femen-Aktionen in Kiew und Moskau entwirft das Requiem das Porträt einer selbstzerstörerischen Aktivistin. Sie provozierte mit Parolen wie "Die Ukraine ist kein Bordell" und "Fuck Putin", trug den traditionellen Blumenkranz des Kupala-Festes auf dem Kopf und prangerte mit entblößtem Oberkörper Korruption, Missbrauch und Sextourismus an. 

Für ihre Auflehnung musste sie Gewalt und Isolationshaft erdulden und wurde mit zwei gebrochenen Armen 2013 ins Pariser Asyl gezwungen. Die Kamera bleibt nah an diesen Stationen und verzichtet auf konventionelle Überzeichnungen. Gespielt wird Schatschko von der energiegeladenen Albina Korzh, die mal mädchenhaft naiv wirkt, mal durch die Achterbahn ihres Lebens zutiefst abgeklärt.

Das Wirken einer tragischen Einzelfigur

Als sich die 31-Jährige nach einer Vernissage ihrer Gemälde vereinsamt und enttäuscht von ihren Gleichgesinnten und der eigenen Bedeutungslosigkeit das Leben nimmt, bleiben viele Leerstellen. Denn der Film streift die Umstände der Post-Perestroika-Jahre, gegen die Femen ankämpfte, nur an der Oberfläche. 

Bereits 2013 hatte Kitty Green in ihrem Doku-Film "Ukraine is not a Brothel" behauptet, der offiziell als Berater fungierende Victor Svyatski sei der Chefideologe der Gruppe, der aus dem Hintergrund die Aktionen steuerte und die Aktivistinnen nach ihrer Attraktivität auswählte. Favier greift weder diese Recherchen auf, die die Integrität der Gruppe erschüttern, noch thematisiert sie die Kritik, die es von manchen Feministinnen gab. 

Sie zieht es vor, der Perspektive von Schatschko zu folgen, die nach dem Austritt aus Femen ihre Nachfolgerinnen als schlechte Kopien denunzierte und sich offenbar für die einzig wahre Anführerin hielt. Das Ausblenden aller Widersprüche rückt "Oxana" leider in die Nähe einer Hagiografie, also einer Heiligen-Erzählung, die das Wirken einer tragischen Einzelperson über die Dynamik des immer noch international aktiven Kollektivs stellt.