An diesem Punkt kann man fast davon ausgehen, dass das Pantone Color Institute auf rage bait setzt. Der Ausdruck ist das Oxford-Wort des Jahres 2025 und bedeutet laut eigener Definition: "Online-Inhalte, die bewusst so gestaltet sind, dass sie Ärger oder Empörung auslösen – etwa durch Frustration, Provokation oder Anstößigkeit – und in der Regel dazu dienen, mehr Klicks oder Interaktionen auf einer Webseite oder in sozialen Medien zu erzeugen." Was also ist passiert?
Wie jedes Jahr Anfang Dezember, wenn Rückblicke und Zusammenfassungen des so gut wie vollendeten Jahres die sozialen Medien fluten, gab Pantone einen Ausblick auf das, was kommt. Das Institut verkündete die Trendfarbe für 2026: Weiß. Oder, um es im PR-Sprech zu sagen: "Pantone 11-4201 Cloud Dancer – ein luftiges Weiß, das für eine beruhigende Wirkung steht, während unsere Gesellschaft den Wert stiller Reflexion neu entdeckt. Dieses sanft fließende Weiß, erfüllt von Ruhe, lädt zu echter Entspannung und Konzentration ein. Es schafft Raum, damit der Geist wandern und Kreativität frei atmen kann – und damit Platz für neue Ideen entsteht."
Möchte man wohlwollend sein, könnte man die Wahl als Stellvertreterin für eine leere Leinwand interpretieren, die man im kommenden Jahr selbst gestalten darf. Diese prominente Prognose hätte es für so eine abgegriffene Metapher natürlich nicht gebraucht. Möchte man hingegen dem Internet und letztlich den gesellschaftlichen Entwicklungen 2025 glauben, hat das Pantone Color Institute "den Schuss nicht gehört". Vielleicht sogar absichtlich - denn einmal mehr ist sein Name in aller Munde.
Wenn Prognosen Profit heißen
Pantone ist ein international standardisiertes Farbsystem, das jeder Nuance eine eindeutige Nummer zuweist, damit Farben weltweit exakt reproduziert werden können. Zugleich verkauft das Unternehmen seine Farbstandards und digitalen Lizenzen zu hohen Preisen und bindet Kreative damit in ein exklusives System ein.
Das zugehörige Pantone Color Institute analysiert Trends und wählt die Farbe des Jahres. Sie soll für Design, Mode und Marketing richtungsweisend sein. Schon jetzt zeigt die Pantone-Website unzählige Kollaborationen: Knete, Sofas, Post-its und Handys – alle in "Cloud Dancer"-Optik.
Auch Knete gibt's in der Trend-Farbe des Jahres
Seit Jahren steht diese vermeintliche Vorhersage als geschickte Marketingstrategie in der Kritik. Jedes Silvester alles neu kaufen, in dem nun angesagten Farbton? Und das, wo seit Kurzem eine Statistik viral geht, die besagt, dass von 2016 bis 2021 global so viel konsumiert wurde wie im gesamten 20. Jahrhundert? Die Kernfrage bleibt, gerade in diesem Jahr: Inwiefern sagt das Institut damit einen Trend voraus? Beschreibt es nicht vielmehr, auf tragisch-offensichtliche Weise, den Status quo?
"Cloud Dancer oder doch sophisticated Mitte-Girl?", fragt Dan Garten vom Instagram-Meme-Profil @galerie.arschgeweih. Darunter eine Collage aus weißem Herrenhemd, Diptyque-Kerze, einem Glas Weißwein und einem Le-Labo-Parfüm. Basic, Standard, durchgespielt. "Weiße Wandfarbe? Als Farbe des Jahres? Groundbreaking", steht eine Folie weiter über dem Foto von Miranda Priestly aus "Der Teufel trägt Prada".
Die jeweils neueste Prognose auseinanderzunehmen, ist dankbar. Letztes Jahr sorgte "Mocha Mousse" für Fäkal-Assoziationen, das Jahr davor regte man sich über das legendär langweilige "Peach Fuzz"-Apricot auf. Doch dieses Jahr erreicht das Ganze ein neues Level an Ungemach – oder auch Taktlosigkeit.
"How very MAGA", kommentierte die Schwarze Modestylistin Gabriella Karefa-Johnson unter einem "Cloud Dancer"-Post des "New York Times Style"-Accounts. "Pantonedeaf" liest man oft. Es ist tatsächlich kaum vorstellbar, dass die Farbexpertinnen und -experten bei ihrer Entscheidung diese offensichtliche Deutung nicht bedacht haben. In einem Jahr, das von der Rückkehr des weißen Nationalstolzes geprägt war, wurde die einzige Hautfarbe geadelt, die Friedrich Merz mutmaßlich nicht negativ im "Stadtbild" der westlichen Welt auffällt – die Farbe, die davor schützen kann, diskriminiert, abgeschoben oder ohne Weiteres in Haft genommen zu werden.
