Paper Positions in Berlin

Papier verbindet

Die Kunstmesse Paper Positions bezieht erstmals das historische Terminal des Berliner Flughafens Tempelhof – und zeigt, wie vielfältig, politisch und poetisch das Material Papier sein kann

Berlin ist an spektakulären Veranstaltungsräumen nicht arm, aber der ehemalige Flughafen Tempelhof kickt dann doch immer wieder ganz besonders. In der 2500 Quadratmeter großen historischen Eingangshalle gastiert in diesem Jahr zum ersten Mal die Paper Positions, die bislang in der deutlich kleineren Telekom-Hauptstadtrepräsentanz beheimatet war. 

Der Ortswechsel spiegelt den Erfolg dieser auf Papierarbeiten spezialisierten Messe, ohne ihr jedoch den sympathischen Salon-Charakter zu nehmen. "Papier verbindet", so drückt es ein Aussteller während der gut besuchten VIP-Preview aus: Anders als übliche Kunstmessen mit ihrem oft überfordernden Mix an Gattungen aller Art, besticht die Paper Positions durch ihr klares Profil.

Und gerade in der Konzentration wird deutlich, in welch unterschiedliche Spielarten Künstlerinnen und Künstler das Material Papier verwickeln – von der klassischen Zeichnung bis zum Aquarell, vom Siebdruck über die Collage bis zur Pappmarché-Skulptur. 

Liebeskunst fürs Diesseits und fürs Jenseits

Die 1990 im polnischen Gydnia geborene Zuza Dolega, deren Arbeiten am Stand der Molsky Gallery ausgestellt sind, hat sich auf die traditionelle Pyrographie spezialisiert. Mit Brennstiften zeichnet sie abstrakt-bräunliche Muster. Besonders rätselhaft dabei sind ihre Cut-Out-Zeichnungen, bei denen sie sämtliche Wörter aus Buchseiten zündelt – bis auf kurze Fragmente oder einzelne Begriffe, die wie heimliche Überbleibsel einer Zensurmaßnahme oder eines mystischen Rituals wirken und eine besondere poetische Wucht entfalten.

Die Galerie AOA;87 hat einen kleinen historischen Schatz gehoben: Hans Peter Adamski, der als Teil der Künstlergruppe Mülheimer Freiheit bekannt wurde, stieß bei einer Indien-Reise Anfang der 80er-Jahre auf gefaltete Hemden aus Papier, die dort üblicherweise als Grabbeigaben dienen. 

Adamski erstand einige Exemplare und schmückte sie mit hübschen Kamasutra-Zeichnungen – Liebeskunst fürs Diesseits wie fürs Jenseits. Bei der Künstlerin Ute Essig wiederum kommt mit Stickgarn ein ganz anderes Material zum Einsatz. Mit den farbigen, am Anfang und Ende lose gelassenen Fäden überträgt sie Sprüche, die sie im Stadtraum gesehen hat, auf Papier. "Heaven I need a hug", ruft eines ihrer Werke am Stand von Semjon aus; ein anderes schlägt den Bogen direkt in die politische Gegenwart: "Fake News" steht darauf in einer anspielungsreichen Kombination aus Blau, Rot und Weiß, die Fäden überlagern und durchkreuzen sich zu einem kaum mehr entwirrbaren Knäuel.

Rituelle Zeremonie vorm Raumschiff

Hilft aus der desaströsen Gegenwart nur mehr die Flucht ins All, in die Utopie? Yael Bartana hat diese Fragen in ihrem Werk immer wieder durchgespielt, besonders prominent als Künstlerin des deutschen Pavillons auf der Venedig Biennale 2024. Am Stand der Galerie Wannsee Contemporary ist jetzt die Zeichnung aus einer Serie zu sehen, die eine Art Vorarbeit ihres Venedig-Beitrags darstellt: Eine Menschengruppe versammelt sich darin wie in einer rituellen Zeremonie vor einem Raumschiff. 

Ein weiteres Highlight des Galeriestandes sind Elinor Sahms nach Urlaubsfotografien aus Familienalben entstandenen Aquarelle. Die 1986 in Jerusalem geborene Künstlerin zeichnet mit Tinte auf synthetischem Papier, was ihren Arbeiten eine glänzende Patina, eine leicht verschwommene Nostalgie verleiht.

Die offene Kojenarchitektur unterstreicht den entspannt professionellen Charakter der Messe, in der man leicht auch mit Künstlerinnen und Künstler ins Gespräch kommt. Die Iranerin Afshan Daneshvar, die im vergangenen Jahr mit dem "Paper Posisitions"-Award ausgezeichnet wurde und jetzt eine Solopräsentation hat, erzählt, wie die politischen Entwicklungen auch ihr Werk beeinflusst haben. Sie lebe zwischen New York und Teheran, erlebe in beiden Gesellschaften, ja überall in der Welt, eine zunehmende Anzahl an "roten Linien", die nicht überschritten werden dürften.

Kontemplation statt schnelle Nachrichten

Ihre auf der Messe gezeigten Arbeiten der Serie "The Red Line" bestehen aus zusammengefalteten und geklebten US-amerikanischen und persischen Zeitungen, die sich skulptural über die Oberfläche erheben. Wie Mauersteine oder Landkarten wirken sie, lassen in ihrer verdichteten, zusammengepressten Form den Druck spürbar werden, den die tägliche Nachrichtenlage ausübt. 

Doch zugleich verwandelt Daneshvars Zeichnungen die schnell konsumierten News in etwas, das Kontemplation und Aufmerksamkeit erfordert. Aus dem Papier als Informationsquelle wird eine ästhetische Neuerfindung, die Narrative der Autoritäten werden überführt in die Macht der Imagination: Auch das können works on paper.