Im Gegensatz zum Sommerfestival in Arles ist die Fachmesse Paris Photo ein Ereignis, bei dem nicht die Fotografen dominieren. Man sieht den Apparat dahinter und die Gesichter dazu. Es heißt seit drei Jahren, der fotografische Markt würde schrumpfen. So drucken die deutschen Auktionshäuser für dieses Segment keine Kataloge mehr; oder sie sind kurz davor, die Publikationen einzustellen. Wenn man aber eine Weltausstellungshalle mit einer riesigen Glaskuppel komplett mit Händlern ausfüllen kann - sie kommen sogar aus Japan und Buenos Aires -, dann kann es um den Markt doch nicht so schlecht bestellt sein.
Was da noch Fotografie heißt, ist ziemlich offen, weil der digitale Schöpfungsprozess von diesem Leitbegriff fast komplett gedeckelt wird, solange das Bild stillsteht. Fotografie galt ja bis vor Kurzem noch als Medium. Jetzt ist das Kameraauge des Handys das Medium. Insofern ist das, was übrig bleibt, vielleicht eher eine Gattung.
Voraussetzung ist die unausgesprochene Einigkeit darüber, dass ein physischer bildlicher Träger gehandelt oder gesammelt wird. Das kann ein Kontaktprint von 1930 sein, ein graues Bildchen von sechs mal sechs Zentimetern oder eine Installation mit farbigen Bildern, die einen ganzen Hausaltar bestücken könnten. Weil Kunst in Groß immer teuer sein muss, ist die aktuelle "Fotokunst" der Beweis, dass die Gattung das Erbe des Mediums angetreten hat.
Nach der Preview ist die Paris Photo ein Volksfest
Indem die post production längst übernommen hat, indem also "die Idee" als wesentlich und "die Beobachtung" als gestrig gilt, steht die Fotokunst in Konkurrenz zu Romanen, dem Kino, der Malerei sowieso. Was mich an Paris am meisten wundert? Dass "die Fotografie" es geschafft hat. Zumindest suggeriert dies das Ereignis im Grand Palais. Nach der Preview ist die Paris Photo ein Volksfest. Der Louvre ist im Vergleich dazu schwach besucht.
So kommt den angestammten Händlern die ehrenvolle Aufgabe zu, die Fundamente zu liefern, die Geschichte dazu. Dass selbst einige der Klassiker der Nachkriegsfotografie bis in die Spätmoderne nicht mehr leben - Masahisa Fukase, William Klein, Michael Schmidt, Chris Killip - gibt der ganzen Angelegenheit einen gewissen thrill. Es war doch eben noch ganz neu, und jetzt ist es schon Geschichte? Und dann natürlich die lebenden "Saurier" wie Graciela Iturbide und Lee Friedlander, Josef Koudelka und Miyako Ishiuchi. Nein, es ist noch nicht Geschichte!
Dass alle reproduzierbare Kunst limitiert werden muss, ist nicht mehr als eine Konvention: Skulptur, Grafik, Fotografie, Video. Tatsächlich erkennt man daran (nur), dass diese Kunst bereits unter den Bedingungen des Marktes zur Welt gekommen ist. Das war bei der Fotografie vor 1975 selten der Fall. Weil man den Grad der Produktion und Verbreitung nicht benennen, manchmal nicht einmal ahnen konnte, wurde der Begriff "Vintage Print" erfunden. Dieses Zertifikat allerdings fabrizieren die Galerien selbst. Die Definition ist nicht per se unseriös, aber darunter verbergen sich mehrere Schichten von "Provenienz", die Motiv, Material, Kontext und Beschriftung betreffen.
Visuelle Nostalgie
Und doch, es ist so viel Zeit vergangen. Der Markt ist gefräßig; was verkauft ist, kommt nur selten wieder. Die Paris Photo gibt es schon seit 28 Jahren. Das hat, in Bezug auf die klassische Fotografie, zwei sichtbare Tendenzen gefördert. Die eine betrifft die Vorderseite des fotografischen Blatts: Die Plünderung der Archive kleiner Meister, und gern auch Meisterinnen, flutet den Markt mit visueller Nostalgie.
Das andere ist die Rückseite, die man nicht sieht - "printed later" heißt es auf vielen Labels lange etablierter Galerien. Dabei wird der Unterschied verwischt, ob das Bild aus der Dunkelkammer des Fotografen kommt oder von Söhnen oder Assistenten später angefertigt wurde. Die Signatur der Fotografin auf der Rückseite bedeutet nur, dass sie noch am Leben war, als das Bild vom Negativ in ein Positiv verwandelt wurde, um es zu Cash zu machen.
Im Hintergrund dann Sotheby's, die mich auf einen Cocktail einladen. Die E-Mail-Adressen eingeladener Berichterstatter sind in Paris offenbar kein Geheimnis. Die Auktionshäuser haben es nicht mit archivalischem Staub. Die Kunst ist immer wie aus dem Ei gepellt, sogar das Ei selbst. Aber die Reise lohnt nicht, es sind hier alles Aushängebilder für Langweiler: die bekannten Motive, die "großen Namen".