"Es ist zweifellos eine auffällige Wahl nach einem Jahr, in dem D.E.I.-Programme abgebaut wurden und die Regierungspartei darüber diskutierte, wie offen sie sich gegenüber einem weißen Nationalisten zeigen sollte", schrieb die "New York Times Style"-Reporterin Callie Holtermann. Pantone weist jegliche Anschuldigungen von sich. "Hauttöne spielten dabei überhaupt keine Rolle", sagte Laurie Pressman, stellvertretende Leiterin des Pantone Color Institute.
Sie betont, solche Fragen habe Pantone schon bei früheren Farbauswahlen bekommen. "Bei Peach Fuzz und später bei Mocha Mousse haben sich die Leute eingeschaltet und gefragt, ob es dabei um Hauttöne geht. Und wir dachten: 'Wow, wirklich?' Denn für uns geht es auf der grundlegendsten Ebene darum: Was suchen Menschen eigentlich, das eine Farbe beantworten kann?" Das gleicht schon beinahe einem "Ich sehe keine Hautfarben"-Statement.
Wer sich ganz in Weiß kleiden will, muss es sich leisten können
Was suchen die Menschen also im kommenden Jahr? Den Anschein von Reinheit und Klarheit? Es könnte ein weiterer "Rezessionsindikator" sein, mutmaßen einige. Farbe könne man sich schlicht nicht mehr leisten. Einen Anstieg von 156 Prozent an weißen Komplett-Looks verzeichnete die Mode-Suchmaschine Tagwalk in den kommenden Sommerkollektionen. Weiß geht immer, wenn eleganter Rückzug angesagt ist.
Doch wer sich ganz in Unschuld kleiden will, muss es sich leisten können – sauber bleiben, den Dreck anderen überlassen, sich die Hände nicht schmutzig machen. Oder wollen die Menschen einfach dem neuen alten Weltbild entsprechen, das Donald Trump propagiert? Einige vermuten, die Auswahl sei ohne Beteiligung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen getroffen worden. Wer weiß ist – und damit politisch wie Pantone-mäßig im Trend – kann sich bis zu einem gewissen Punkt sicher fühlen.
Calvin Klein, Frühjahr 2026
Auch aus fachlicher Sicht ist der Fokus auf Weiß nichtssagend und unzureichend. Und gleichzeitig trägt diese Entscheidung eine so politische Botschaft wie keine Prognose zuvor. Zivilgesellschaftliche Beobachtungsstellen warnen längst, dass die Ideale des weißen Nationalismus zunehmend im Mainstream ankommen. Hier keine Verbindung zu ziehen, ist besorgniserregend.
Trendforscherin Mandy Lee kritisiert seit Langem die Methodik von Pantone, deren Farbvorhersagen sich selten durchsetzen oder kulturell Einfluss nehmen. Auch laut "Forbes" hatten viele Designerinnen, Designer und Pigment-Fans eher mit erdigen Tönen oder einer Grünschattierung gerechnet.
Doch Lee fand besonders deutliche Worte für die aktuelle Wahl: "Wenn man kulturelle, politische und wirtschaftliche Faktoren nicht berücksichtigt, sobald man irgendeine Art von Vorhersage über die Zukunft trifft, hat man schon verloren." Und weiter: "Hat man wirklich nicht bedacht, dass das Thema des wachsenden weißen Nationalismus – als Trend und als zentraler Punkt für Veränderungen im Alltag vieler Menschen in den USA – relevant sein könnte? Wie kommt man logisch und strategisch zu so einer Entscheidung, auch rein geschäftlich betrachtet? Ganz zu schweigen vom Menschlichen."
Wir sind wieder auf uns allein gestellt
Politisch oft unterschätzt sind auch scheinbar lächerliche Phänomene wie die der Farbe des Jahres. Doch nichts in der Welt der Mode und des Designs entsteht im luftleeren Raum. Weiß so auf einen Thron zu heben, wiegt schwer.
"Während unsere Gesellschaft den Wert stiller Reflexion neu entdeckt" – dieser Satz aus Pantones Beschreibung könnte auch heißen: Auf die Straßen gehen ist nicht mehr. Wir sind wieder auf uns allein gestellt, wehren uns nicht, sind leise und grenzen uns ab. Denn jede andere Farbe der Palette – das lernt man schon in der Grundschule – trübt das Weiß nur. Es spielt genau in eine konservative Weltanschauung hinein, von der vor allem die Mächtigen profitieren. Diese Aussicht für 2026 gleicht einer Aufforderung zum Hissen der weißen Fahne, also einer Kapitulation.