Im Zentrum von Paris gibt es schon für die Lebenden kaum Platz zum Wohnen. Noch weniger Raum steht jedoch für die Toten zur Verfügung: Die berühmten innerstädtischen Friedhöfe Père-Lachaise, Montmartre und Montparnasse sind seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts praktisch ausgelastet. Die Pariser Bevölkerung muss für eigene Grabstellen immer häufiger an den Rand der Metropole ausweichen.
Auf den sagenumwobenen Ruhestätten im Zentrum liegen Édith Piaf, Jim Morrison, Simone de Beauvoir und Honoré de Balzac. Ihre Gräber werden regelmäßig und von Menschen aus aller Welt besucht. Zwischen ihnen liegen aber auch die vielen Vergessenen: Ungepflegte Familiengräber mitsamt ihren Monumenten, Denkmäler, die seit Jahrzehnten verwittern, weil niemand sie mehr betreut.
Sobald eine Konzession abläuft oder eine Parzelle aufgegeben wird, fällt das Denkmal normalerweise der Stadt zu. Doch genau hier liegt für Paris ein Problem: Viele dieser alten Gräber stehen unter Denkmalschutz. Ihre Entfernung ist daher bürokratisch schwierig, denkmalpflegerisch bedenklich, kulturell unerwünscht – und vor allem: teuer.
Verlosen wir die Gräber!
Jetzt interveniert die Stadt daher mit einem besonderen Angebot: Wer eines dieser verfallenen Grabmäler restauriert, erhält im Gegenzug das Recht, am Ende seines Lebens selbst unter eben diesem Monument bestattet zu werden. Dieser Pakt, im April 2025 vom Stadtrat einstimmig beschlossen, klingt erstmal skurril: "Einen Grabstein retten und dafür eine eigene Grabstätte erhalten". Eine Abwandlung des ewigen Ruhewunsches R.I.P.: "Restauriere in Peace".
30 Orte auf den berühmten Friedhöfen sollen in einer ersten Testphase verlost werden, jeweils zehn pro Areal. Die Bewerberinnen und Bewerber müssen ausdrücklich in Paris wohnen, über ausreichend finanzielle Mittel verfügen, und bereit sein, "ihren" Platz nach strengen Vorgaben der Denkmalpflege originalgetreu zu restaurieren. Das bedeutet: Schriftarten, Ornamente und Material müssen genau dem historischen Zustand entsprechen. Wenn fachliche Expertise nachgewiesen wird, ist auch "Eigenleistung" möglich. Sehr wichtig: Wenn Ausgeloste die vorgegebenen Fristen verpassen oder sogar "unsachgemäß" arbeiten, verlieren sie den Deal - und somit auch die zukünftige letzte Ruhe.
Nach der erfolgten Restaurierung muss in einem zweiten Schritt zusätzlich eine eigene Grabkonzession erworben werden. Das zugehörige Grundstück bleibt zwar Eigentum der Stadt, doch das Monument wird zum privaten Eigentum. Erst, wenn beide Schritte erfüllt sind, wird das Ganze zu einem normalen Familiengrab, und man darf dort beigesetzt werden. Die Auswahl der Restauratorinnen und Restauratoren soll im Januar 2026 durch ein Losverfahren erfolgen, für jeden Ort werden zur Absicherung auch gleich "Ersatzgewinnerinnen" gezogen.
Wem gehören die Toten?
Dieses Verfahren hat bereits einen Namen: Patrimoniale Grabpatenschaft. Diese ist eine Form des bürgerschaftlichen Engagements zur Erhaltung kulturell-historischen Erbes, das öffentliches und privates Recht miteinander verbindet. Das Vorgehen ist also einmal ein zivilgesellschaftliches Experiment. Gleichzeitig öffnet es die Pariser Friedhöfe für eine neue Form der Partizipation, indem die Stadt Verantwortung auf ihre Bewohnerinnen überträgt. In der Sprache der Denkmalpflege heißt das "Stewardship", sagt Alexandra Skedzuhn-Safir, Dozentin und Postdoktorandin am Fachgebiet für Denkmalpflege der BTU Cottbus-Senftenberg.
Darf man sich aber in ein Grab "dazuschreiben", dessen ursprüngliche Bewohner man nie kannte? Beim Nachdenken über diesen Plan könnte sich bei manchen ein ethisches Unbehagen einstellen. Das Monument bleibt, die Person dahinter wechselt? Was passiert mit den Gebeinen?
Die Verantwortlichen beruhigen: Die "ursprünglichen" sterblichen Überreste verschwinden nicht. Endet eine Konzession, werden die Knochen exhumiert und in das kommunale ossuaire – das Beinhaus – überführt, dort registriert und archiviert. Es handelt sich dann also um leere Gräber. Die Totenruhe wird nicht gestört, es wird vielmehr ein Kapitel Geschichte überschrieben. Laut der Expertin ist auch das ein wichtiges ästhetisch-historisches Prinzip: "Man kann es als Palimpsest beschreiben, das Hinzufügen einer Schicht, ohne die darunterliegende historische Schicht zu verdecken. Es wird eine zusätzliche materielle und Bedeutungsebene eingebracht", so Skedzuhn-Safir. "Die Frage ist nur, ob die Namen der Vorherigen auf den Grabmälern verbleiben".
Das Pariser Modell ist nicht universell
Nicht jede Bestattungskultur kann dieses System anwenden: In jüdischen und muslimischen Traditionen ist Exhumierung tabuisiert und ein Grab endgültig. Das französische Modell ist also demokratisch gedacht, aber nicht universell anwendbar. Paris ist jedoch eine Stadt, die von Schichtungen und Überlagerungen lebt. Vielleicht passt diese Palimpsest-artige Vorgehensweise besser hierher als in jede andere europäische Metropole. Und: Es ist eben eine Patenschaft, kein Tausch. Mit diesem Blick erscheint das Projekt schon weniger makaber als vielleicht ursprünglich angenommen. Es ermöglicht einigen Pariserinnen und Parisern, wieder im Herzen ihrer Stadt bestattet zu werden. Und rettet zugleich Kulturerbe, das sonst gefährdet wäre.
Wer bereit ist, Verantwortung für Erinnerung zu übernehmen (und das nötige Geld hat), darf sich selbst in die Geschichte einschreiben. Die Beteiligten profitieren dabei aber nicht nur von einem Grab in prominenter Lage, sondern auch vom Ruhm, der diesen Friedhöfen anhaftet: Todesruhe in Nachbarschaft von Piaf, Morrison, Beauvoir oder Balzac. Wer restauriert, darf sich zu den Promis legen. Zugleich könnte man jedoch sagen, dass es sich die Stadt etwas leicht macht: Sie gibt einen Teil ihrer eigenen Zuständigkeiten ab und überträgt "Care-Arbeit" an Bürgerinnen und Bürger, um Kosten zu sparen.
Und anderswo? Grabpatenschaften sind in Städten wie Berlin seit Jahrzehnten etabliert. Paris greift dieses Prinzip auf, macht daraus aber etwas Öffentliches – und popularisiert so diese Form städtischer Gedenkkultur. Vielleicht dürfen wir uns also auch in Berlin bald zu den Ehrenbürgern betten?