Paper Positions in Berlin

Kleine Formate, große Spannungen

Kubra Khademi bei Eric Mouchet
Courtesy Eric Mouchet

Eric Mocuhet: Kubra Khademi

Die Berliner Kunstmesse Paper Positions zeigt, wie viel Energie im vermeintlich leichten Medium steckt. Besonders bei Kubra Khademi werden Linien zu Gesten des Widerstands – und Papier zum Ort politischer Sichtbarkeit

Bei Kubra Khademi ist nichts beiläufig. Ihre Zeichnungen wirken auf den ersten Blick ruhig, fast reduziert – und tragen doch eine enorme Spannung in sich. In der Serie "Women in simple situations", die auf der diesjährigen Paper Positions bei Eric Mouchet zu sehen ist, steht immer wieder ein weiblicher Körper im Zentrum: nackt, exponiert, nicht idealisiert. Ein Körper, der sich behauptet.

Khademi, 1989 geboren, in Afghanistan aufgewachsen und heute in Frankreich lebend, hat ihre künstlerische Praxis aus einer konkreten Erfahrung heraus entwickelt: als Frau in einem streng patriarchal geprägten Umfeld. Ihre frühen Performances im öffentlichen Raum von Kabul reagierten direkt darauf – bis sie nach der Aktion "Armor" 2015 zur Flucht gezwungen wurde. Was auf dem Papier bleibt, ist die Fortsetzung dieser Auseinandersetzung, mit anderen Mitteln. Linien werden zu Gesten der Selbstbehauptung, Körper zu politischen Setzungen. Die scheinbar "einfachen Situationen", die der Serientitel verspricht, kippen schnell: in Konfrontation, in Widerstand, in eine Form von Sichtbarkeit, die sich nicht zurücknehmen lässt.

Mit solchen Arbeiten lässt sich die Paper Positions ganz gut lesen. Die Messe feiert in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen und hat sich in dieser Zeit als feste Größe im Berliner Kunstfrühling etabliert. Rund 70 Galerien sind in der Haupthalle des Flughafens Tempelhof versammelt. Viel Raum, viel Licht, keine strenge Wegeführung – eher ein offenes Gefüge als ein klassischer Messeparcours.

Alles dreht sich um Papier

Das Konzept ist klar: Alles dreht sich um Papier. Und das ist hier oft mehr als nur Träger. Bei Annegret Soltau etwa (Galerie Bachlechner) wird das Material bearbeitet, durchstochen, zusammengezogen. Die Collagen von Una Ursprung bei PJ arbeiten mit Schichtungen und Brüchen, die das Bild instabil halten. Dirk Krecker (bei Heike Strelow) nutzt die Schreibmaschine, um das Papier zu strukturieren, zu verdichten, fast zu rhythmisieren. Und Tina Heuter zeigt bei Mianki Plastiken aus Seidenpapier, so zum Beispiel eine 40 Zentimeter große, sitzende Engelsfigur ("Broken").

Auch die Fotografie fügt sich in dieses Feld ein. Die Inkjet-Prints von Stefanie Moshammer zeigen, wie präsent das Material selbst in technisch erzeugten Bildern bleibt. Sie werden von Galerie Roberta Keil präsentiert, die auch Werke der großartigen Künstlerin Madita Kloss mitgebracht hat. Die Arbeiten der 1988 geborenen Österreicherin sind farbintensiv, dicht gebaut, mit Figuren, die irgendwo zwischen sakraler Bildwelt und Pop hängen. Und die eher zarten, kleinformatigen Werke von großen Namen wie A.R. Penck (bei Galerie Holthoff) ergeben neuen Aufschluss über den Zeichner hinter dem Maler.

Die diesjährige Ausgabe der Paper Positions zeigt einmal mehr, dass sie durchaus fähig zu Kontrasten ist. Es ist das Material, das all das zusammenhält. Und vielleicht ist es genau das, was die Messe nach zehn Jahren so stabil macht: dass sie sich auf ein scheinbar kleines Format konzentriert – und darin genug Raum für ziemlich große Bilder findet.